»Wenn sie einander begegnen im Wäldchen!« seufzte Helene – das Nächstliegende verschlang in ihr stets Vergangenheit und Gegenwart.

Träumerisch die schmalen Händchen über die Brust faltend, wehmüthig die blauen Augen zu Helenen aufgeschlagen, mit dem rührensten Ausdruck der Innigkeit und Treue in den Zügen, saß indessen die Sprecherin da, immer noch bemüht der Freundin aufgeregte Geister zu beschwichtigen, vor allem aber sie abzuhalten, in den Garten zu gehen! – Eva sprach fast niemals über sich – Helene empfand den ganzen Werth des ihr gebrachten Opfers, auch dessen sanft verschleierte Absicht – sie war selbst von der Nothwendigkeit überzeugt, eine persönliche Einmischung in diesem Augenblick meiden zu müssen, aber all ihre Gedanken flatterten dennoch, wie Vögel dem Frühling, so dem nun wieder Angekommenen, dem Geliebten zu! Jeder Widerspruch strenger oder liebreicher Art brach an dem mächtigen Gefühl des Mädchens. –

»Nie werde ich's vergessen,« fuhr Eva in immer weicheren Tönen fort, »wie nach Graf Owens Tod –« sie vermochte noch nicht »mein Schwiegervater« zu sagen – »nachdem ich schon fast ein Jahr hier auf dem Schlosse wohnte, Christian meinem alten Vater mich als seine Frau vorzustellen beschloß; es war ihm schwer geworden, ich wußte es wohl! Du Helene warst ein Kind, und bliebst bei Emerenzia! Amalie und Annette begleiteten uns; ich glaube,« setzte sie mit leicht bebender Stimme hinzu, »Christian hatte es den Schwestern befohlen – es war darauf abgesehen, mir durch diesen Schritt mit einem Male eine feste Stellung zwischen den Bauern und seiner Familie, besonders den Brüdern gegenüber zu geben, denn ich selbst war schüchtern wie ein Rothkehlchen, das sich im Zimmer verflogen und keinen Ausweg kennt; ich fürchtete mich in dem großen Schlosse, verlief, verirrte mich in dessen Gängen, ich hatte nie ein solches Gebäude bewohnt – so lange ich auch schon damals Christians Gattin war, denn ich habe im fünfzehnten Jahre geheirathet, so wußte ich doch hier in der neuen, von der Jütländischen so ganz verschiedenen Umgebung, mich nicht in meine Lage zu schicken! Und doch,« fuhr sie fort, – ihre Absicht Helenen vom Gegentheil zu überzeugen momentan ganz aus den Augen verlierend, – »doch war das eben eine wunderschöne Zeit! Christian war so himmlisch gütig, die angetretene Majorats-Erbschaft zwang ihn zu immer regerer Thätigkeit, wie ein Schutzengel stand er mir zur Seite und lieh mir den Schild seiner männlichen Klugheit und Festigkeit; – nun, wir fuhren also nach Engbolle. Wie klopfte mir das Herz, als ich nach sechzehn Jahren den Hof von weitem sah! aber alles war stattlich verändert; mein Vater bewohnte nicht mehr eine Kathe, die man Winters über mit Laub und Schilf überdecken muß, um sich darin vor der Kälte zu schützen, ein ganz neuer Bau erhob vier stattliche Mauern an deren Stelle; das ehemalige Wirthschaftshaus, in welchem wir nur ein paar kleine Zimmer hatten, war nun zu Stallungen und zu einer großen Milcherei umgewandelt; – als wir in den viereckigen Hof traten, blinkten mir die hellen Fenster entgegen, hinter denen mein so schwer gekränkter lieber Vater wohnte; seitwärts aus den Nebengebäuden klang das Brüllen des reichlichen Viehstandes – an einer andern Stelle sah ich die Scheune, vor deren Thor das bunte Gefieder der Hühner im Sonnenschein glänzte, o Gott, mir ging das Herz im Jubel auf – jetzt öffnete sich die Thüre, mein Vater – er war ein Greis geworden – erschien auf der Schwelle! ich ließ Christians Arm los und stürzte über den Hof ihm entgegen; mir schossen die Thränen in die Augen, kaum vermochte ich »Vater, lieber Vater« ihm zuzurufen, »ich bin's, kennt Ihr mich noch?