Der junge Mann fing an zu lesen, aus Holstein, Schleswig und Copenhagen Bücher sich zu verschreiben, eifrig zu studiren, über mühsam errungener Kenntniß zu brüten.
Nun vergaß er die Kränkungen der Welt, verschmerzte die Trennung von den Seinen – allein er vergaß auch seine Frau; er versank in tiefsinniges Forschen, vergrub sich in Geschichte und Philosophie. – Eva erschrak als sie plötzlich entdeckte, daß sie eifersüchtig sei. Eifersüchtig! und nicht mehr wie ehemals auf eine schöne Dirne, deren Augen Christian gelobt, deren schlanken Leib er im »Fangtanz« fester umschlossen – sondern auf seine von ihr abgewandte Seele, auf seine Bücher und Plancharten, um seiner nun ganz von der ihren abgelös'ten Existenz willen. O wie lange Tage weinte die arme Eva – er merkte es nicht einmal! wie weinte sie, daß sie nicht klug, nicht unterrichtet genug sei für ihren Christian!
Endlich begann sie Unterricht zu suchen, sich eifrig mit Stundennehmen abzuquälen, um ihm nachzustreben, ihn wieder verstehen zu lernen. Es vergingen viele Monate ehe sie nothdürftig Schreiben und Lesen sich angeeignet, – er aber hatte schon wieder andere Interessen gewonnen, trieb jetzt Physik und Astronomie, machte Experimente – und Schulden, um sich vermittelst der Schiffsgelegenheit des kleinen Hafens ausländische Schriften und astronomische Instrumente kommen zu lassen. Wieder war er ihr in endloser Weite voran! Sie litt sehr! Endlich bemerkte er es.
– Das Alles und weit mehr noch glitt mit grausenhafter Geschwindigkeit Christians innerem Auge vorüber; als er das leibliche aufschlug, saß seine Schwester, den einen Fuß hochgestellt und auf das Knie den Arm gestützt, in dessen Hand das rothgeweinte Antlitz ruhte, mit dem eigenwillig kecken Ausdruck in den Zügen, den er an sich selber kannte! An dem nämlichen Fenster hatte er tausend Mal so gesessen und in der nämlichen Stellung starr auf das mondlichte, hochaufwogende Meer geschaut, – wie eben jetzt Helene! –
Denn die kaum minutenlange Pause zwischen ihrer kecken Anrede und des Bruders zögernder Antwort, hatte auch ihr das Herz wach gerüttelt; die angenommene Heiterkeit war ausgelöscht, der nackte, bittere Trotz an deren Stelle getreten. Fest entschlossen für ihr Glück zu kämpfen, fühlte sie darum nicht minder den Druck lastender Erinnerung. Auch des ihr drohenden harten Widerstandes war sie mit tiefstem Grauen sich bewußt – sah sie doch täglich dem stillen Vergehen ihrer Schwägerin, der immer zunehmenden Kälte zwischen den Eheleuten zu, sie mußte es sich eingestehen, daß aus Christians eigenen Erfahrungen der furchtbarste Feind ihr erwachse.
Auch war der schon bei ihrer Geburt halb Verwais'ten ein entsetzliches Bild von des Vaters Zorn gegen Christian geblieben, das mit dem seltsamen Lebenswandel des seit ihrer Mutter Tode ganz Vereinsamten in Verbindung stand, – das Urtheil der ganzen Familie betrachtete damals den verbannten Sohn wie etwa einen Pestkranken; niemand von den Geschwistern, den Vettern und Basen hatte ihn wiedergesehen, niemand nannte ohne besondere Nöthigung Christians Namen! die andern Brüder, jetzt beide an reiche, wenngleich bürgerliche Frauen vermählt, waren damals noch zu jung zum heirathen. Der bloße Gedanke an eine Verbindung mit einer kaum dem Leibzwang entrissenen Bauerndirne, war ihnen empörend und lächerlich zugleich; mit ausgelassenem Hohn erzählten sie einander von einem Vetter des Mädchens, den der Vogt mit Peitschenhieben zum zwölfjährigen Soldatendienste gezwungen, eines leichten Vergehens halber ihn vom Hof gejagt und unter die Miliz gesteckt – dem Kinde war die Geschichte immer peinlich gewesen. Die bösen Buben hatten es dann erst recht geneckt, »wärst Du es, Püppchen, und nicht unser Aeltester, wir drehten Dir lieber den Hals um, eh' wir die Schande noch einmal erlebten!« »Ja«, sagte lachend der Andere, »das wäre auch noch schlimmer, unser Blut adelt das Weib an unserer Seite und läßt unsern Söhnen den Namen des Vaters, aber so ein Bürgerlümmel machte sie zu seines Gleichen.« Helenchen hatte nicht verstanden was sie meinten, aber die Angst hatte ihr Thränen erpreßt.
So saß auch sie sinnend jetzt dem Bruder gegenüber, die dunkle Gedankenspindel drehend und abwindend, ohn' Ende – –
»Helene!« sagte sehr trübe, aber auf edle Weise der Graf, »Du hast Elend genug, zu aufgehäuften Massen an einander gedrängt, unter uns erlebt; hast Dich groß gesogen daran und stark. Seit ich denken kann, geschah das Ungehörige in unserm Hause, zerrieben sich die besten Kräfte unseres Stamms umsonst an ihren eigenen Auswüchsen. Ich frage Dich also nicht, willst Du den alten, kaum entschlummerten Unfrieden in seiner dämonischen, Dir wohlbekannten Gestalt von neuem erwecken – ich warne Dich auch nicht, das Alles wäre umsonst! Denn Du bist eine Gejer! Aber sieh in mir Deinen Widersacher. Was ich gegen diesen Zuwachs unseres Familienelends zu thun vermag, das erwarte von mir. Kannst Du Dich selbst überwinden, so traue mir Liebe, Ausdauer und jedes Opfer für Dein Wohl zu. – Kannst Du es nicht, mußt Du Deinem wilden Sinn genügen, nun – vergieb! so beachte wenigstens Deine Frauenehre, wenn die Ehre Deines Namens Dir nichts gilt; wirf Dich nicht weg, auch nicht an den Besten! Laufe diesem Abenteurer nicht nach, hänge Dich der sich frisch entwickelnden Kraft des Jünglings nicht an, wie eine ihn hemmende, sein Talent zerdrückende Last – hüte Dich, daß der zu seiner Qual Vergötterte, Dich nicht mit Füßen trete! Oh! man hat Beispiele davon.« – Mit einem tiefen Seufzer, ohne Helenen weiter anzusehen, stand Graf Christian auf und schritt schweigend zur Thür hinaus.
»Er mich nicht lieben? o nein, nein, dann wäre ja gar nichts mehr wahr auf der Welt!« Helene barg aufjammernd vor Schmerz das Gesicht in beide Hände und schluchzte convulsivisch. – Endlich sprang sie auf, ihr ganzes Wesen trug wieder den Stempel der kühnen Entschlossenheit, mit welcher sie vorhin den Bruder empfangen. Sie trat an den Tisch und schrieb, obwohl mit zitterndem Herzen, dennoch mit fester Hand an Thorald Eynerssen.