Von dem Allen machte der jetzige Majoratsherr eine Art Ausnahme. Seit Christian VII. Regierungsantritt hatte er, wie schon erwähnt, so lebhaft es seiner Eigenthümlichkeit nach möglich, des Königs Bestrebungen in der Bauernsache sich angeschlossen. Dieser hatte schon im ersten Jahre seiner Thronbesteigung, im Amte Copenhagen alle seine einzeln liegenden Höfe parcellirt als Eigenthum den Bauern überlassen. Der Graf hatte später, als ihm das Majorat zufiel, diesem edlen Beispiel zufolge höchst wohlthätig in Laaland gewirkt für die gute Sache; sein Jütländer Aufenthalt hatte ihn mit den Mißständen und Bedürfnissen des unglückseligen entwürdigten Landmanns vertraut gemacht, und seine Handlungsweise und die Opfer, welche er seiner bessern Erkenntniß gebracht, hatten ihm auch die Gunst Friedrichs VI. erworben. Er machte keinen Gebrauch dieses Vorzugs. Wie seinem Vater, dem seligen Grafen Thugge, blieb das persönliche Erscheinen am Hofe in Copenhagens eleganten Kreisen ihm eine peinigende Pflicht, ja eine unerträgliche Last, der er auf jede Weise sich zu entziehen suchte. Die ihm gewordene Auszeichnung, die ausgesprochene Gnade und Theilnahme der beiden Monarchen verwirrte, ja verscheuchte ihn. Selten sah man ihn länger als eine Woche hindurch in der Residenz, wohin er um die Zeit des königlichen Geburtsfestes seine Schwestern geleitete, dann aber so bald als möglich dem Schutze ihrer anderen Brüder sie überließ.
Zu der drei Mädchen Qual gehörte dagegen ein fast unbeachtetes Auftreten an der Seite der sie in Allem überflügelnden Hamburger Tante, deren Luxus sie zerdrückte, deren Manieren ihnen mißfielen, deren Geld-Aristokratie sie verdroß, und besonders in den beiden Aeltern fast Abneigung und noch viel größere Oppositionen im täglichen Verkehr erzeugten, als die, mit welchen sie der kranken und resignirten Eva sich entgegenstellten, der sie die geringe Herkunft und leibeigene Geburt nicht zu verzeihen vermochten. – All diese kleinen Lebensstörungen und stündlichen Hemmnisse hatten in beiden rückwirkend einen wirklich verblendeten Adelstolz geweckt, der sich überall aussprach, und jetzt auch Helenens Wünschen, ihrer Neigung zu Thorald, jede begütigende Vermittlung versagte.
Noch in den Kinderschuhen hatte Helenens Wesen eine von dem Bildungsgange der Schwestern ganz abweichende Richtung erhalten. Das in der Wiege verwais'te Kind, – die Mutter war in Wochen gestorben – fiel abwechselnd bald in diese bald in jene Hand. Ihr lebhafter, prägnanter Geist, der besonders ältern Männern ungemein anziehend erschien, gewann ihr frühe schon Freunde aus allen Ständen; besonders aber in Copenhagen, wohin sie den ältern Schwestern folgen mußte, waren einige ehemalige Gefährten ihres Vaters, deren Umgang Einfluß auf ihre Denkart und innere eigene Seelenerziehung hatte, ohne daß jene es beabsichtigten. Die kleine Nordermule sah voller Schrecken der plötzlichen Entfaltung der ihren Zögling aufwärts tragenden Flügel zu, ohne den ihr unerreichbaren Flug derselben verfolgen zu können; im zehnten Jahre schon war Helene ihrer eigentlichen Leitung entwachsen. – Der liebreizenden äußern Erscheinung des Mädchens that keine Willkür, noch auferlegte Regel Eintrag, sie blieb durchaus natürlich und einfach; an ihren Putz dachte sie wenig, gerade weil ihr Alles gut stand, an ihr Benehmen noch weniger, es umwogte sie beständig eine unbewußte Grazie, ein Sichgehenlassen, das dem Bewegen eines jungen Rehes gleich. Träumerisch und doch voll stets regsamer Gedanken, saß sie mitten unter Verwandten und Gespielen allein, immer in sich mit etwas außer ihrem Kreise und Bereich beschäftigt. So machte sie der Anfang der französischen Revolution, die wohl unter allen Ländern in Skandinavien am einflußlosesten blieb, zur Jacobinerin; die Kargheit der in ihrem Vaterlande und insbesondere in ihrem Vaterhause seltenen Detailnachrichten entflammten sie immer mehr, und ließen sie einen heiligenden Nimbus um Alles das breiten, was ihrem eigentlichen Charakter fern, ihr halbes Verstehen in endlose Widersprüche gestürzt haben müßte. Bald schwärmte sie für Mirabeau und Charlotte Corday, bald vertheidigte sie Robespierre und schauderte mit frommen Entsetzen vor der Schwestern Theilnahmlosigkeit zurück, die in Mußestunden in die Revolution blickten, wie in einen Guckkasten, und der amerikanischen Kriegsscenen nur beim Einkauf englischer Waaren gedachten.
So entwickelte sich Helene zur blühenden Jungfrau. Während die älteren Fräulein, unter tausend kleinen Qualen und Freuden des geselligen Verkehrs, eine Menge Verhältnisse alljährlich knüpften und lös'ten, nur von Liebhabern, Courmachen, Pferderennen, Schlittenfahrten und Bällen träumten, und am Ende doch Jahr aus Jahr ein unvermählt blieben, hatte das kaum erwachsene Mädchen in seiner anmuthreichen Absonderlichkeit eine Anzahl ernstlicher Verehrer und sogar einige sich nähernde Bewerber gefunden. Sie aber wies lachend Alle ab, glaubte ihren Betheurungen selten oder gar nicht, sprach mitten in deren pathetischen Erklärungen von etwas Anderem, und versicherte ihrem sie tadelnden Bruder: »all diese Geschichten wären ihr ganz unsäglich langweilig, der Langenweile aber meine sie zur Genüge in Aalholm finden zu können.« Mademoiselle Nordermule war in Verzweiflung. – Helene war sogar einmal, während einer etwas langgedehnten Liebes- und Heirathsbewerbung zum Salon hinausgegangen, aus Zerstreuung. Helenens Schwestern gaben ihr Recht, »weil sie noch ein Kind sei.« Eine Heirath der viel jüngeren Schwester hätte ihnen den Anstrich höheren Alters gegeben.
Die kleine Gouvernante ließ sich nicht irre machen! Helene zählte damals zwanzig Jahr, obschon sie aussah wie ein Mädchen von sechzehn; sie suchte auf jede Art ihres Lieblings Glück zu fördern, warnte sie vor späterer Vereinsamung und ermahnte sie, der Tage zu gedenken, von denen geschrieben steht, »daß sie uns nicht gefallen werden.«
Helene aber lachte. »Ich will weder einen Kohl- und Krautjunker, der seine Ochsen, Kühe, Hunde und Pferde lieber hat als mich, noch einen voltairisirenden Salons-Cavalier, der jeder Schürze nachläuft, und nicht einmal die heilige Jungfrau Maria in Ruhe lassen kann, ohne üble Nachrede; begegne ich nicht endlich einem wirklichen menschlichen Menschen, der kein bloßer Repräsentant seiner gesellschaftlichen Stellung ist, so will ich auf meinem Stift bleiben und dort wie meine sieben Cousinen Gejer-Mogenstrupp als Chanoinesse alt und grau werden. Ich bedarf einen Freund, der mich den Reichthum der von mir kaum geahneten Welt kennen lehre, der mir die Seele mit edlen, heitern Bildern füllt – ich kann nicht bloß von Arbeit und Pflichten leben, ich bedarf auch Genuß! Was hilft mir die Hesperiden-Ferne, in welche mich Dichter und Künstler schauen lassen, wenn sie mir unerreichbar bleibt, wenn ich in meiner engen Gegenwart geistigen Hungers sterbe? Es kann nicht Jeder, wie mein Bruder, ein Gelehrter sein, der sich über einen Schmerz oder Verdruß wegexperimentirt; es kann auch nicht Jeder immer nur der Bauern Rechte und seine eigenen während des Unrechts vergessen, das ihm am allernächsten steht! Ich würde meinen Mann ganz miserabel behandeln, oder mich von ihm mißhandeln lassen, das ist eine entsetzliche Sclaverei! – Wenn so ein armer Schelm von Bauernbengel unser Leibeigener wird, weil er auf unserm Hofe mit dem andern lieben Hausvieh geboren, und wir ihn verkaufen dürfen an die Miliz, wie einen jungen Jagdhund, so thut mir das von ganzem Herzen weh! ich gönne es ihm, wenn er loskommen und uns entwischen kann, aber es langweilt mich schon daran zu denken, wenn ich ihm nicht helfen kann; ist es dann also nicht thöricht, mich selbst der Leibeigenschaft, der ich so tief in's Auge gesehen, bei einem Manne Preis zu geben, dessen Fesseln ich nun und nimmer zu entrinnen hoffen darf? es gilt da kein Loskauf, Emerenzia! oder soll ich, wie meine schöne Schwägerin, seine Gebieterin sein, ihn zu meinem Sclaven machen, und mich innerlich den ganzen Tag seiner schämen?« Die kleine Nordermule seufzte und – schwieg.
