»Sie haben Unwürdiges für mich ertragen, Thorald, aber gerade dies Ertragen gilt in meinen Augen mehr als eine Heldenthat, denn Sie haben Kraft sich zu vertheidigen, und nur um meinetwillen haben Sie geduldig die Last auf sich genommen, die Sie hinwerfen konnten; allein sie hätte sich zur unübersteiglichen Mauer zwischen uns erhoben, hätten Sie meinen Bruder behandelt, wie er es verdiente! Ich danke Ihnen, Thorald, mit jedem Hauch meines Daseins. – Und doch weil ich nun in der That, nicht mehr im bloßen Wort den Rückstrahl Ihrer Liebe gesehen, muß ich eben um dieser mich beglückenden Liebe willen, ein neues, noch schwereres Opfer von Ihnen verlangen. Vielleicht sollte ich in mädchenhafter Scheu Sie Schritt vor Schritt errathen lassen, was ich so offen Ihnen gestehe, allein wir leben in einer so bewegten Zeit, daß auch eines Mädchens Herz von dem sie durchglühenden Muth erfaßt und fortgerissen wird aus seinem eigenen heimathlichen Rückhalt! Die aufgegangene Freiheitssonne ruft alle Lebenskeime an's Licht – sogar in unsern kalten Norden dringt ihr Strahl. Drückt im Allgemeinen unser Volk noch die Kette in der Welt längst als lächerlich abgeschaffter Vorurtheile, so ist es gewiß um so mehr an jedem einzelnen Freigesinnten, das Band zu brechen, das ihn hemmt, denn Millionen einzelner Ringe bilden ja die Fessel, in welcher Dänemark bis zu diesem Augenblicke schmachtet. –

In diesem Sinne, Thorald, betrachten Sie mein Thun, ich will und werde frei sein, die Banden abstreifen, die mich an diese Scholle binden so gut wie den Leibeigenen, dem wir die Freiheit geben, mir aber wird Ihre Liebe sie gewähren! Aber um dieses Augenblickes willen, welcher unwiderruflich kommen muß, ist jetzt ruhige Besonnenheit nöthig, bringen Sie ihr das Opfer des gegenwärtigen Moments: Niemand darf ahnen, was wir einander sind, ehe wir beide Laaland hinter uns haben, und in Copenhagen (Kjöbenhavn) uns wieder finden! Vernichten Sie die mich beseligende Aehnlichkeit auf Ihrem Gemälde, sie verräth uns. Wie mein Bruder, denken all meine Verwandte, denken alle Männer im Städtchen, ja auf unserer ganzen Insel. Was in Frankreich Ihnen und mir zur höchsten Ehre gereichte, erscheint hier als Beleidigung einer achtbaren Familie, ja als Beleidigung meiner selbst. Vernichten Sie die allzu sehr in's Auge fallende Aehnlichkeit und ist dies geschehen, dann bleiben Sie ruhig hier, vollenden Sie die begonnenen Arbeiten, welche in der Residenz Ihnen leicht die Bahn brechen werden, die Ihr Talent sucht – und überlassen Sie Ihrer Helene das Uebrige. Christian soll nicht in Zweifel bleiben, um wessentwillen Sie das Bild geändert, und zu seinem Schrecken nur zu bald einsehen, wie wenig Sie seiner elenden Hülfe bedürfen!«

Helene.

»Für den Augenblick ist es genug,« sagte sie, das Blatt faltend, »Christians mich erniedrigende Ansicht soll keinen Einfluß ausüben auf mich. Du hast ganz Recht, Bruder, ich bin eine Gejer, und wir haben harte Köpfe, mögen sie grau sein oder blond!«

Allein trotz dieser heldenmäßigen Aeußerung wußte Helene doch nicht, wie das Billet in des Geliebten Hände bringen; ihrer Kammerjungfer traute sie nicht mehr, des Grafen Worte hatten das Mädchen verschüchtert. Den Brief verbergend, eilte sie selbst die große Treppe hinab, um einen Boten sich zu suchen; auf dem Corridor hörte sie Stimmen, die Thüre des gemeinschaftlichen Wohnzimmers der Schwestern, an welchem sie vorüberschritt, war nur angelehnt; drinnen unterhielten sich Beide mit Mademoiselle Nordermule, einer bucklichen, kleinen Gouvernante, welche alle Drei von der Wiege an auferzogen.

