Christians Zorn flammte auf; allein wie bei der Schwester überwog bei ihm der momentane Impuls eines eben jetzt zu Erstrebenden, und in diesem Augenblick lag ihm vor Allem daran, jede Zusammenkunft der Liebenden und jeden längern Aufenthalt Thoralds auf der Insel zu verhindern – »ich werde ihr das Billet senden,« sagte er kurz. Thorald verbeugte sich stumm, riß ein Blatt aus seinem Taschenbuche und schrieb.
Es war eine wunderliche, fast komische Situation. Der Eine als Vertrauter und Bote einer von ihm so hart gefährdeten Liebe des Andern; im Künstler überwog das Ironische derselben; auch lag im ganzen seiner Jugend diese etwas barocke, ritterliche Handlungsweise nicht fern; eine fröhliche Sorglosigkeit gestaltete sich fast in Leichtsinn indem er schrieb, nur die Anrede hatte ihn ein wenig verlegen gemacht, denn das Blatt ging ohne Siegel; – Christian hatte sich in anständiger Entfernung unter eine Buche gesetzt, aber während der Maler schrieb, waren seine Gedanken längst abwärts geflogen, ihn beschäftigte eben die Solution eines naturhistorischen Problems – fast hatte er die ganze Sache vergessen, als ihm Thorald das Blatt überreichte. Er faltete es nochmals und steckte es ein; es waren wenige Worte. Der Liebende verließ sich darauf, daß Helene zwischen den Zeilen durch zu lesen verstehen werde, was nur sein Herz, nicht seine Hand dem Blättchen anvertraut.
Die Männer trennten sich ohne weitere Erklärung. Als Thorald festen Schritts den Richtpfad nach dem Strande einschlug, um zur Fähre zu gelangen, sagte Christian ihm nachblickend: »Schade, daß er kein Edelmann ist, er hat einen edlen Anstand und präsentirt sich gut.« Dann wandte er sich dem Schlosse zu.
Das Gespräch der beiden Frauen war eben beendet, als ein Diener Helenen das Billet überbrachte – sie las es, sagte keine Silbe, drückte Eva die Hand und zog stumm sich in ihr Zimmer zurück.
Dort brach sie in heftiges Weinen aus. »Dieser Sieg, Christian,« sagte sie stolz das Haupt zurückwerfend, »soll Dir theuer zu stehen kommen – daß Du ihn auf diese Art zum Nichthandeln, zum Rücktreten, zur Entfernung treibst, lös't mich von jeder Verpflichtung, drängt mir Entschluß und Handlung auf! – Was können sie mir denn thun, diese hochmüthigen Brüder, wie mich zwingen? Etwa wie die Tante – nein, nein, die Zeiten sind vorbei!«
Es war schon längst dunkle Nacht. Helene konnte den Gedankenflug ihrer Seele nicht beherrschen, Schlaf und Ruhe waren nicht zu hoffen. Sie trat an das noch offene Fenster – der Wind erhob sich eben, es war gegen Mitternacht, er strich von der fernen See herüber an den Ufern hin, schüttelte tiefer in's Land eindringend die alten Buchen aus dem Schlummer und pfiff und heulte in den Vorsprüngen und Erkern des Schloßbaues – es graus'te Helenen. Ob er noch auf dem Meere? Es ist weit hin bis zur Fähre, dachte sie. Es war eine der wunderlichen Nächte, in welchen die Windsbräute flaggen, und gleichsam aus dem tiefen Nebelgrunde der Dünen aufsteigend, ihre langen weißgrauen Schleier schräg herabhängen lassen bis dicht auf den Erdboden, dann urplötzlich aufjubelnd wie losgebundene Mänaden, wildaufschreiend mit dem langen pfeifenden Ton, den nur der Nordländer kennt, über die See sich stürzen, das fliehende Boot gierig zu erhaschen, das ihnen zu entgehen gemeint; – Hui! nun muß es tanzen, Kiel auf und ein, drüber hin ras't eine Welle, – wieder eine – so fort Woge um Woge! Dem Ruderer schwinden Sterne, Himmel, Kahn und Strand; aber die wilde tolle Nixe, die ihren Liebsten sucht, zwischen Meer und Erde, ruht nicht, bis sie Alles, Mann und Maus durchnäßt hat im Boot; – wie ein Pfeil schießt das Schifflein über die schaumbedeckte Fluth – und mit einem Male, wie auf Zauberspruch, ist Alles vorüber! Da ist der klare Himmel, die Sterne flimmern wie erschrocken von dem sündhaften Spiel, es ist aber Alles glatt, still, sogar hell am Ufer und zur See: die erzürnte Wasser-Liebste hat ausgetobt. Ein langer keuchender Windzug trocknet rasch Segel und Leute; bis es einer andern ähnlichen Erscheinung begegnet, hat das Boot Ruhe, oft sogar eine schnelle, glückliche Fahrt.
Helene wickelte sich fester in ihren Mantel und beugte sich aus dem Fenster vor, in die Nacht hinaus, um den Stimmen derselben zu lauschen. Es war ruhiger geworden. Nun hatte Thorald gewiß Falstern erreicht. Aber nun hatte auch die neue Trennung erst recht eigentlich begonnen; der Unbesonnene hatte ja Christian sein Wort gegeben, vorläufig sein Kommen ganz einzustellen. – Sie trat zurück in's Zimmer. Ihr schauderte vor der Möglichkeit des Traums, der nach so verworrenem Tage ihrer harren könne. Die Nacht blieb ihr unheimlich, im Spiegel erschreckte sie das eigene wachsbleiche Gesicht – im Hause schien Alles zu schlafen. Sogar ihre eigene Dienerin hatte sie hinweg und zu Bette geschickt.
Sie hätte viel gegeben für irgend einen befreundeten Laut – endlich öffnete sie ihre Stubenthür und lauschte gespannt, sie wußte selbst nicht auf was, in die Dunkelheit hinaus; – plötzlich erblickte sie einen hellen Lichtschein unter der Thüre des einen ihr gegenüberliegenden Zimmers hervordringen, er kam aus dem Cabinet der Nordermule; sie huschte eilig hin, öffnete leise und trat ein.
Obschon die Mittage noch heiß waren, begannen schon kühlere Nächte an den fliehenden Sommer zu mahnen, ältliche oder schwächliche Leute, wie Emerenzia, froren mitunter. Vielleicht hatte sie deshalb Feuer angemacht, denn aus der weit aufstehenden Ofenthüre leuchtete eine prasselnde Flamme Helenen entgegen. Die Nordermule saß auf einem niedrigen Schemel vor derselben, auf ihren Knieen hatte sie die welken Blumen und Kränze der Tante liegen und die Schreibereien, die sich in den Truhen vorgefunden; sie war beschäftigt, das Alles mit einem seidenen Bande aneinander zu binden, und schien die Absicht zu haben, ein Todtenopfer auf dem vor ihr brennenden Holzstoß zu halten.