»Und die Mutter?« – die Nordermule sah bei der Erzählung wie ein Frühlingsungewitter aus: sie lachte und weinte, wie Sonnenschein und Regenguß, zu gleicher Zeit.

»Ach, ma bonne, das ist eine hochtragische Geschichte! Die Mutter starb, au beau milieu de ses succès, als es ganz unmöglich war zu verhehlen: daß die vierzigjährigen Mädchen – erwachsen wären!«

»Aber Helene! welch ein Gedanke Dich diesen Schwestern zu vergleichen, sie fanden nie einen Mann und –«

»Sie fanden vielleicht bloß einen, wie ich ihn auch finden werde, einen Mann – im Mond? Den man nicht heirathen kann, weil er bürgerlich ist, und sein Kohlkopf und Dornbusch auch, oder weil er uns nicht mag, oder weil er nichts taugt, einen Mann, der nicht reich, nicht vornehm, nicht klug, nicht schön genug für die ganze ihn natürlich mitheirathende Familie ist! Vielleicht dachte Eine oder die Andre wie ich, und wollte für sich selbst heirathen, vielleicht waren sie aber auch den Männern gar zu herrlich und majestätisch –«

»Helene!«

»Warte nur, Emerenzia, Du sollst sie selbst sehen! Drei von ihnen leben jetzt in Wallöe und im Herbst besuchen sie die Andern um Marzipan zu backen. Und doch! weißt Du, Nordermule, die armen alten Mädchen sind wahrscheinlich unter sich glücklicher als hier Christians Frau! o die milde, geduldige Eva –«

Die Gouvernante schwieg; sie fand es nicht anständig, des Grafen, ihres Brotherrn, Verhältnisse zu besprechen. Lachend drückte ihr Helene die Hand, die Beiden verstanden sich vollkommen.

Und wenig Wochen nach dieser Unterredung sollte ein junger Maler die Portraits der drei Fräulein machen – und die Liebenden sahen einander zum ersten Mal.

Ich weiß nicht, ob schon von einer Frau ausgesprochen worden, wie ein Mädchen das nahende Geschick ihres künftigen Daseins vorausempfindet beim ersten Anblick eines Mannes, den es ernst und leidenschaftlich zu lieben bestimmt ist. Ich glaube jeder tiefen, das ganze Wesen durchglühenden Empfindung geht ein Durchzittern des Herzens voran, das keiner andern Lebensahnung gleicht, ein plötzliches bebendes Verstummen der Gedanken, die nicht wagen, den Gegenstand zu berühren, der wie das Geheimniß des nahenden Tages die plötzlich aufwogenden Stimmen der Natur aufruft aus dem Schlummer – alle anderen Empfindungen der Seele schlagen an wie erwachende Vögel in der sich lichtenden, der Sonne vorangehenden Dämmerung; alle Blüthen der Seele stehen in Thränen und öffnen dem nahenden Tage ihren Kelch; es legt sich ein tiefes, heiliges Mysterium über die innere, wie über die Außenwelt: der nächste Augenblick muß es durchzuckend lösen – o, wer ewig an dieser Zauberschwelle weilen könnte, durchbräche nie die Sonne der Wirklichkeit, so schön sie ist, den Goldsaum der Wolkenbilder, die den fernen Himmel mit ihrem rosigen, wogenden Leben umhüllen und ihn der Erde verbinden! –

Und Thorald? Nun Thorald empfand nicht eben die erste Liebe, aber dennoch die erste festhaltende, ernste Neigung seines Lebens. Sein einfacheres, alltäglicheres Gefühl glich weniger einem zur Priesterschaft des Lebens heiligenden Mysterium, allein mit jedem Tage wurde es tiefer und wahrer. Anfangs sah er in Helenen noch die vornehme Dame, empfand den Unterschied der Stände als drückende Last; mit Gewalt hätte er seiner wachsenden Leidenschaft entfliehen mögen, er gedachte seiner Kunst, seiner Mutter und einer Menge vorübergezogener Empfindungen, die ihn abwechselnd beherrscht hatten und dann in sich selbst verflüchtigt worden waren in Rauch und Dunst; er schalt sich, daß ihm eine ähnliche Behandlung seiner Liebe zu Helenen mißlang; nach und nach siegten das Herz in ihm und die Natur, die sich nicht gebieten läßt! er liebte das Mädchen täglich inniger und menschlicher. Thorald war keineswegs, was die Geliebte in ihm sah, was die Zeit, die er durchlebt, ihn erscheinen machte, aber er war ein redlicher, aufrichtiger Mann, mit einem Fond unendlicher Gutmüthigkeit; die gewaltsamen Ereignisse, die er miterfahren, hatten ihn eine Strecke mit sich fortgerissen; nun war ihm eigentlich unsäglich wohl, in die ihm natürliche Beschränkung und Harmonie des Empfindens zurückzukehren. Von der Mutter und einer alten Magd bis in's siebzehnte Jahr erzogen, lagen eine Menge weiblich ausgebildeter zarter Gefühle in seiner noch nicht ganz ausgearbeiteten Seele; er schämte sich ihrer in Männerkreisen, in Italien waren sie von ihm selbst vergessen und zurückgedrängt worden, nun erblühten sie alle in zauberischer Frische, – trotz seines Kummers war Thorald unbeschreiblich glücklich!