Dem rohen Rausch vernichtender, zerstörender Bestialität des französischen Pöbels lag eigentlich das nämliche Gefühl zu Grunde, das hier und da den Schwärmer verleitete: eine Ueberschätzung seiner selbst. Umsonst haben tausendjährige Erfahrungen uns die Lehre wiederholt, daß dem wirklich bedeutenden Menschen, dem Genie, der vollständigen Geisteskraft weder äußere Verhältnisse, noch irgend eine andre Zeitgewalt hemmende Fesseln anzulegen vermögen; für die Meisten sind der obscure Mönch Luther, der Schiffsjunge Peter von Rußland, und der uns viel näher stehende Napoleon Bonaparte keine Beispiele.
Ist nun dem Menschenherzen so natürlich, im angeborenen Streben nach Glück den größten Maßstab für die eigenen Forderungen zu wählen, ohne sie mit den eigenen Leistungen irgend in ein Gleichgewicht zu bringen, um wie viel edler erscheinen jene seltenen Naturen, die ohne persönliches Bedürfen, unter günstigen Verhältnissen, nur für die Menge fordern und, ihre Nation vertretend, sich selbst aufopfern für ein allgemeines Wohl! Fast alle wahren Wohlthäter der Menschheit haben jedoch nicht bloß gewaltig, sondern eben so mild als besonnen gehandelt. Sie sind Sterne gewesen, welche nicht nur das Dunkel des Augenblicks durchleuchteten, sondern in jeder Nacht von neuem auftauchten und hinter den sie bergenden Wolken fortschimmerten, bis ihr Strahl sie zu durchbrechen vermochte.
Die Namen der hochherzigen Männer, welche unter Friedrich V. und Christian VII. es unternahmen, Dänemarks Bauern allmälig Freiheit und Wohlstand zu bereiten, werden nie in seiner Geschichte verklingen, so langsam auch ihr oft unterbrochenes Werk vorwärts schritt, ihre Beharrlichkeit brachte sie an das Ziel. –
Wie aber die Natur den festen Eichenwald gern mit Vögeln und Schmetterlingen durchjauchzt und belebt, so stehen immer zwischen solchen ernsten, tiefen Charakteren, aus deren Reichthum Tausende ihren kurzen Lebensfaden spinnen, leichte harmlose Wesen, welche gern überall das Schönste und Beste fördern möchten, es auch manchmal zu erfassen, in der Regel aber nie es festzuhalten vermögen.
Dieser höchst nothwendigen Mehrzahl der Menschen, welche das eigentliche Element gesellschaftlicher Verbindungen ausmachen, werden allerdings nur die ihnen durch Geburt, Reichthum oder Zufall gegebenen Verhältnisse zum äußern Halt, daher die vielen Klagen über verfehlte Existenz und gehemmtes Talent. Ich glaube aber, daß wir kein einziges Beispiel haben, daß die ganze Gesellschaftswelt, in Bausch und Bogen genommen, je im Stande gewesen ist, den Außerordentlichen zu hemmen, das gesunde Genie zu zerstören! –
Thorald fand den Gang der Umstände zu langsam; ihn drängte eine innere Unruhe zum Handeln; in Napoleon sah er den Retter der Welt. »Der Schneckenlauf der Bildung meines Vaterlandes,« sagte er, »beut mir nur Kränkung und Lähmung meines Talents. Die Schwere veralteter Vorurtheile legt sich auf jede Hoffnung! Auch in Copenhagen schreitet die Kunst nur unter dem Schutz des Fabrikwesens vorwärts. In Frankreich, in Italien entfaltet eine kräftigere Hand das Panier der Freiheit! Die ihr gefallenen Opfer schlummern unter der grünen Rasenhülle, lebt noch irgend etwas von ihnen weiter in jener unendlichen Himmelsbläue voll unbekannter Welten, so ist dort das hienieden Unvermeidliche längst verziehen. Uns bleibt die Sorge, es nicht unnütz erscheinen zu lassen, den mit Feuer und Schwert bearbeiteten Acker zu besäen! Der Verlust, den Tausende beweinen, muß zum Glücke Tausender erblühen. Auch ich kann nur dort mir ein Loos erschaffen, das Helenen anzubieten würdig.«
Wenn sie aber mit Dir entflöhe! so dachte er in andern Momenten; allein wie sie erhalten, durch welche Mittel, – ob sie reich ist? – Ihm war die Frage nie eingefallen, er war zu sorglos dazu. Auch galten in Dänemark damals noch die Majorate und fast alle Töchter hochadliger Familien standen in dieser Hinsicht einander gleich. So schob er gern den Gedanken zurück, von Helenens Gelde zu leben, alles Andere wollte er ihr danken. Wenn er aber an Heirath dachte, – und seit drei Wochen that er es stündlich, – so schwebte ihm allemal ein Verhältniß vor, als Hofmaler, als bevorzugter Künstler in einer königlichen Residenz. – Dann durfte sein Ruhm neben der Geliebten Adel sich stellen; auf die aller natürlichste Weise vergaß Thorald seine republikanischen Gesinnungen und daß er eben in der Nysteder Kirche sein erstes historisches Gemälde aufstellte!
Seine Arbeit vergaß er indessen doch nicht; kaum war der erste Sonnenstrahl erwacht, so saß er auf seinem Gerüste vor dem Altarblatte; was ihm überhaupt zu thun möglich, war bald gethan. Er saß noch oben, als die angelehnte Thür leise in ihren Angeln sich drehte, und Helene von ihrer Kammerjungfer begleitet in die Kirche trat; sie hatte Commissionen im Städtchen gemacht, die offene Thür bemerkt, und so war ihr plötzlich eingefallen, einen Augenblick einzutreten. – Der überglückliche Künstler sprang zu ihr hinab, das Gerüst ward mit zitternden Händen zur Seite geschoben, – großer Gott! auf dem Altar stand ihr Bild! Daß er sie als eine der Frauen dargestellt, welche die zusammensinkende Mutter unseres Herrn unterstützen, hatte an sich nichts den ernsten protestantischen Sinn Verletzendes – und wie ein Strom stürzte der Jubel ihr in's Herz!