Um ein großes tragisches Drama mit vielen Personen aufzuführen, wird ein großes Personal von so poetisch gebildeten Menschen erfordert, wie man sie selten findet. Im Marionettenspiele kann man sich die Diction von wenigen unsichtbar Spielenden meisterlich gesprochen denken, die mehrere Rollen ausführen. So wurde es ein Zwischending von Vorlesung und einem Bilde fürs Auge, mit dem man doch nicht zu scharf sehen, oder es bewaffnen durfte, wenn man nicht den Mangel der Pantomime entdecken wollte.
Als Heiberg diese Stücke: Don Juan und Töpfer Walter, drucken ließ, nannte er sie noch: Marionettentheater, weil er meinte, „daß der kindliche Geist der der eigentliche Charakter des Marionettentheaters ist, sich mehr oder weniger sichtbar durch dasselbe ziehe“. Aber hierin kann ich doch nicht mit ihm einig sein. Erstens liegt kein kindlicher Geist in irgend einem der Stücke des alten Marionettentheaters selbst; es war die Kunst in der Kindheit, die etwas Naives in ihren gestrandeten Versuchen und ihrer kecken Unwissenheit hatte. Diese Heiberg'schen Stücke sind, wenn man sie liest, durchaus nicht kindlich. Das erste: Don Juan, ist eine sehr gute freie Behandlung von Molière's Drama, besonders in den komischen Partieen. Aber ein Schauspiel, das Laster, Verbrechen, Ausschweifungen, Leichtfertigkeit und Spott, Scherz, Abscheu und Entsetzen darüber darstellt, kann doch nicht kindlich genannt werden. Der Töpfer Walter ist ohne Zweifel eine der poetischsten Dichtungen Heiberg's; besonders ist die Scene mit Walter und Ulf, wo der erste Gott und der Natur eine ewige Freundschaft schwört, sublim und tragisch erschütternd. Aber wenn man die Stellen ausnimmt, wo Doctor Pancreas Prügel bekommt, ist doch Nichts darin, das an das Marionettenspiel erinnert. Das Verhältniß zwischen Rosa und Walter ist anmuthig und rührend; aber merkwürdig ist es, wie der junge Dichter bereits hier fürchtet sentimental zu sein, sodaß er sich (mit der später so sehr gepriesenen Ironie) beeilt, den Eindruck auf den Leser zu vernichten, den seine Begeisterung geweckt hat, indem er Harlekin mit einer Plattitüde das Stück beschließen läßt.
Ein paar Jahr später erschien Heiberg's Weihnachtsscherz und Neujahrsspiele, eine Fortsetzung meines Sct. Hansspieles. Dieses Stück steht ohne Zweifel den frühern um Vieles nach. Es ist in seiner ganzen Composition eine Nachahmung von Tieck's „gestiefeltem Kater“, „Zerbino“ und der „verkehrten Welt“. Der ganze Spaß, die Illusion aufzuheben, und die Zuschauer selbst mit in die Handlung zu verwickeln, ist nach Tieck. Doch fehlt es mehreren Scenen nicht an Witz und Humor. Die kleine Nanine tritt schön und ergreifend auf; doch verschwindet dies, wenn sie in den Himmel kommt, und die Engel das irdische Weihnachtsspiel nur fortsetzen, das doch wohl eine Ahnung von etwas viel Höherm jenseits sein soll. Die Satyre über den Mangel an Fleisch und Blut in der Ingemann'schen Blanca ist treffend. In einem Dialoge, der sich nicht genügend in Kraft und Begeisterung erhebt, entwickelt sich ein dem Gil Blas entnommener Stoff der auf die Menge durch schöne lyrische Stellen wirkte, in dem aber der Haupteindruck doch peinlich wird, weil es ein Unglück ist, das durch Intrigue oder Mißverständnis ohne Entwickelung großer und interessanter Charaktere geschieht. Dem milden, ruhigen Ingemann, der die Literatur durch so viele schöne, besonders elegische Gedichte bereichert, und viele Leser dadurch erfreut hat, daß er in seinen dichterischen Erzählungen den Volkston zu treffen wußte, fehlt das Feuer, der Pathos, den die Tragödie nicht entbehren kann. Bei dem Norweger Boye, der kurz darauf mehrere Dramen für die Bühne dichtete, finden wir Feuer und Pathos; dagegen wieder zu wenig Milde und schaffende Phantasie.