Mademoiselle Nordermule erhob in diesem Augenblick die Stimme, so hoch es die Schwäche ihrer kleinen, sehr untersetzten Gestalt irgend gestattete, und fuhr in ernstem Pathos fort: »wenn wir lieben! aber Kinder, wie selten geräth eine Ehe ohne wahre Zuneigung! wie selten werden die dissonirenden Lebensmelodien auch nur leidlich tacktfest zusammen durchgespielt bis zu Ende, ohne zerrissene Herzen und zerrissene Saiten der armen Weiberseele, die zuletzt ganz dumpf und klanglos, gar keinen Lebenston mehr wiederhallt! O, Ihr Lieben, wie viele Frauen verdummen gänzlich in einer sogenannten »guten« häuslichen Ehe, in der sie eigentlich eben – bloß keine Prügel bekommen! Darum kann ich Helenen, deren Charakter nun einmal durchaus in keine solche sich finden würde, nur bemitleiden, daß sie auf diesen Abweg gerieth, keineswegs sie verdammen; sie wird, wie es auch sich füge, Thränen genug zu vergießen haben!« – »Aha, mein Regenvögelchen!« sagte gerührt und heimlich lächelnd Helene; »es prophezeit wie immer schlecht Wetter!« Leise schlich sie hinab in die Küche.

In dem hochgewölbten, weiten Raume, den ein ungeheuer großer, aber niedriger Herd mit spitz in Dachform sich erhebendem Kamin erwärmte, saßen alle Knechte und Mägde des Herrnhofes auf Holz-Schemeln und Stühlen um das Feuer her; eine rothbäckige Dirne stand neben dem an einer Zackenstange hängenden eisernen Kessel und rührte mit langgestieltem Holzlöffel »Manna« in die saure, kochende Milch zum Brei, welcher eine Hauptschüssel der laaländer Kost ausmacht. Von der Küche führten beiden Hauptwänden entlang eine Menge Thüren zu den Schlafstätten des Dienstvolks; in den Zwischenräumen, welche sie freiließen, dem Herd gegenüber, standen an der Mauer hochrückige Bänke, vor diesen der mit einem weißen Tuch überdeckte lange Tisch, der broddelnden Abendmahlzeit harrend; Brot, Käse, Butter und gedörrte Fische waren schon auf demselben bereit gestellt. Blankes Kupfer- und Zinngeräth schmückte den vorspringenden Rand des Schornsteines, auch in den schön gemalten Eckschränken glänzten durch die Glasscheiben eine Menge blinkender Dinge, Glasgeschirr und Porzellan flimmerten im letzten Abendroth der immer noch am weiten Horizont zögernden Sonne. Man gewahrte sie durch eine nach dem innern Hof weit offenstehende Thüre. Die kleinen Bogenfenster der Küche hätten durch ihre bleigefaßten runden Scheiben, ohne diese Hülfe die Dämmerung längst zur Nacht werden lassen; vorsorglich waren auch die Messinglampen am Herd bereits angezündet.

Die Männer, welche er um sich versammelte, strickten Netze oder schnitzten Quirl und Löffel, andre machten Holzschuh und die langen, nur im Norden bekannten Schlittschuhschiffchen, auf welchen der Bote über das Eis hinfliegt; sogar die Livréebedienten halfen; die Weiber spannen und strickten wollene Strümpfe, ein paar webten auf kleinen tragbaren Webstühlen grobes Linnenzeug. In der geöffneten Pforte stand halb drinnen halb draußen der Gänsebub, um Theil an der schönen Geschichte zu nehmen, die ein alter Jütländer abwechselnd sprechend und singend vortrug; – auf den Gänsebuben aber hatte es Helene abgesehen, er sollte ihr Liebesbote sein, denn er konnte weder lesen noch schreiben.

Der alte Jütländer, der als Torfbauer im Lande umherzog, trug etwas aus dem Bauernaufruhr (1441) in Nord-Jütland vor, wie in der Hangarde auf dem St. Jürgens-Berge, nicht weit von Aagaard, zwischen ihnen und dem Grundherrn eine blutige Schlacht geliefert, in welcher Eske Brock von ihnen erschlagen und in Stücken gehauen worden. Da rüstete sich der erzürnte König selber, und die Sache nahm eine andre Wendung: die Bauern hatten auf dem hohen Berge eine Wagenburg um sich geschlagen, so daß die Reiterei ihnen nichts anhaben konnte, – die Grundherren aber gewannen etliche unter ihnen mit goldnem Versprechen, und klein und immer kleiner ward der tapfere Haufe. Der Alte sang: