»Nun wird es zwei Ausstattungen zugleich zu bereiten geben,« sagte, sorgsam Aug' und Wange trocknend, die kleine Alte. »Ach, wenn man dabei an alle die gegenüber aufgehäuften Schätze denkt.« –
»Um Himmels willen, ma bonne,« rief, hocherfreut diesen Gegenstand einmal erwähnt zu hören, Annette, »sagen Sie mir endlich, was man in diesen ewig vor Luft, Sonne und Menschen verschlossenen Zimmern bewahrt! Hundertmal schon habe ich Sie fragen wollen, welchen Schatz eigentlich diese Zauberhöhle umschließt?«
»Was denn anders als unserer verstorbenen Tante Ausstattung,« fuhr Amalie fast zürnend auf, »Du mußt es ja längst wissen! plage doch unsere arme gute Emerenzia nicht! Die Erinnerung an jene alte vergessene Geschichte macht sie jedesmal nervös und krank!«
»Ja ja!« sagte starr vor sich hinschauend, aber die hochliegenden, wasserblauen Augen bewußtlos in's Leere gerichtet, die kleine Bucklige. »So ist es! es war die glänzende Ausstattung der unvergleichlichen Ulrike, des Sterns meiner Kindheit und Jugend! ach, ich habe ihn nie in seiner ganzen Lichteskraft leuchten gesehen! Nur wenige Wochen vor ihrem Tode kehrte ihr das volle Bewußtsein zurück; sie flammte noch einmal auf, wie eine verlöschende Kerze. Liebe Kinder, ich bin recht viele Jahre über die Erde hingewandert, manchen Sommer und Winter entlang, doch ihres Gleichen an Sanftmuth und eingeborner Sitte ist mir nimmer zum zweitenmal begegnet! Wer Ulriken sah, hätte auch ohne unsre heilige Offenbarung an den Himmel und seine ewige Vergeltung geglaubt!«
»Aber liebe Nordermule,« rief plötzlich vortretend Helene, »Du mußt ja noch ein Kind gewesen sein, als die Tante verschied, ich habe sie niemals gesehen, bei meiner Geburt war sie vermuthlich schon lange todt.« Seitdem das Gespräch um diesen Gegenstand sich drehte, war sie dem Gange desselben aufmerksam gefolgt.
Die Alte schüttelte verneinend das Haupt. »Es sind kaum dreißig Jahre, daß unser theures Fröken[2] geendet,« erwiederte sie, »ich aber zähle sechs und funfzig Jahre!«
»So haben Sie Ulriken noch jung gekannt?« fragten wie aus einem Munde die drei Schwestern.
»Ja und nein. Körperlich hatte der Herr sie lange noch frisch erhalten, allein die Blüthe der Seele war geknickt. Meine Mutter, welche als Kammerfrau im Dienst ihrer Hochwürden der Frau Fürstin Abatissin zu Wallöe im Stift lebte, hat mir das Meiste von ihr erzählt, da jene das Fröken eigentlich auferzogen und mit zärtlichster Liebe ihm anhing. Tausendmal hat sie mir von Ulrikens außerordentlicher Schönheit gesprochen, auch konnte ich selbst deren Spuren noch lange, lange ihr ansehen. – Damals, als sie sechzehn Jahre alt war, und meine Mutter eben ihren Dienst angetreten, sagte man: auch die müdeste Seele des aller ärmsten Fäestebönders[3] sei fröhlich geworden und frei, wenn ihn das Fröken begrüßt! Wenn sie leichten Ganges über die Haide hineilte am frühesten Morgen, wenn der Nachthauch noch scheidend über die Haide streicht und sie aufwogen macht wie das Wasser im Belt, so blieben, trotz dem drohenden, scheltenden Vogt, Alle die zur Arbeit gehen sollten auf der Thürschwelle stehen, und schauten ihr nach wie dem guten Omen! Aber freilich kannte sie auch jedes Einzelnen Weib und Kind, scheute vor keiner mit Stroh und Schilf überdeckten Hütte zurück, saß ungeachtet des dicken Rauchs der schornsteinlosen Küchen mitten unter ihnen und hörte mitleidig all der Bauern Klagen; oder sie erzählte den Kindern wunderschöne Mähren von unseren tapfern Seehelden und ihren gewonnenen Schlachten, von Juels und Tordenskiods Waffenthaten; sogar die alte Saga wußte das Fröken zu singen! Waren dann die Männer alle fortgezogen auf den Delphinen- oder Seehundsfang, und der Vogt trieb deren Weiber an zur Feldarbeit, oder sandte sie gar hinaus auf Botengängen tief hinein in's Land, dann saß sie Stundenlang bei den Allerkleinsten, wartete und fütterte sie und lehrte die Größeren. Ach, ich selbst werde nie vergessen, mit welchem Glockentone sie die alte schöne Geschichte sang, vom guten König Sueno und seinem strengen Freunde, dem Bischof Wilhelm in Roeskilde; da blieb kein Auge trocken im weiten Kreis.« –