Zeuthen und Rahbek.
Schrödersee.
In diese Jahre fiel meine Bekanntschaft mit der Zeuthen'schen Familie, welche später als unsere Kinder aufwuchsen, durch das ganze Leben fortgesetzt und zur Freundschaft wurde. Den alten Etatsrath Zeuthen hatte ich bereits in meiner Kindheit gekannt, als er, ein eifriger Freund der Schule für die Nachwelt sich derselben eifrig annahm und ich oft beim Examen den muntern, imposanten Mann mit dem klugen Gesichte und den feurigen braunen Augen als Director sah. Später in meiner Jugend, als ich Rahbek's Freund wurde, hörte ich diesen und Andere oft Gutes von Zeuthen reden; obwohl sie nicht miteinander umgingen. Zeuthen und Rahbek waren beide Jütländer, aus den Dörfern, nach denen sie genannt wurden. Sie waren beide mit dem reichen Knud Lyne verwandt, nach dem Rahbek seine Vornamen empfing, und von dem er viel erbte; Zeuthen zwar am meisten, aber Rahbek, soviel ich weiß, doch 12,000 Reichsbankthaler, für damalige Zeit eine nicht unbedeutende Summe. Zeuthen, der Jurist, später Assessor am Hof- und Stadtgericht und Geldmann war, schlug Rahbek vor, sein Vermögen so zu verwalten, daß er gute Zinsen erhalten und mit der Zeit durch Ankauf von Grundstücken gleich Zeuthen reich werden sollte. Aber das wollte Rahbek durchaus nicht, er trug das Geld in der Tasche; nach Rousseau'schen Ideen meinte er, Geld müsse ein gemeinsames Eigenthum für Alle sein; mit diesen communistischen Grundsätzen lieh er, oder richtiger gesagt, gab er seinen Freunden, was sie brauchten; er selbst machte eine Reise ins Ausland auf eigene Kosten, ohne Buch zu führen, oder auch nur etwas aufzuschreiben, und so währte es nicht lange, bis der gute Rahbek nicht einen Schilling mehr besaß, und oft in Verlegenheit gerieth, wenn die guten Freunde, an die er sich nun in der Noth wenden mußte, seine communistischen Grundsätze nicht theilten. Es währte dagegen nicht lange, als sich Zeuthen ein schönes Gut kaufen konnte. Dergleichen mochte Rahbek aber nicht, das war ihm zu vornehm. Daß zwei Menschen von so durchaus verschiedenem Character nicht Neigung empfanden zusammen zu leben, ist begreiflich, doch achteten sie gegenseitig ihre guten Eigenschaften und Zeuthen hatte auch Sinn für die schönen Wissenschaften; obgleich man eigentlich nicht sagen konnte, daß er ein Schöngeist war. In der ersten Zeit unserer Bekanntschaft hatte er ein prächtiges Fest veranstaltet, was er häufig that. Hier fand ich einen Mann bei Tisch, den ich oft in meiner Kindheit, in steifer Uniform als Gardecapitain im Friedrichsberger Schloßhofe herumstiefeln gesehen, und von dem ich damals nicht ahnte, daß ich jemals sein Tischnachbar werden würde; er war der Kammerherr Schrödersee. Obgleich ich glaube, daß er von einem