»Auch hier das nämliche Geschick! den alten Fluch des Hauses,« hauchte kaum vernehmbar Eva, die ihr über die Schulter blickte. Helene sah sie an, sie war blaß und zitterte merklich; sie bat die immer noch auspackenden Schwestern das Medaillon ihr zuzutheilen, und erhielt es leicht, denn es war altmodisch gefaßt und unschön als Schmuck.

Endlich waren die Loose fertig, die Schwestern theilten nach Zufall, – am Boden blieben die welken Frühlingsblüthen und die Papiere; die arme Nordermule sammelte Alles auf; Eva hatte bereits die sie beengenden Räume verlassen, – der Anblick war ihr unerträglich.

Sobald der Eifer der besitznehmenden Schwestern es ihr gestatteten, entzog auch Helene sich dem ihr durchaus peinlichen Eindruck. Die ganze Scene machte ihr das Herz schwer; es kam ihr Alles, sogar ihre eigne Theilnahme daran, wie eine Entweihung, wie das gewaltsame Eindrängen in ein zartes, jungfräulich verhülltes Leben vor, das selbst der Tod nicht abzuschließen und dem frevelnden Blick des fremden Auges zu bergen vermöge, während lange qualvolle Jahre daran gesetzt worden, diesen einzigen armseligen Zweck zu erreichen.

Als sie die Schwelle ihres Zimmers eben überschritt, streifte sie Christians Arm, und seine Hand ergriff unvermuthet die ihre. »Helene,« sagte er ernst und strenge, »Du trägst den Schlüssel dieses bejammernswerthen Geschickes mit Dir fort,« er deutete mit dem Blick auf das Medaillon, »es hat trübe unser aller Dasein umleuchtet, wie ein Nordlicht, ohne unsre Wege zu erhellen, ohne unserm Auge die Bahn deutlicher zu machen, die wir zu durchwandern gezwungen! Gebe Dir Gott mehr Glück und mehr Besonnenheit als ihr, und ein klareres Verständniß des Unabwendbaren! Du kennst bisher nur die Lösung dieses traurigen Räthsels!«

»Ja,« erwiederte Helene gepreßt, »ja, mir ahnet, daß sie für gleichen Lebenseinsatz einen entsetzlichern Verlust, für gleiche Schuld – wenn es eine ist! eine schwerere Buße zu ertragen gehabt, als wir Alle!«

Christian lächelte bitter. »Es kennt keiner das Gewicht der Bürde des Nächsten!« Er war mit eingetreten und ging in fast leidenschaftlicher Erregung eine Weile auf und nieder. Endlich blieb er vor ihr stehen; »es kann nicht schaden,« setzte er mit unbeschreiblich traurigem Tone hinzu, »daß Du einmal die Dir noch unbekannten Schicksale Deiner nächsten Verwandten, ja Deines älterlichen Hauses in's Auge fassest – komm setze Dich zu mir.«

Helenens weiche Stimmung ließ sie dem Bruder schweigend willfahren; sie hoffte die Erzählung werde die Tante betreffen, hier in ihren eigenen Räumen scheute sie nicht, mit dem Einzigen, der um das Geheimniß zu wissen schien, davon zu reden; – so hängt auch das edelste, zarteste Gefühl vom Eindruck äußerer Umgebung ab! –

»So weit meine eigne Erfahrung reicht,« begann Christian, »habe ich stets bemerkt, daß in all den Einzelgruppen der menschlichen Gesellschaft, die wir »Familien« nennen, ein nämliches Grundprinzip des Glückes wie des Elends in fast all ihren Mitgliedern in unzähligen Umgestaltungen sich wiederholt. Es geht damit, wie mit der Aehnlichkeit der Gesichtszüge, die selbst, wo sie in Einzelfällen in gerader Linie verschwindet, in verwandtschaftlichen Kreuzungen, im Großneffen, im Enkelkind, in Tanten und Basen wieder auftaucht und sich unverändert geltend macht. Davon hat man tausende von Beispielen überall. Psychologisch erklärt sich aber das erste Phänomen, wenn man auf diesen Erscheinungen körperlicher Gleichheiten weiter zu fußen versucht und beachtet, wie sie Jahrhunderte zurück sich erstrecken, und eben so fortdauern um uns her, bis gewaltsam ihm aufgedrungene fremde Schößlinge den alten Familienstamm in seiner Wurzeltiefe und Wipfelhöhe überwuchert haben! – Es läßt sich gar wohl begreifen, daß auch die dem Leibe inwohnende Seele ihre eben so bis in den späten Ur-Enkel, durch Mischung sich analoger Körper- und Geisteskräfte, erzeugten ähnlichen Gebrechen und Tugenden bewahrt, und daß auf diese Weise der einzelne, sehr reich begabte Mensch zum Schöpfer einer Scala von herbeigezogenen Geschicken wird, die zusammenklingen, weil sie auf einem ihnen allen eigenthümlichen Grundton beruhen! Nennt doch selbst ein Volkswort Jeden seines eigenen Unglücks Schmied! Und so wird denn Fluch und Segen des längst schlummernden Ahnherrn immer von neuem erweckt, bis der letzte seines Namens und Stammes zu Grabe getragen ist.« – Erstaunt sah Helene den Bruder an; wie kam der sich nur mit abstrackter Gelehrsamkeit beschäftigende Mann, der Philosoph, zu diesen Ansichten eines Schwärmers?

»Seit unseres Großvaters Jugend, welche in die erste Hälfte des vorigen Jahrhunderts zurückreicht, hat jedes unsre Familie befallende Mißgeschick, das bald auf entwürdigende Weise deren zarteste Hoffnungen brach, bald den eigenen Herd, das Herz des Hauses zum Schauplatz des Ungehörigen machte, sein Entstehen einer durch Liebesraserei erzeugten Verblendung zu verdanken. Jede Neigung ist bei uns durch Widerspruch zur Leidenschaft ausgeartet, jedes das Dasein erhellende Licht zum wilden Feuer, das den Aufbau unseres Lebens zerstört, das Dach über unseren Häuptern verzehrt, uns arm und bloß, als Bettler in der leergewordenen Existenz zurückläßt!«