Marie küßte schweigend dem Grafen die Hand, verbeugte sich demuthsvoll und folgte ihrem Fräulein, und so groß war des Gebietenden Gewalt, daß sie auch draußen bloß durch Seufzer dem sie drückenden Geheimniß Luft gab. Graf Christian aber zog sich stumm in seine eigenen Gemächer zurück und erschien erst Mittags, um dem Brahe Trollenburg bei Tische die Honneurs zu machen.

Aufschreiend in wildem Schmerz, warf sich der allein in der Kirche zurückgebliebene Thorald auf die Stufen des Altars nieder. Was er selbst zuerst als nothwendig und schicklich empfunden, erschien ihm nun maßlose Tyrannei. War ihm früher Helene theuer gewesen, so hatte jetzt ihr Selbstvergessen um seines, des armen Künstlers willen, dem hochmüthigen Bruder gegenüber, seine Neigung zur heftigsten Leidenschaft erhöht. – Mit anbetender Inbrunst blickte er auf das Bild, das ihr Antlitz ihm vergegenwärtigte – etwas an demselben zu ändern war zum Sacrilegium geworden, aber nun wollte er es gar nicht mehr der Kirche lassen, er wollte es mit sich fortnehmen, nach Deutschland oder Frankreich. – In wüsten, undeutlichen Träumen verging ihm der Tag. –

Es war gegen Abend; die Sonnenstrahlen durchbohrten mit langen gelben Streiflichtern die schmalen Bogenfenster, und streiften die mit grauem Sandstein umränderten Gewölbbogen; an den hohen Pfeilerbündeln, an den Seitenchören hin, am Metall des Altarkreuzes, an den messingenen Leuchtern spielten hell aufblitzende Lichtpunkte – draußen wurde es allmälig still; die Leute kehrten von der Landarbeit heim. Langsam verstummend sank die gelbrothe Sonnenscheibe zurück in ihr von Nebeln umflortes Meeresbett.

Noch immer lag Thorald regungslos, mit sich selber uneins an derselben Stelle. Eine kleine weiche Hand faßte, ihn aufrüttelnd, seine Schulter. »Lieber Herr! Ihr seid gewiß erkrankt! Hättet ihr nur laut gerufen, ich habe vor der Hausthüre mein Garn geweift, ich hätte Euch sicher vernommen. Es hat sich keiner hieher in die dunkle Kirche getraut. Als aber der Vater heimkam zum Abendbrot und die offne Thüre gewahrte, Herr Je! hat er mich gescholten! Ich glaubte Euch nun fort und des Zuschließens vergessen. – Kommt, steht auf, ich stütze Euch, kommt mit nach Hause! dann koche ich Euch Lindenblüthenthee, das wärmt; die alte Halle ist so eisig kalt! Könnt Ihr Euch aufrichten? O mein Gott! bald hätt' ich's vergessen: auch einen Brief habe ich an Euch, von Schloß Aalholm; der Gänsebub' hat ihn gebracht – aber was ist Euch? Wo wollt Ihr denn hin? Herr Eynerssen! Herr Thorald! Wartet doch!« – Johanna hatte gut rufen und schelten: Thorald, der Helenens Handschrift erkannt, stürzte plötzlich wie von Feuersgluth durchströmt fort, ohne auf sie zu hören, um in abgeschlossener Stille, fern von jedem störenden Menschenblick, das verhängnißvolle Blatt zu lesen.

Erst nachdem die Gesellschaft auseinandergegangen und Jeder auf sein Zimmer sich zurückgezogen, trat Graf Christian bei Helenen ein. – Finster, mit umwölkter Stirn und zusammengezogenen Brauen, näherte er sich dem Mädchen und setzte sich in der Mauervertiefung des Fensters ihr gegenüber, in einen altvätrisch geschnitzten Sessel, den er vorzüglich gern bei allen Familienmittheilungen einzunehmen pflegte.

Helene war innerlich entschlossen, all sein Thun lächerlich zu finden, sie hatte sich mit Uebermuth und Unverletzbarkeit gerüstet, und bot ihm ruhig die heitre Stirn.

Ehe aber noch der etwas Verlegene den Anfang seiner beabsichtigten Rede gefunden, begann sie selbst: »Erlaube mir, lieber Christian, uns beiden ein Wort Verschwendung zu sparen. Deine Absicht ist, mir mein Betragen in der Kirche, Herrn Eynerssen gegenüber vorzuhalten und mich zu fragen: ob ich um die Dich so scharf verletzende Aehnlichkeit meiner Züge mit denen einer seiner heiligen Frauen gewußt – oder gar sie gebilligt. Beides kann ich verneinen; ich hatte keine Ahnung davon, ehe ich die Kirche betrat. Das Uebrige aber läßt sich mit einem einzigen Worte abthun: ich liebe Thorald Eynerssen!«

Christian ward bleich; auch er hatte in seiner Jugend empfunden, wie jetzt Helene! er fühlte, daß sie festen Willens auf den Ereignissen seines früheren Lebens fuße; ein schneidendes Weh trat ihm an's Herz, und riß gespenstisch all die Leichen längst abgestorbener Schmerzen an's Licht. Seine frühe Heirath mit der Tochter eines Feste-Bauers, dem sein Vater, Graf Thugge, die Freiheit geschenkt, hatte ihn elend gemacht; sie hatte ihn fünfzehn Jahre lang dem väterlichen Hause entfremdet! Der alte Graf hatte den Feste-Bauer zum Pachter eines seiner Höfe angenommen – so hatte die unglückselige Neigung der jungen Leute sich entsponnen. Fünfzehn lange Jahre hatte Christian in Jütland in tiefster Abgeschlossenheit und drückender Armuth verlebt, unerbittlich vom Vater verstoßen – verflucht! – Und dieser Vaterfluch war seiner liebebedürfenden Seele zu einer sein ganzes Dasein überschattenden Wolke geworden, und blieb es, selbst als er endlich des Vaters Vergebung gewann! –

In der öden Einsamkeit der rauhen Haide, in Mariager, einem elenden, kleinen Städtchen, das dem tief einschneidenden Fiörd durch einen kleinen Seehafen seinen Unterhalt abgewinnt, ohne alle gewohnten Bequemlichkeiten, ohne irgend eine Lebensgier, sah der Arme seine ganze Jugend verstreichen![1] Mit täglichen Geldverlegenheiten um's tägliche Brot kämpfend, saß er freund- und freudelos der Gattin allein gegenüber: unter Standesgenossen ein Bauer, – unter Bauern ein Bettelgraf! Von Menschen umgeben, deren ganze Industrie sich auf den Hausfleiß grober Webereien und Fertigung schwerer Holzschuhe erstreckt, blieb er allem Umgang fern. Stolz und verschüchtert zugleich, fand seine ohnedies scheue Natur überall Widersprüche, die ihn schmerzten. Seine Leidenschaft hatte der Besitz abgekühlt, was an ihr durch äußern Widerstand zu phantastisch-schöner Uebertreibung aufgeschossen, wie eine Wunderblüthe – war fruchtlos abgewelkt: seine Ehe war kinderlos geblieben. Er liebte seine sanfte treue Gattin, allein in der immergleichen unpoetischen Stille ihres Zusammenlebens, traten oft Pausen des Verstehens, schmerzliche Lücken ein; der Tag ward lang, riesig gedehnt überwuchs ihn der frühbeginnende nordische Abend, das Bedürfniß die Zeit auszufüllen machte sich geltend.