gelehrten Großvater abstammte, hatte Schrödersee in seiner Jugend doch dem Studentenwesen einen tödtlichen Haß geschworen; er war ein sehr eleganter, steifer, gepuderter Officier; an der Fehde, die zu Ewald's Zeit zwischen jungen Officieren und Studenten, veranlaßt durch Bredal's dramatisches Journal, stattfand, soll Schrödersee kräftig Theil genommen haben, und man glaubt, daß Ewald eine Tirade in seinen brutalen Claqueurs auf ihn bezogen habe. Es war recht merkwürdig mit diesen Lieutenants- und Studentenfehden, die sich damals oft wiederholten; aber sie trugen doch alle nach und nach dazu bei, die häßliche feindliche Trennung zwischen Kriegern und Gelehrten aufzuheben, bis endlich die Jünglinge der militairischen Hochschule und der Universität einander wie Brüder herzlich umarmten. Hierfür können wir bereits Holberg danken, der in seinem Jakob v. Tyboe das us und das von verspottete. In Deutschland hielt sich diese Trennung bis in die neuesten Zeiten aufrecht, aber aus einem ganz andern Grunde, hier standen Adel und Bürgerschaft sich gegenüber; und hier ging es nicht wie im Norden, wo dieses Vorurtheil sich niemals eingewurzelt hatte, wo das deutsche „Von“, das uns von Holstein hergekommen war, sich nicht in die Marine eingenistet hat, und wo der Adel seinen Todesstoß im Jahre 1660 erhielt. Aber um auf Schrödersee zurückzukommen, so beschuldigte man ihn, in seiner Jugend zu jenen Bramarbasirern gehört zu haben. Wenn er im Parquet mit seinem gepuderten Kopfe und seiner großen Nase dastand, so blickte er oft auf eine Weise ins Parterre, welche die demokratischen Köpfe daselbst verdroß. Aber Schrödersee war in der Periode, wo ich ihn kannte, älter, zahmer und billigdenkender geworden. Wenn er auch keine Kenntnisse hatte, so war er doch ein witziger Kopf. Als der Danebrog-Orden auf mehrere Grade erweitert und er Ritter wurde, und man ihm gratulirte, antwortete er: „Er ist noch sehr jung!“ womit er meinte, daß er, als ein alter Cavalier, auf einen höhern Grad gehofft hatte. Als Graf Yoldy, früherer spanischer Minister, Oberkammerjunker wurde, auf welchen Posten Schrödersee gehofft hatte, scherzte der König einmal mit ihm und sagte: „Schrödersee! Ihr scheint mir in der letzten Zeit so steif geworden zu sein“. „„Ew. Maj.““, antwortete Schrödersee, „„das kommt daher, weil ich eine spanische Fliege im Nacken habe““. — Hier bei Zeuthens richtete er eine Replik an mich, die sehr gutmüthig und entschieden den Gegensatz von stolzer Eitelkeit war. Denn als der Wirth, wie ich zum ersten Male bei ihm speiste, nach alter Sitte einen Toast proponirte, „Denen zu Ehren, die die Kunst und Kultur im Lande befördert hatten“, rief Schrödersee laut über den Tisch mir zu: „Der Toast gilt uns Beiden“!
