Thorald dagegen stand mit gesenktem Blicke bebend ihr zur Seite, eine tödtliche Blässe hatte seine Züge überdeckt – er wagte nicht sie anzusehen. Endlich war der Zustand nicht mehr zu ertragen: er schlug die Augen auf – Gott sei Dank, daß es eine Zeit im Menschenleben giebt, in welcher man keiner Worte bedarf, sich alles Nöthige zu sagen! »Aber,« fuhr sie fort, nachdem er in ihrem Antlitz gelesen, was er zur Beseligung des Augenblickes bedurfte, »was wird mein Bruder, was werden Bürger und Bauern sagen? ich bin es freilich nicht, denn die Maria Jacoba ist ja viel tausendmal schöner als ich, dennoch –«
»Helene! kann ich für die unbewußte Schuld? Des alten Küsters Tochter Johanna war die erste, welche mir es aussprach; ich wollte sogar diese mir aus dem Tiefsten meines Innern entquollene Aehnlichkeit zerstören, aber mir bebte die Hand, wie bei einer verruchten That, ich vermochte es nicht.« Heißer erröthete das Mädchen, heftiger schlugen des Künstlers Pulse: vor dem Altar sprachen sich Beider Herzen aus. Dem voltairisirenden Jüngling, der eben noch mit den Jacobinern zur »Göttin der Vernunft« geschworen hätte, trat die Liebe sanft, voll religiöser Empfindungen, wie ein ihn heiligender Glaube in die unruhige Seele, und schuf sie um zum Tempel des innigsten, frömmsten Gefühls.
Noch schwelgten die Liebenden im Anschauen ihres gegenseitigen Glücks, ohne im mindesten der Erde und ihrer conventionellen Bedingungen zu gedenken, als wiederum die Kirchenthür in ihren schweren Angeln dröhnte, diesmal aber heftig aufgerissen ward. »Der Herr Graf,« sagte das im Hintergrund vergessene Kammermädchen, »der Herr Graf.« Zum Glück war sie eine Copenhagerin!
Graf Christian prallte zurück, als er das erglühte, bebende Paar in traulichem Beisammensein vor dem Altar erblickte; aber sein Gesicht nahm den Ausdruck des wüthensten Zornes an, als er die Aehnlichkeit mit seiner Schwester gewahrte, die momentan noch auffallender erschien, weil Helene zufällig mit aufwärts gewandtem Haupte zu Thorald in die Höhe sah, wie auf dem Bilde die Maria Jacoba zur Mutter Gottes.
»Herr! was soll das?« polterte der kaum seiner selbst Mächtige und dennoch innerlich Verlegene. Mit jedem Wort steigerte er sich mehr und mehr, um seiner Stimme Herr zu werden, »Sie haben sich erlaubt, die Ihnen von mir und meiner Familie aufgetragene Arbeit zu mißbrauchen, die Züge eines Fräulein von Gejern, wie die eines Modells zu einer Figur Ihres Gemäldes zu benutzen! Sind Sie von Sinnen, auf diese Weise einen im ganzen Reich geachteten Namen zu prostituiren? Das Gemälde muß fort von hier, oder die Züge dieser Martha – oder wie sie heißt, müssen verändert werden.«
»Herr Graf, diese Aehnlichkeit ist weder einem der mir aufgetragenen Familienportraits gestohlen, – mein Altarblatt ist weit früher gemalt als jene, – noch habe ich die Comtesse wie ein Modell zu behandeln gewagt. Wenngleich eine zufällige Aehnlichkeit die Züge meiner Jacoba verschönt, so liegt darin nichts Entwürdigendes. Meine Kunst ist heiligend, nicht befleckend! Rafael, Domenichino, del Sarto haben alle Großen ihrer Zeit, den Papst, die Fürsten, die edlen Frauen aus königlichen Geschlechtern auf ihren Gemälden verewigt. Wenn aus ihren Worten eine gewisse Unkenntniß dieser Umstände hervortritt, so muß ich dennoch anerkennen, daß Sie in andern gelehrten Fächern so Bedeutendes leisten, daß Ihnen für die Kunstgeschichte keine Zeit blieb – gewiß würden Sie in Frankreich oder Italien –«
»Unsinn! Unsinn! Wir sind Protestanten, Herr Eynerssen, verstehen Sie das? ganze Protestanten, keine Halbkatholiken, keine Deïsten, sondern Lutheraner! – schon das ändert unsere Verhältnisse! Wir sind Dänen! das ändert unsere Ansichten des Schicklichen; was in diesem Augenblicke in Frankreich und Italien, als die mit dem Blute des Adels gedüngte Frucht höherer Bildung gilt, vergeben Sie – kann ich als dänischer Graf weder ehren noch anerkennen! Da ich mir aber erlaube, über meine vaterländischen Zustände und die bei uns längst festgestellten gesellschaftlichen Formen selbständig zu urtheilen, so bitte ich Dich,« – fuhr er gegen das Fräulein gewandt fort – »um Deinen Arm, um Dich zur Kutsche zu geleiten. Läßt Du mir da die neuen Mecklenburger Rappen zwei Stunden an der Sonnengluth stehen, daß sie die Hufe sich zerschlagen! Ich werde mir das Weitere in Bezug auf Sie, Herr Eynerssen, und auf die Maria Jacoba vorbehalten. Für jetzt ersuche ich Sie nur auf das Bestimmteste und Höflichste, es zu machen, wie Ihre Kunstvorfahren mehr als einmal gethan: durch einige wohlberechnete Pinselstriche, die, wie sie mich versichern, Comtesse Gejer ganz wider Ihren Willen zur Jacoba stempelnde Aehnlichkeit zu vernichten, und werde ich ferner stehenden Fußes mir erlauben, den Herrn Magistrat zu benachrichtigen, daß einige nöthige Retouchen die Enthüllung Ihres Altarblattes am Johannisfeste unmöglich machen und selbige um ein paar Tage hinausschieben; es sei denn, daß Sie mit diesen Aenderungen sogleich –«