Graf Christian hatte sich gegen seine beiden Brüder ausgesprochen. Man war darin übereinstimmend, Helenens Neigung wie eine romantische Grille zu behandeln, der nichts wirkliche Folgen zu geben vermöge, da sie in keins der bestehenden Verhältnisse passe. Nur im äußersten Nothfall sollte offenbarer Widerstand ihr entgegentreten. Christian war der einzige unter den Brüdern, der wider Willen an eine wahre Gefühlstiefe ihrer Liebe glaubte und den möglichen Ernst derselben scheute; Friedrich und Johannes lachten ihn aus, beide waren Welt- und Hofleute. »Helene ist volle vierundzwanzig Jahr, und folglich über Nußschalen- und Hüttenalter hinaus,« versicherten sie.

Vielleicht wäre man zu kräftigeren Maßregeln geschritten, hätte man nicht jede öffentlich wiedertönende Erinnerung an des Erbgrafen arge Mißheirath zu meiden gesucht. Die beiden Brüder boten dem Maler Arbeit auf ihren Gütern zu Fühnen und Seeland, verschafften ihm auch bei den arglosen Schwägern und anderen Nachbarn und Freunden Bestellungen. Thorald ward mit Arbeitsvorschlägen überhäuft, – die alle ihn von Laaland zu entfernen bezweckten. Wirklich ging er nach Fühnen, aber nach vierzehn Tagen war er wieder in Nysted. Dann kehrte er wieder zu den begonnenen Bildern zurück. Auf diese Weise wechselte er fortdauernd den Aufenthalt, ohne je sein Mädchen aus den Augen zu verlieren; beim Küster behielt er ein Absteigequartier, er malte den Alten und eine Anzahl Bauern als Studium, Johannen aus Dankbarkeit; – man konnte ihm nichts anhaben, es blieb unmöglich, ihn ganz von der Insel zu vertreiben.

Eine fortgesetzte Correspondenz mit der fast mündig gewordenen Schwester zu hindern, gelang noch weniger; Christian bemerkte Helenens schadenfrohes Lächeln und beschloß ernstere Mittel zu ergreifen.

Unterdessen schritten die Vorbereitungen zu den im Herbst bestimmten beiden Hochzeiten täglich weiter. Vieles wurde in Copenhagen bestellt, anderes zur See aus Schleswig und Hamburg verschrieben; eine Tüchtigkeit der Pracht waltete überall vor. Zuletzt kamen die Truhen in den verschlossenen ehemaligen Wohnzimmern der Tante zur Sprache. Sie hatte diese als achtzehnjähriges Mädchen verlassen, und nur wenige Monate vor ihrem Tode von neuem auf kurze Zeit bezogen; seit dreißig Jahren standen sie verödet. Graf Christian erklärte seinen drei Schwestern ehe man sie öffnete, der Augenblick eines nur sie allein betreffenden Erbschaftsantritts sei gekommen, er bäte sie, sich untereinander über die Theilung der von ihrer seligen Tante zurückgelassenen Ausstattung zu vereinen, deren Inhalt ihm selbst fremd sei, da kein Anspruch irgend einer Art ihn berechtigt habe, bis zu diesem Tage die Schlösser dieser Truhen zu öffnen. »Du,« sagte er scharf betonend zu Helenen, »wirst die Güte haben, den dir zufallenden Antheil dieser Gegenstände meinen oder meiner Gemahlin Händen anzuvertrauen, da es meine Pflicht ist, ihn erst bei Deinem einstigen Einzug in eines würdigen Gatten Haus Dir zu freier Benutzung zu überliefern, über die Theilung jedoch schon jetzt mit den Schwestern Dich zu besprechen, wirst Du mir hoffentlich nicht abschlagen.«

Eva war als bloße Zuschauerin bei diesen Verhandlungen gegenwärtig und sehr bewegt; deutlich blickte aus all ihrem Thun der Kummer über Helenens und Christians Spannung; Thorald erschien ihr als Störer eines Hausfriedens, den die Arme mit unerschöpflicher Geduld zu erschaffen stets von neuem träumte. – Die kleine Nordermule schwamm in Thränen, welche selbst der Respect für den Grafen nicht zu stillen vermochte.

Auf ein sehr kleines Vorgemach mit nur einem einzigen Fenster folgte eine Art Wohnzimmer, das der Einrichtung nach mitunter zum Empfang seltener Besuche gedient haben mochte. In dessen Mitte stand ein großer Tisch, auf demselben Tintefaß und Feder, auch einige Lehrbücher lagen dabei, das Ganze machte den Eindruck, als habe hier ein Kind Unterricht empfangen, – etwas weiter zurück, dem Fenster näher, stand ein niedriger Stuhl, und vor demselben einer jener schon erwähnten kleinen Webstühle, – »ach,« rief die Nordermule in heißere Thränen ausbrechend, »hier saß die Schließerin mit der Arbeit, während der Stunden, in welcher –«

Ein drohender Blick aus des Grafen aufflammendem Auge schloß ihr den Mund. – Das Gemach war durchweg mit weiß überstrichenem Holzgetäfel bekleidet, die grün- und goldumrandeten Medaillons seiner Wandfelder zeigten verblaßte Spuren schäferlicher Darstellungen im damaligen Geschmack; es waren ziemlich plumpe Nachahmungen der französischen Vorbilder jener Zeit; die ausgeschweiften, geschmacklosen Möbel, auch weiß mit Gold und Rohrgeflechten statt der Sitzpolster, gehörten ebenfalls dorthin.