Einige Jahre darauf begegnete ich ihm wieder auf der Marmorbrücke beim Christiansburger Schloß. „Wie befindet sich der Herr Kammerherr“? fragte ich. „„Ach was, schlecht geht's mir““, antwortete er; „„ich bin ein altes Pferd; den man eine Kugel durch den Kopf jagen muß““! Damit zeigte er auf das Ohr, wo die Kugel hineingehen sollte, und verließ mich. Wenige Tage darauf begegnete ich auf derselben Stelle dem Oberhofmeister der Königin, Brockenhuus. Wir waren sehr gute Freunde vom Theater her, wo er mir einmal gesagt hatte, als er von seinen Vorfahren sprach: „Wir kamen mit Erik von Pommern hieher“. Bei dieser Begegnung auf der Marmorbrücke wandte er sich nun wehmüthig nach dem Schloß zu und sagte: „Sie können glauben, da habe ich viel Plaisir gehabt“! „„Nun““, antwortete ich, „„Ew. Excellenz können noch viel Plaisir auf der Welt haben““. „Ach“, seufzte er, „ich werde nie wieder soviel Plaisir haben“. Er ging; ich stand einen Augenblick im Nachdenken versunken, und gedachte der Zeit, wo ich als kleiner Knabe 1796 auf dieser Brücke stand, in der finstern Nacht das Schloß mit den gelben, rothen und blauen Flammen und mit der dunkeln Rauchwolke brennen und den Thurm wanken und mit starkem Geräusche mit drei Donnerschlägen durch alle drei Stockwerke hindurchstürzen sah. Sic transit gloria mundi!
Die Familie Zeuthen.
Der Leser verzeihe mir diese und ähnliche Ideenassociationen, welche einige Gleichheit mit der lange gestatteten lyrischen Unordnung in der Ode haben, und welche zu erwähnen zuläßt, was sonst nicht berührt werden könnte, und das doch nicht ohne Interesse ist und dazu beiträgt, ein Zeitgemälde zu vervollständigen.
Mehr als mit dem alten Zeuthen lebte ich mit seinem Sohne Wilhelm, Assessor im Hof- und Stadtgericht, später im höchsten Gericht, und mit dessen Frau und Schwester, die beide geistvolle und begabte Naturen waren. Wilhelm Zeuthen wurde mein Freund; wir brachten mehrere Jahre in traulichem Zusammenleben zu, und besuchten einander oft. Als seine und meine Kinder aufwuchsen, dehnte sich die Freundschaft auch auf sie aus, und wir brachten jeden Sommer mehrere Wochen bei ihm zu. Sein jüngerer Bruder lebte im Auslande, und ich lernte ihn nie kennen. Wilhelm Zeuthen war seinen Grundsätzen nach liberal; er liebte die Poesie und zeigte mir große Zuneigung. Dieser schöne, starke, feurige, junge Mann hatte dasselbe Unglück wie Bentzon: er hinkte etwas in Folge eines unglücklichen Zufalls in der Kindheit. Dadurch fehlte ihm die nothwendige Bewegung und das wurde ein Nagel zu seinem Sarge. Da er nicht genug gehen konnte, so versuchte er zum Ersatz auf einem kleinen Wagen ohne Federn zu fahren, der unmenschlich stieß. Einmal lud er mich schelmisch ein, solch eine Spazierfahrt mitzumachen, ich kannte den Wagen nicht, setzte mich hinauf, und wurde ganz entsetzlich durchgeschüttelt, ohne sein Mitleiden zu erwecken, da er meinte, daß mir, der etwas bequem sei, so etwas ganz gut bekommen würde. Er hatte eine ganz herrliche Tenorstimme und erfreute mich oft durch seinen Gesang. So lebten wir mehrere Sommer zusammen. Da starb er an einer plötzlichen Krankheit in Kopenhagen. Er sollte auf dem Kirchhofe seines Guts begraben werden, und seine Freunde zogen einen Tag vorher hinaus um ihn zu Grabe zu geleiten. Welch' trauriges Gefühl, als wir hier als Gäste zum letzten Male in seinem Hause schliefen. Wir saßen in der Dämmerung noch beim Mittagstische — da hörten wir einen Wagen auf dem Hofe rollen. Es war der geschlossene Wagen mit der Leiche. Unser lieber Wirth, unser lebensfroher, gastfreier Zeuthen saß nicht mehr unter uns — rothwangig mit den funkelnden, schönen, braunen Augen. Nun brachten sie seinen entseelten Körper. Wir erhoben uns Alle schweigend, drückten einander die Hände, und ich dachte: „Das ist das Loos des Schönen auf der Erde“.