Christian rang sichtlich mit dem Entschluß in seiner Erzählung fortzufahren – in dem Augenblick ertönte der langgezogene Schrei einer Seemöve oder des Wettervogels; es war nicht die Stunde, in welcher das Thier zu schreien pflegt, aufmerksam horchte Christian hin. Er war aufgestanden und an's Fenster getreten, und kehrte so Helene den Rücken zu. Nach wenigen Secunden erklang der Schrei zum zweitenmal – zufällig wandte sich der Graf in demselben Augenblick der Schwester zu – sie war feuerroth geworden und näherte sich in sichtlicher Verlegenheit der Thüre eines anstoßenden kleinen Jagdsalons, welcher die erste Etage eines der Eckthürmchen des Schlosses einnahm – wie der Blitz stand Christian neben ihr; ehe er selbst sich seiner Absicht bewußt, hatte er gewaltsam die Thüre desselben aufgerissen und befand sich bereits in dem runden, durch mehrere große Fenster erhellten Saal. Aus dem einen derselben sah man über den Garten weg auf einen lieblichen kleinen Landsee, welcher die Besitzung Aalholm von dieser Seite begrenzt. – Drüben stand Thorald! Nach einer längeren Abwesenheit in Fühnen, von wo ihn die Sehnsucht, Helene zu sehen, zurückgetrieben, hatte der Unbesonnene nicht unterlassen können, ihr ein Zeichen seiner Rückkehr zu geben. –
»Tod und Teufel!« schrie der Graf, »wagt der Bube einem Fräulein von Gejern zu rufen, wie einer Bauerndirne.« – Besinnungslos vor aufwogendem, entsetzlichen Zorn riß er hastig eine von den Jagdflinten herab, welche an den Wänden hingen, und legte an. Heftig, aber keineswegs fassungslos ergriff Helene seinen Arm und schleuderte die Mündung des Gewehrs seitwärts. – »Unsinniger!« rief sie mit strafender fester Stimme, »meinst Du einen Leibeigenen vor Dir zu haben, der willig sich mit Füßen treten läßt?«
Der sich entladende Schuß war durch das Nebenfenster gegangen, das zufällig offen stand, die Schrotkörner streiften die Zweige der Allee, ohne irgend Schaden zu verursachen. Helene und Christian standen wortlos, zornig sich in's Auge blickend, einander gegenüber, als Eva von dem Knall erschreckt in's Zimmer stürzte, »was ist vorgefallen, was um Gotteswillen giebt es hier?« – rief sie in namenloser Angst, auf Beide zueilend. »Gar nichts,« sagte trocken mit ruhigem Ton Helene, »Christian hat nach einer Möve am Weiher geschossen und sie verfehlt.«
Des Bruders Auge dankte ihr; er hing die Flinte wieder zu den übrigen an ihren frühern Platz und reichte Eva die Hand; »es thut mir leid, Kind, daß meine Unbesonnenheit Dich erschreckt hat.« Ohne weitere Worte verließ er die Frauen – Helene rang nach Fassung, ihre Augen durchbohrten das Wäldchen, in welchem der Liebste entschwunden. Eva kannte sie viel zu genau, um nicht bei näherer Betrachtung, mit einer von der Welt abgeschiedenen Kranken oft eigenen Beobachtungsgabe, zu errathen, was eigentlich vorgefallen. – »Unvorsichtige!« flüsterte sie, Helenens Hand zwischen der ihren pressend, »willst Du denn durchaus ihn und Dich selbst elend machen? Ach, Du kennst nicht die volle ganze Kraft der Gefahr, welcher Du trotzig entgegen treten zu können wähnst! – War Thorald hier im Schloß?«
»Nein, dort am Weiher.«
Eva seufzte tief auf, dann fuhr sie mit sichtlicher Selbstüberwindung fort, weil sie es für Recht hielt zu reden. »Ich kenne Christian besser wie Du! glaube mir, er ist unbeugsam, hoffe nie den auf einen Punkt eigensinnig Verhärteten zu erweichen, nie wird er seine Einwilligung gewähren.« »Er ist nicht mein Vater, nur mein Bruder,« sagte das Mädchen ernst und fest, »seine Gewalt über mich muß Grenzen haben, obschon er mein Vormund ist, jedenfalls ist sie weder unabwendbar noch lebenslang dauernd. Ich bin in seinem Hause, Eva, und werde nichts thun, was ihn ernstlich kränken könnte, aber ich bin frei wie er« – sie erschrack als die letzten Worte über ihre Lippen kamen.
Eva aber schüttelte traurig den Kopf, »das Land, seine Sitten, der Stamm, dem Du angehörst, bilden eine dreifache Mauer um Dich und Deine erträumte Freiheit. Es ist nicht bloß Dein Bruder, nicht nur sein Adelstolz – warum wirst Du blaß bei dem Worte, das ich millionenfach durchdacht habe? es ist mehr als Alles der Charakter des ganzen Landes, das Zusammenfallen der allerverschiedensten Vorurtheile und dabei das Zusammenwirken der so von einander abweichenden Ansichten auf denselben Punkt, dies hast Du zu scheuen, das ist die Kette mit den vielen kleinen Ringen, die sie um Dich schlingen –« Helene legte das müde Haupt auf die Fensterbank und schauete trostlos über den See, »mein Gott, mein Gott, wo er nur sein mag?«
»Und errängest Du es dennoch, des Künstlers Gattin zu werden, glaubst Du man würde Deine frühere Stellung vergessen, oder wirklich Dich aufnehmen unter den andern Bürger-Frauen und unter ihren Familien! – Ach, sie sind – und vielleicht mit vielem Recht – stolzer als Ihr! Eben weil sie ihre Vortheile, Aemter, ihre Privilegien, ihr Brot erkämpfen, und das mit sauerem Schweiß Errungene zu wahren nöthig haben, deshalb stoßen sie Eure Gemeinschaft zurück, Euch gleich gestellt sein wollen sie nicht, herabsteigen sollt Ihr zu ihnen, dann erst wollen sie mit Euch sich wiederum erheben, auf Euren ungeschmälerten Platz, erst dann ihn mit Euch theilen. Das, meine Helene, ist hier die Stimmung des Bürgers – und in so fern sein Kopf klar genug, auch des Bauern!«