« – mit abgezogener Kappe kam mein Vater die steinerne Haustreppe herab; ohne mit einem Blicke meine Anrede zu erwiedern ging er demüthig seinem Gebieter und den Gräfinnen entgegen, deren Hand er bewillkommnend küßte – mir brachen die Kniee, ich fühlte mich dem Umsinken nahe, aber ich wollte mich fassen, den andern Leuten, den versammelten Knechten und Mägden kein Aergerniß geben; ich näherte mich ihm abermals, bezwang mein Herz und redete ihn noch einmal an; jetzt kamen meine drei Brüder auch hinzu, als ich sie verließ, waren sie kleine Kinder; wie er, traten sie festen Schrittes zwischen mich und meines Vaters ehrwürdige Gestalt, dankten dem Grafen, den Schwestern für die Ehre ihres Besuchs und luden sie ein in's Haus zu treten; Keiner hatte einen Blick, ein Wort für die Verstoßene! – Mir schwanden die Sinne! Amalie und Christian faßten mich unter den Arm und führten mich die Stufen hinan zu meines Vaters Hause! ich ließ Alles geschehen, setzte mich nur mechanisch auf den mir bereit gestellten Sessel – Beide überhäuften mich mit der zartesten Güte und Sorgfalt. Mein Vater und meine Brüder standen scheu und ehrfurchtsvoll, Alle in eine Ecke des Gemachs zusammengedrängt und warteten ohne ein Zeichen des Mitgefühls, bis Christian zu ihnen trat und den Erstern zu sich rief; – beide gingen hinaus in eine anstoßende Kammer. Was sie dort mit einander verhandelt, habe ich nie genau erfahren; ich weiß nur, daß Bitte und Befehl als gleich unwirksam sich erwiesen! Mein Vater und seine Söhne erklärten alle vier respectsvoll und sehr fest: sie wüßten was sich schicke und gebühre; in ihren Augen bliebe ich eine Pflichtvergessene, die ihre eigne Familie bitterlich gekränkt, ihre gnädige Herrschaft aber auf's freventlichste beleidigt, er wünsche, setzte mein Vater mit schwankender Stimme hinzu, daß mir der selige Graf Thugge nicht in der letzten Erdenstunde geflucht! – Christian versicherte dem mühsam sich aufrecht haltenden Alten, daß jener mir und ihm verziehen, und mit uns Beiden ausgesöhnt in seinen Armen gestorben sei. »Das war sehr gnädig und sehr edel, unser Herrgott lohne es ihm im Paradiese,« sagte mein armer Vater; dann bat er »den gestrengen Herrn Grafen« ihn zu entlassen, »er fühle sich ein wenig schwach heute.« – Als ich mich etwas erholt und äußerlich gefaßt, geleitete mich Christian zum Wagen, ach! ich glaubte mich aufzulösen in Thränen, als ich in den Hof zurücktrat, wo noch wie vor einer Stunde Alles im Sonnenschein so lachend und glänzend vor mir lag! Nochmals nahten Vater und Brüder dem Wagen – o mein Gott! ich sah die lieben theuren Züge so nahe, so ganz nahe vor mir, ich hätte sie mit meinen Händen an mich ziehen, mit meinen bebenden Lippen sie berühren können! Ebenso demüthig wie sie dieselben empfangen, empfahlen sich alle Vier der Gnade der beiden »Fröken und des Herrn Grafen;« ich sah das Zucken in den Gesichtsmuskeln des armen, alten Mannes, der so unsäglich litt durch und um mich! ich sah zwei glänzende Thränen in meines jüngsten Bruders großen, blauen Augen, aber dennoch blieb Aller Haltung so fest und entschieden, daß mein Muth an ihr brach; ich wagte keinen Laut mehr. Mein Vater hielt sich bis zu diesem letzten Augenblicke – ach Gott! dem letzten, in dem ich jemals ihn sehen sollte, stramm; Christian zitterte wie ein Espenlaub an meiner Seite – die Pferde zogen an, wir rollten fort; – als ich nach einem mehrwöchentlichen Krankenlager erwachte, hatten sie meinen Vater schon begraben; die Bauern sagten, es habe ihm ein schwerer Kummer das Herz abgedrückt.« –

Schluchzend warf Helene ihre beiden Arme um Eva's Hals; jetzt sah und empfand sie nur deren Schmerz, sogar Thoralds Bild ward dadurch für einen Moment in den Hintergrund gedrängt.