Das hintere anstoßende Schlafzimmer hatte seinen aus einer weit frühern Periode stammenden ernsten Charakter bewahrt, sogar sein gothisches Bogenfenster mit den in Blei gefaßten runden Scheiben, in dessen Mauertiefen ein hochrückiger Nußbaumsessel stand. Etwas weiterhin gewahrte man einen schön geschnitzten Betschemel, und auf dessen Pult ein Kruzifix und eine schwere mit Klammern geschlossene Bibel. Die weiß getünchte, nur mit Eichenholz umrahmte Wand, deren Hälfte das große geblümte Gardinenbett einnahm, den Fenstern gegenüber der riesige blaue Porcellan-Kachelofen, – das Alles paßte weit eher zum Aeußern des Schloßbaues. Ein Stickrahmen bewahrte die in Seide noch unvollendete Großmuth Alexanders, – ein Eckschrank die kleine Hausapotheke, und über derselben zwei Reihen französischer und dänischer Bücher, poetischen und geschichtlichen Inhalts; an sie schlossen sich eine isländische Bibel, eine Sprachlehre und einige zum Studium dieses nördlichen Idioms nöthige Hülfsschriften. An der dem Bett gegenüber frei gebliebenen Wand standen vier herrlich in Nußbaum geschnitzte, mit künstlichen Messingbeschlägen gezierte Truhen, – sie nehmen allgemein noch in den ältern dänischen Familien die Stelle unserer Wasch- und Kleiderschränke ein, und stehen meist in den von einem zum andern Gemach führenden Gängen. – Wie es schien, hatte man sie aus dem Vorzimmer der Sicherheit wegen in diesen Theil der Wohnung der Verstorbenen gebracht. Alle zeigten die schön in Metall ciselirten Wappen des Hauses, nur eine trug den Namen der ehemaligen Besitzerin. –

Sei es die drückende Luft des allzulange verschlossenen Zimmers, oder lag wirklich in dem Allen der Nachklang einer jungfräulichen Abgeschiedenheit, einer so recht heimlich ertragenen Herbheit des vernichtenden Geschicks, alle Anwesenden waren ernst, ja fast wehmüthig gestimmt, als endlich die fast verrosteten Schlüssel in ihren Höhlen sich drehten, und die Truhen ihre geheimen Schätze zu Tage förderten. Der Inhalt bot ein individuell-seltsames Gemisch von Kostbarkeiten! Ueber den reichen, schwer seidenen Damaststücken und den gestickten Brocaten zu Kleidern, neben den Chagrinétuis mit Bonbonièren, Zitternadeln, Ketten, Ringen, Armspangen und all dem übrigen prächtigen Putz einer vornehmen Dame der damaligen Zeit, lagen abgewelkte Sträuße kleiner Wiesenblumen, – Schreibbücher eines Kindes, Repetitionen und Aufsätze, – Ausarbeitungen für einen gründlichern Unterricht als er damals gebräuchlich, geschriebene Bruchstücke der nordischen Saga, endlich ein in Silber gefaßtes kleines Medaillon, fast ärmlich abstechend gegen all die Herrlichkeiten, mit dem Miniaturbilde eines jungen Mannes. – Diese Truhe schien die Einzige zu sein, welche die Besitzerin geöffnet, die folgenden enthielten Schätze an feiner Wäsche, eine silberne Toilette, alles was zum persönlichen Gebrauch einer Fürstin geeignet; die letzte Kiste barg, was der Haushalt einer jungen Frau in glänzenden Verhältnissen fordern kann. – Alles war mit sorgsamster Auswahl bereitet, und zeugte von der mütterlichen Liebe der fürstlichen Erzieherin Ulrikens.

Während die älteren Schwestern gierig den Inhalt der Kasten musterten, und über dessen Eintheilung in drei gleiche Loose den Druck der beklommenen Luft im Gemach vergaßen, athmete Helene schwer und schwerer! Sie hatte sich des kleinen Medaillons bemächtigt und betrachtete mit immer traurigerer Miene die bleichen sanften Züge, die es ihr bot. Die schwarze Kleidung des Jünglings verrieth den Candidaten, – »ihr Lehrer oder ihr Liebster?« dachte das Mädchen. –