»Ich könnte mir vor Allem erlauben Ihnen zu bemerken, Herr Graf, daß ich vollkommen mündig und erfahren genug bin, dem Magistrat selbst vorzutragen, was ich für nöthig erachte« – –
In Todesangst blickte Helene, hinter dem Grafen halb verborgen, zum Geliebten hinüber, noch ein Wort und der Bruch war unvermeidlich, unheilbar! –
»Ich erlaube mir aber nur als Künstler zu antworten, daß es zu dieser Aenderung zu spät ist,« fuhr Thorald fort, »mein Bild ist seit mehreren Tagen vollendet, ich habe sogar eben einen ersten leichten Firniß darüber gezogen; Ew. Gnaden Kunstsinn und Geschmack werden Ihnen die Ueberzeugung davon geben, wenn Sie es einer nähern Betrachtung würdigen.«
Aber Geschmack und Kunstsinn des Grafen reichten keineswegs an die strenge Ansicht desselben in Betreff der Frauen-Ehre, deren Zartheit in seinen Augen jeder Hauch zu trüben vermochte; sie reichten eben so wenig an das beleidigte Gefühl seines Adelstolzes. Auf's schmerzlichste erregt, war jetzt Graf Christian jeder Verlegenheit, aber auch jeder Schonung bloß, – Wort um Wort flogen in immer verletzenderer Schnelle hin und wider, Christian vergaß sich endlich so weit, den Maler daran zu erinnern, daß er, außer der Verwendung des Bischofs zu Roeskilde, seiner eigenen Vermittlung die Bestellung des Altarblattes zu danken habe.
An dieser unseligen Mahnung brachen des Jünglings Fassung und alle Vorsätze seiner Liebe. Seine Künstlereitelkeit war zu peinlich verletzt. Mit mehr Hochmuth als Stolz erklärte er die ganze Arbeit in Nysted für eine bloße Probe, die er mit seinem eigenen Talent gemacht, welche aber von dem kleinen Städtchen einer unbedeutenden dänischen Insel aus, keineswegs ihm als Kunstwerk großen Ruf zu erwerben geeignet sei. Von Copenhagen her könne es allein ihm gelingen, sich in der Welt Bahn zu brechen; nur vom Königshofe stehe zu erwarten, daß etwas wirklich Förderndes für seine Kunst geschähe. Unglücklicher Weise setzte er dabei den ganzen langsamen Bildungsgang Dänemarks in ein höchst ungünstiges Licht, und vergaß der ungeheuren Opfer, welche gerade jene Zeit dem höhern Adel auferlegte; denn der junge Maler kannte die blutige Geschichte Frankreichs in ihrer grellen Buntheit besser, als die des eigenen Vaterlandes.
Graf Christian dagegen war mit dem tiefaufgewühlten Boden vertraut, dem er Schätze der Erkenntniß entrungen, in welchem er zahllose Leichen seiner Jugendhoffnungen und manch' schmerzliches Verleugnen seines Familienstolzes geborgen. Die Wahrheiten, die er auf demselben angebaut, hatten längst Frucht getragen. Unpraktisch im kleinen Thun des täglichen Lebens, ungeschickt wie ein Kind in Handhabung des Zufalls und seiner flüchtigen Gunst, wenn es seine eigne Persönlichkeit galt, war er in Bezug auf Staatsverhältnisse fest und klar. Als Theoretiker schloß er sich den bedeutendsten Reformatoren der Bauernsache an, als Individuum hatte er in Ausübung des einmal Angenommenen nie das Billige verweigert. Ordnung und Freiheit waren ihm gleichbedeutend, er selbst hatte auf Laaland die ersten Schritte zu Lösung des Leibzwangs und des Gemeinbesitzes gethan, ja, zuerst Erbpacht auf seiner Herrschaft gewährt, aber daß er es gethan, verlangte er anerkannt zu sehen. Nie war ihm eingefallen, seinem Range dabei etwas vergeben zu können, oder die gewährten Menschenrechte als Aufhebung der seines Adels anzusehen. So empfand er auch Thoralds Nichtbeachten des für ihn Geschehenen als schwarzen Undank, ja als Gemeinheit und Frechheit.
Sehr trocken fragte er den Maler, ob er von seiner Stelle aus, ohne Unterstützung des Adels, am Hofe Zutritt zu erlangen erwarte? Ob ihm das verwandtschaftliche Verhältniß zwischen seiner und des Bischofs Familie unbekannt sei, daß er auf die ihm in Bezug auf Comtesse Gejer eben mitgetheilten Bemerkungen so gar nicht achte, als müßten dieselben nicht in jenem Hause ihr Echo finden?
Es legte sich eine Art Geringschätzung in Ton und Haltung des Grafen, die für Thorald unerträglich war. Als Christian seine durchaus verletzende Rede mit dem übermüthigen Rathe schloß, lieber bei dem macht- und geldlosen Adel der französischen Emigranten, oder bei den Jacobinern die rasche Erfüllung seiner hochfahrenden Pläne zu suchen, brach Helene in Thränen aus; alle Rücksicht gegen den Bruder vergessend stürzte sie auf den Künstler zu, und beschwor ihn auf's zärtlichste, sogleich die Kirche zu verlassen, diese Unwürdigkeiten nicht länger anzuhören, das Unstatthafte in Christians Betragen um ihretwillen zu verzeihen.
Erschreckt starrte der Graf die Schwester an, das Unpassende des ganzen Auftritts fiel mit Zentnerschwere auf ihn und lähmte ihm die Gedanken; in peinlicher Verlegenheit riß er den Arm des Mädchens an sich und führte sie fast gewaltsam zum Wagen. Er war zu tief verletzt, um sich weiter auszusprechen, – als das Zöfchen aber Miene machte, zu Fuß zu gehen, winkte er ihr peremptorisch zu, auf dem Rücksitz Platz zu nehmen.
Zu Haus angelangt, geleitete er Helenen bis in ihr Zimmer, an der Thür desselben ergriff er heftig des Kammermädchens Arm. »Ein anständiger Dienstbote mischt sich nicht in seiner Herrschaft Angelegenheiten, und wo ihm der Zufall etwas offenbart, daß ihn nichts angeht, hält er das Maul! Verstanden Jungfer?«