Als sie Jemand hinter sich vernahm, sah sie sich nicht um, sondern kreuzte schnell die Hände über beide Augen und beugte das Haupt tief herunter, daß es fast die Knie berührte.

»Sie hält mich für eine Erscheinung, vielleicht gar für der armen Tante Ulrike Seele!« – hörbaren Schritts trat sie näher und legte die Hand auf der Geängsteten Schulter. »Ich bin es,« sagte sie mit recht ruhiger Stimme, »ich kam, weil ich vom Vorplatz aus noch Licht in Deinem Zimmer gewahrte.«

Es lag immer in allem Thun Helenens, Emerenzia gegenüber, eine liebenswürdige, schonende Zartheit; auch jetzt schien sie deren Schreck gar nicht zu gewahren, denn sie kannte ihrer Freundin krankhafte Scheu, lächerlich zu erscheinen; – alle von der Natur stiefmütterlich behandelten Menschen haben sie. – Die Alte hob die Hände vom Gesicht und ließ sie auf die welken Blumen in ihren Schooß sinken. – »Bist Du unwohl?« fragte sie besorgt.

»Nein, aber bewegt, wie Du selbst, im Geist und Gemüth; ich kann nicht schlafen. Laß uns Dein begonnenes Todtenopfer zusammen vollenden, aber während die Flammen seine Heimlichkeiten schützend verzehren, erzähle mir von dem edlen Wesen, an welchem Dein Herz, wie ich sehe, so schmerzlich hängt – sprich mir von dem Leben, dessen letzte Glücksspur wir vielleicht eben vertilgen!«

In fast andächtiger Stille schichtete Emerenzia die Blüthen und Blätter auf den kleinen Holzstoß und blickte schweigend darauf hin, bis sie zu Asche gebrannt in sich zusammensanken: »Gewiß,« sagte sie endlich, »ich durfte sie in keine andre Hand kommen lassen, obgleich das Alles eigentlich der Familie –«

»Der Familie gehörte, die sich so wenig daraus machte, daß sie diese Erinnerungen den Fußtritten der Domestiken überließ, wenn Deine treue Hand sich nicht derselben angenommen! Ach Emerenzia, die Spuren eines ewigen Gefühls vergehen wie Spreu vor dem Winde in der Erdenwelt!«

»Ein Engel sammelt sie droben!« sagte fromm die Nordermule.

»So hat er diese wunderbar klagende Nacht und Dich zu Vollstreckern des Liebestestamentes der Tante gemacht,« erwiederte Helene, und zog einen zweiten Schemel zum Feuer, auf dem sie Platz nahm. »Erzähle! bitte, bitte.«