»Aber,« unterbrach abermals Annette die Erzählerin, »war denn die Tante eine Gelehrte? woher wußte sie denn das Alles? In ihrer Jugend hatten doch die Frauen viel weniger Gelegenheit sich auszubilden als wir jetzt, sie lernten ja kaum nothdürftig lesen und schreiben! Wie war denn gerade Ulriken eine so viel bessere Erziehung geworden?«
Die kleine Nordermule schrak zusammen, als habe sie eine Schlange gestochen, und wurde blaß, blaß wie der Tod; ihre Züge nahmen einen Ausdruck tiefster Zerknirschung an, der ihnen sonst gar nicht eigen, sie war sichtlich mit ihrem Gewissen in Streit gerathen, und warf sich innerlich ein Unrecht vor. »Ich weiß das Nähere nicht,« erwiederte sie ganz beklommen, »aber es ist spät; über dem Schwatzen haben wir das Wegräumen des Theezeugs, und ich glaube gar der Schlafenszeit vergessen.«
Es ward den Mädchen unmöglich, das Gespräch von neuem anzuknüpfen.
Helene hatte ihren Zweck erreicht; mit schwerem Seufzen und schwererem Herzen hatte Thorald, den Bitten der Geliebten zufolge, den Haaren seiner Maria Jacoba eine dunklere Färbung gegeben, das Blau ihrer Augen in Schwarz verwandelt und so das Frappant-Individuelle der Aehnlichkeit seines Bildes mit den Zügen des Schloßfräuleins gemildert, – was davon noch geblieben, konnte dem unbefangenen Blick für bloßen Zufall gelten, ja vielleicht ganz ihm entgehen. Am Johannis-Sonntage hatte die feierliche Enthüllung des Gemäldes stattgefunden; der Magistrat und ganz Nysted waren auf's höchste befriedigt, die Anerkennung und Dankbarkeit der Bürger sprach sich allgemein und beinahe rührend aus, denn der Alt-Lutheraner hängt fast dem Katholiken gleich an würdiger Ausschmückung seiner Gotteshäuser. Vielleicht waren es eben die sinnlichen Zeichen, mit denen er gern seine Verehrung des Höchsten umkleidet, welche jenen Tagen unsre religiösen Spaltungen ersparten. Das Gemüth bedarf einer Gefühlsumfriedung, wird ihm diese, so hält es oft den zweifelnden Geist mit in den Schranken einer liebgewordenen Gewöhnung.
Graf Christian hatte öffentlich in der Kirche dem Künstler seinen Dank ausgesprochen, im Schloß war derselbe nicht wieder gesehen worden, und keine Einladung irgend eines Mitgliedes der gräflichen Familie berief ihn dahin zurück.
Schloß Aalholm hatte indessen festliche Tage erlebt; alle Mitglieder der Familie waren anwesend, um die feierliche Doppel-Verlobung zu begehen. Die in Seeland und Fühnen ansässigen Brüder waren mit ihren Gemahlinnen herübergekommen, die künftigen Schwäger zu begrüßen und Schnepfen zu schießen; das Alles war prächtig! –
Helene hatte viel von dieser Zusammenkunft erwartet; sie hoffte die jüngern Brüder zu gewinnen, denn beider Frauen waren bürgerlich geboren, allein ihre Pläne scheiterten an Christians strengbesonnener Festigkeit; er vereitelte ihr jede Privatunterredung mit ihnen. Auch waren allerdings die Verhältnisse in sich selbst sehr verschieden von denen des Malers. Janfru Abilgaard, welche erst vor kurzem dem jüngsten Grafen ihre Hand gereicht, war einem in Dänemark hochberühmten Geschlecht entsprossen. Die ältere Schwägerin, Gräfin Friedrich-Gejer, die wir aus Amaliens und Annettens Unterredung als Gegenstand ihres heimlichen Neides kennen gelernt, war eine geadelte, unermeßlich reiche Banquierstochter aus Hamburg. Sie hatte ihrem Gemahl ein bedeutendes Vermögen und Güter auf Seeland zugebracht, auf denen sie, wie in ihrem Winter-Hôtel zu Copenhagen, die glänzenste Existenz ihm bereitete.
Friedrich war der Crösus in der Familie und lebte danach, in grellem Gegensatz zum Aalholmer Stammhause, dessen Bewohner seit Jahrhunderten Abgeschiedenheit und Stille vorzogen, ihre Besitzungen unter ihren Augen bewirthschaften ließen, selten in Staatsangelegenheiten sich mischten, keine Art Hofdienst bekleideten, und alljährlich auf wenige Wochen in der Residenz am Hofe zu erscheinen pflegten.