Jahr um Jahre schlichen auf diese Weise vorüber. Comtesse Amalie war verlobt, Annette hatte alle Aussicht es zu werden. Helene kehrte unveränderten Sinnes aus der Hauptstadt zurück, nur begann ihr die innere Einsamkeit schwerer zu werden; es giebt Mädchen, bei denen das Herz weit später erblüht, als der Körper. Zum ersten Male schlich sich ihr die Sehnsucht in den Frühling.
Die Nordermule seufzte noch schwerer – Helene wies ihre Bewerber bloß auf etwas höflichere Weise ab. »Ich mache künftig in meinem Stift meinen alten Verehrern und deren Kindern Confitüren und backe ihnen Pfefferkuchen, wie meine sieben Cousinen Mogenstrupp,« versicherte sie komisch-ernst.
»Auf dem Stift ergrauen, wie jene Sieben?« sie waren der Nordermule entsetzlicher als die Sieben vor Theben.
»Aber Emerenzia! kannst Du Dich nicht erinnern, daß sie uns in Copenhagen besuchten, wie meine Schwestern auf die ersten Bälle gingen, und ich noch ein kleines Kind war? Schon damals haben sie mir einen imposanten, ganz majestätischen Eindruck hinterlassen; sie gingen alle überein gekleidet und trugen gewaltige Kreuze um den Hals gehängt an schweren Ketten, und in der Linken ein Schnupftuch und einen Stockschirm mit Gold- und Perlemutterknöpfen. Ihre Mutter war bildschön gewesen, hatte sich früh vermählt und war in guter Zeit Witwe geworden, eine strahlende, reizende Witwe. Wuchsen ihr da mitten in ihren Successen sieben lange Töchter zur Seite auf, die auch gar nicht übel waren, blonde, braune und schwarze! Was konnte die arme Frau Besseres thun, sich der Nebenbuhlerinnen zu erwehren, an deren Seite sie in den königlichen Soireen erscheinen mußte, als – die Töchter zu Caricaturen aufzuputzen, bis die armen, in unglaublicher Abenteuerlichkeit mit Juwelen, Blumen, Bändern überladenen Mädchen, durch die Barrière der Lächerlichkeit von aller Jugend abgesondert, wie eine Gesellschafts-Chimäre dastanden, die nur dazu diente, der alternden Armida Reize zu erhöhen. Die immer noch hebeartig blühende Mutter bejammerte »das unglaubliche Ungeschick« ihrer Töchter, und eines schönen Tags dämmerte diesen eine Ahnung auf, daß sie lächerliche Figuren geworden! So saßen sie wie Tarock-Karten lang und bunt an die Salonwände gelehnt, blieben sitzen, wenn die Andern zu Menuet, Quadrille und Anglaise flogen, blieben sitzen, bis sie endlich fortzogen in ihre Stifts-Curien, und sitzen dort noch, einsam, hehr und adelstolz, wie früher in den jungfräulichen Zellen ihres Familienschlosses.«