»Unser Großvater lebte in äußerlich günstigeren Verhältnissen als wir. Seine Jünglingszeit fällt in die Glanzperiode Niel Juuls und seiner Siege über die Schweden. Owen focht unter dem großen Feldherrn und zeichnete sich aus; das Vaterland nannte mit dem des Helden zugleich seinen Namen! Die der Krone geleisteten Dienste verschafften ihm die Hand einer dem königlichen Hause verwandten jungen Dame, der Fürstin Harald-Friedrichsborg. Bei anscheinend blühender Gesundheit bemächtigte sich ihrer bald nach der Vermählung ein heimlich schleichendes Uebel, das in fortgesetztes Kränkeln überging, und die Geburten einer Tochter (der Tante Ulrike) und zweier Söhne schwächten den zarten Körper der jungen Frau noch mehr. Auch das in ihren Verhältnissen unvermeidliche, geräuschvolle Hofleben schadete ihr, es raubte ihr die Möglichkeit einer allmäligen Erholung; sie starb, nachdem sie einem dritten Sohn, unserm Vater, das Leben gegeben, gleich nach dessen Geburt.
Grenzenlos war des Gatten Schmerz! In wahnsinniger Verzweiflung starrte er anfangs den Ueberbringer der Todesbotschaft regungslos an; dann aber sprang er einem wüthenden Tiger gleich, der seine Beute erfaßt, auf den Unschuldigen los, warf ihn zu Boden und trat ihn mit Füßen! Noch in der nämlichen Nacht starb der schwer Verletzte an den Folgen der erlittenen Mißhandlung. Des Königs Liebling aber, Graf Owen, entging jeder Anklage und Strafe, sogar der seines eigenen Gewissens; war es ja doch sein Leibeigener, den er zertreten wie einen Wurm! wer kümmerte in damaliger Zeit sich um den Gebrauch den Er, der Herr, von seinem Erb- und Eigenthum gemacht! – Aber die Verblendung des unsinnigen Zornes gegen das ihn betreffende Geschick riß ihn weiter fort auf der entsetzlichen Bahn, auch – dem eigenen Kinde, das diesem Unglück die Geburt dankte, dessen Eintritt in die Welt das Dasein der Mutter gekostet – dem Neugebornen fluchte er. – Der unnatürliche Fluch trug bittre, giftige Frucht! Der Verlust seiner Liebe hat an uns Allen in der Liebe sich erneut und gerächt, mochte sie gewähren oder versagen, als gebühre uns die Buße seiner Schuld.
Drei Söhne hatte die Gräfin geboren. Die zwei Aeltesten starben in den ersten Jahren auf fast unerklärliche Weise, ohne vorhergegangene Krankheit, vielleicht an von der Mutter ererbter Schwäche, sie welkten dahin, wie eine Blüthe abfällt vom Zweige. Unser Vater dagegen war kräftig. Mit furchtbarer Strenge erzogen, auf jede Weise abgehärtet, wuchs er unter fremder Leitung auf; oft mischten sich Willkür und Grausamkeit in die Erziehung, die ihm ward. Der Großvater liebte ihn nicht, nannte ihn fortgesetzt den Mörder seiner Mutter, und sandte ihn endlich nach Skovkloster in die von Herluff Trolle eingerichtete adlige Hochschule, um ihn nur Jahre lang fern von sich halten und seinen Anblick vermeiden zu können. –
Eine scheue Niedergeschlagenheit bemächtigte sich dort des Knaben – selbst Güte und Wohlwollen Einzelner, denen er Mitleid einflößte, vermochten nicht mehr ihn aufzurichten. Auch der Schwester durfte er nur in seltenen Zwischenräumen sich nahen; als sie erwuchs, sah er sie gar nicht mehr: so ward der einzige Sohn und Erbe ein Fremder im eigenen Vaterhause. –
Eine immer mehr überhand nehmende Melancholie breitete ihren düstern, ihm die ganze Welt umhüllenden Flor über des Armen schönste Jugendzeit. Jedes eigene freie Streben ward ihm untersagt, man zwang ihn in den Militairdienst, während ihn eine mächtige Neigung zum damals noch brach liegenden Felde des Naturstudiums, besonders zur Botanik hinzog; man drängte den Verschüchterten in eine Hofcarrière, wo er seines verlegenen Betragens, seiner nicht brillanten äußeren Erscheinung wegen, kein Glück machen konnte – ja es nicht einmal zu wollen vermochte, da die tiefste Sehnsucht seines Innern nur Stille und Abgeschiedenheit erstrebte. – Als er mündig und durch seines Vaters Tod Erbe dieser Besitzungen geworden, bewarb er sich um die Hand unserer Mutter. Er hatte sie in den Hofzirkeln der Königin kennen gelernt und empfand die heftigste Leidenschaft für sie – hiermit beginnt ein neuer Abschnitt unserer unseligen Familiengeschichte.«
»Aber,« sagte Helene, »ihm ward das Jawort der Geliebten, sein Gefühl ward erwiedert.«
Ohne ihre Bemerkung zu beachten, fuhr Christian fort: »unsere schöne geistreiche Mutter reichte dem Liebenden liebelos, gezwungen von ihrer Familie, die Hand! Eine unerwiederte Leidenschaft ist immer ein das Seelenleben spaltendes Weh; Besitz und stete Gegenwart steigern es zum unerträglichen! Sie war sein! Willenlos und widerstandlos ward sie ihm verbunden, aber eiskalt blieben die Lippen, auf welche er die seinen preßte, theilnahmlos blieb die Seele, der er unablässig die seine zu erschließen strebte. Ein entsetzlicher Kampf um Ruhe und Glück begann unter Beiden; je mehr er forderte, je weniger fühlte sie sich im Stande, das Verlangte zu gewähren. Seine Eifersucht ward erregt; ob sie gerecht oder nicht, wagt der Sohn nicht zu entscheiden! Auch auf unseren Kinderhäuptern lastete das Unglück; mich den Erstgeborenen unter Euch empfing, wenn auch kein Fluch, doch das Gefühl innerer Verzweiflung, statt des Kusses der Freude! –«
Er schwieg. »Aber die Tante?« fragte schüchtern Helene; in dem trüben Wahn des Bruders lag etwas seltsam Ansteckendes – »aber die Tante, wie traf denn eben sie, die Schuldloseste unter Allen, das aller Entsetzlichste! war sie denn –«