Draußen war unterdessen, wie vorauszusehen, Thorald und der Graf zusammengetroffen. Allein der Gang zum Weiher, und vor Allem das tiefe Schamgefühl des Bewußtseins, auf Thorald geschossen zu haben, hatten den Grafen abgekühlt, und er zügelte diesmal seine Worte. Das Gespräch zwischen den Männern war sehr ernst, aber keiner von ihnen hatte bei der Erinnerung an dasselbe zu erröthen, es blieb gegenseitige Achtung als Schutzgeist ihm zur Seite. Christian verfehlte nicht, seine allen Männern seines Standes gemeine Ansicht, daß man gar übel ein Verhältniß zu dem Mädchen das man heirathen will, mit einer Heimlichkeit des Verkehrs beginne; sein Urtheil darüber machte Thorald warm, ohne von Grund aus ihn zu überzeugen, ja es regte seinen innern Stolz auf so schmerzlich verletzende Weise an, daß er endlich erklärte: zwar werde er nun und nimmer seinen Anspruch auf Herz und Hand Helenens aufgeben, die willig beide ihm zugesagt, allein obgleich er sich zu keiner Art von Entsagung veranlaßt fühle, da er sich und die Geliebte als völlig frei und unabhängig betrachte, so sei er doch von seiner und ihrer Treue so fest überzeugt, daß er es darauf wagen könne, und er wolle sogleich, ehe ihn irgend Jemand gesehen, nach Fühnen zurückkehren, wenn der Graf durch seine häufige Anwesenheit ihren Ruf für wirklich gefährdet halte. Nur möchten, bat er, der Herr Graf sich nicht irren über den Grad des von ihm gewährten Zugeständnisses, er werde Mittel und Wege finden, Helenen die Erklärung seines jetzigen Schrittes zukommen zu lassen, denn je mehr er ihrer gewiß sei, je unmöglicher sei ihm es zu ertragen, auch nur einen Augenblick von ihr mißverstanden zu sein durch eigene Schuld.

Es lag etwas so ächt Menschlich-Natürliches, ja eine solche Würde der Wahrheit in Thoralds Benehmen, daß der Graf davon erschüttert sich fühlte; zum ersten Mal seit seinen Jugendjahren fiel ihm die Möglichkeit einer wirklich dauernden Empfindung der Liebe ein. Nach wenigen Secunden jedoch war er, trotz seines angeborenen Hanges zur Träumerei, schon wieder zum klaren Ueberblick der Verhältnisse gekommen, er fühlte durch Thoralds augenblickliche Abreise nicht nur den Ruf der Schwester gesichert, sondern im schlimmsten Falle, wenn es ihm nicht gelingen sollte, zu einer andern Verbindung sie zu vermögen, wenigstens in dieser Prüfung des Jünglings eine Art Bürgschaft, ein bonheur allemand, daß das hereinbrechende Unglück einer Verbindung mit ihm und einer Trennung von den Ihren sich tröstlich gestalte. So nahm er wirklich Thoralds Erbieten an; aber er verlangte das Opfer, wenn es gebracht werde, vollständig, und augenblickliche Rückreise Thoralds.

»Das macht die Sache schlimmer, man kann mich auf Laaland bereits gesehen haben,« sagte der Künstler, – ihn verletzte der Stachel geheimen Mißtrauens, – »aber ich bin erbötig, sogleich überzusetzen nach Falstern, wo ich ein paar Skizzen aufzunehmen habe.«

Dieser Beschluß ward festgehalten. Allein der Graf war, wenn er einmal seiner gewohnten schweigsamen Contemplation entrissen und zur Thätigkeit gelangt war, nicht der Mann, auf halbem Wege stehen zu bleiben. »Wie gedenken Sie denn der Comtesse Gejern diese Nachricht von Ihrer augenblicklichen Entfernung zukommen zu lassen?« fragte er scharf. – Thorald war gefangen; er konnte und wollte den Weg, den seine Correspondenz mit der Geliebten zu nehmen pflegte, nicht verrathen, weniger aber noch konnte er von Falstern aus ihn einschlagen – er zögerte einige Secunden – –

»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort,« sagte Christian, »daß ich der Comtesse die Nachricht in der jetzigen Stunde noch zukommen lassen werde, schreiben Sie ein paar Zeilen.« Erstaunt blickte Thorald auf – es war dem Grafen Ernst. »Aus Ihrer Hand soll die Gräfin die Nachricht – mein Herr? Nein, ich muß einen Boten –«