Die Alte nickte und begann; anfangs starrte sie fortgesetzt in die Flammen, bis sie, wie ein Sänger der Saga, mehr und mehr in sich selbst versank und der sie umgebenden Welt nicht mehr gewahrte, endlich aber mit höchster Begeisterung erzählte.
»Ich habe vergessen, in welchem Jahre es geschah, allein unser Graf Thugge war noch ein kleiner Knabe, als er, um zu der Schule auf Skovkloster sich vorzubereiten, einen Hofmeister erhalten sollte, bei welchem er bessern Unterricht und weniger harte Worte und Schläge bekäme, denn das Kind war tödtlich verschüchtert und des eigenen Geistes oft nicht mächtig vor Angst. Eine plötzliche Krankheit hatte seinen Peiniger fortgerafft. Bei dieser Gelegenheit, meinte der alte Graf, könne auch das um acht oder neun Jahr ältere Fräulein die nöthigen Repetitionsstunden erhalten, um seine Erziehung ganz zu vollenden. Es war um das Ende Novembers in einer unruhigen Sturmesnacht, wo der wilde Jäger Holske Darske durch die Waldung jagt, wo Alles ächzt und knarrt in Haus und Hof, die Thiere in den Stallungen vor Unbehagen aufbrüllen und die ganze Natur in hundert Stimmen aufseufzt und wehklagt, als ob sie auch einsam sich fühlen könnte, wie der Mensch. Das junge Mädchen saß im Saal dem Vater gegenüber, der über Landcharten und Briefen brütete und kaum sie bemerkte, der Bruder aber war in der Küche dem alten Hannes auf den Knieen eingeschlafen – er durfte den Saal nicht betreten, wenn der Vater zugegen.
Ulriken war unbeschreiblich betrübt zu Muthe, sie war erst seit wenig Monaten in des strengen, kalten Vaters Schloß; die liebende Hand der Fürstin Sophie, die sie erzogen, fehlte ihr überall; ohne besondern Grund hatte der alte Graf sie berufen; er wollte sie um sich haben, sie kennen lernen und ihre Geisteskräfte prüfen, ehe er sie einführe in die große Welt Copenhagens und des Hofs. Ihn selbst aber hielten seit Monden Podagra und Geschäftsverhältnisse auf dieser Besitzung fest. Die Morgenröthe der Freiheit des Bauern begann kaum erst zu dämmern, und ihr Herannahen war dem stolzen Grafen, dessen Hochmuth keine Art Beschränkung, auch nicht die einer selbst gewährten Gnade ertrug, qualvoll und fast lächerlich, denn er glaubte an keine Gleichheit der Menschenrechte, und alle für die große Nationalbefreiung Wirkenden, kamen ihm wie Kinder vor, die mit dem Feuer spielen. Indessen bereitete er sich vor, an den Hof zu gehen, denn er empfand den Druck einer nahenden Explosion, welcher er scharfen Blicks dort entgegenzutreten entschlossen. Ueber die Parzellirungen und Landesverhältnisse studirend, saß er dann Abends dem Kinde gegenüber, das kaum eine gefallene Rolle Seide aufzuheben, kaum zu athmen wagte, um ihn nicht zu erzürnen.
Jetzt schlugen alle Hunde an, ein Fremder hatte den Hof überschritten; eine seltene Erscheinung in dieser Jahrszeit; man hörte die Tritte desselben auf dem knisternden Schnee, gleich darauf ward die Glocke an der Thüre angezogen und der neue Hofmeister ward dem Grafen angemeldet. Ulrike wollte, schüchtern wie sie war, sogleich den Saal verlassen, der Graf befahl ihr zu bleiben, »damit er sie mit ihrem neuen Informator bekannt machen könne« – das war das erste Mal, daß er über eine solche Absicht sich gegen sie aussprach. Du hast das Bild dessen, der nun eintrat, gesehen; das schmale Gesicht mit den dunkelblauen Augen und dem festgeschlossenen Munde, von lichtbraunen natürlichen Locken umwoben, die bis tief in den Nacken sich kräuselten, und nicht gepudert, nicht gebunden waren, die schwarze Kleidung, welche gegen den farbigen Hofputz der damaligen Cavaliere so sehr abstach, Alles das zusammengenommen machte den Jüngling zu einer auffallenden Erscheinung – man konnte ihn wahrhaft schön nennen den Bewohnern des Schlosses gegenüber, die sämmtlich trotzig und verzagt, der unseligen Heftigkeit des Grafen wegen einen Ausdruck verbissenen Ingrimms oder knechtischer Unterwerfung zeigten, der, in vielen der alten runzlichen Gesichter Caricatur geworden, etwas Abschreckendes hatte.
Ulrike ließ die Hände auf den Rahmen sinken, der ihre Tapisserie umschloß, sah mit weitgeöffneten Augen wie geblendet einige Secunden ihn an, als aber der Vater mit herablassendem Hochmuth ihr den neuen Lehrer vorstellte, neigte sie den schönen Oberkörper demüthig, wie die Madonna sich vor dem Engel der Verkündigung beugt, sie fühlte sich nicht fest auf den Füßen und hätte um die Welt keine der üblichen, ihr eingelernten Verneigungen machen können; erst nachdem der Graf den Angekommenen zum Ausruhen entlassen, vermochte sie die Erlaubniß sich zu erbitten, sich in ihr Zimmer zurückzuziehen.
Draußen brach sie in helle Thränen aus – ihr war unsäglich glücklich zu Muthe, als sei einer der Engel ihrer Träume wachend ihr begegnet. – Sie sahen sich von da an täglich, Johannes gab ihr anfangs mit dem Knaben zugleich Unterricht, dann aber ihr allein, in Gegenwart der alten Schließerin, oder der alten Kammerfrau Ulrikens, welche ihr die Fürstin, bei welcher sie ihre Kindheit verbracht, mitgegeben in des Vaters Haushalt. Sehr bald wußte Ulrike um alle Verhältnisse ihres Lehrers; den Vater hatte er frühe verloren, die Mutter zog mit ihm und den andern Geschwistern nach Roeskilde; in der alten Gräberstadt, in welcher fast alle Könige des Oldenburger Hauses ihre Ruhestätte gefunden und in dem noch poetischern Leïre, das Skiold, der Sohn Odins, zum Wohnsitz sich erwählt, im Herthedal, wo überall noch das Blutgeheimniß jenes wunderbaren Dienstes der nordischen Diana seine Zauber ausbreitet, sog sich der Knabe groß an poetischen Eindrücken, und die damals entkeimte Vorliebe zu älteren Sagen ward im Jüngling zum besonnenen Studium. Später hatte er, mit Hülfe eines Gönners, der Theologie sich gewidmet und den Doctorhut erworben, doch »könnten noch Jahre vergehen, – meinte er selbst, – ehe ihm eine Pfarre zugetheilt würde;« der arme Candidat fand das sehr begreiflich, gab es doch gewiß noch Gelehrtere, Würdigere als er – und allerdings regte sich damals noch ein sehr ernstes, edles Streben in der Theologie.
Wie gläubig beseligt lauschte Ulrike seinen den Menschen als Gottes Ebenbildern so fest vertrauenden Worten! Er ward ihr lieb, wie etwas, das sie vorher nie weder gedacht noch gewünscht, noch empfunden; es war der plötzlich von oben herabgesenkte Himmel, der sich auf die Erde gelagert und sie zum Paradiese umgeschaffen!
Daß seine Neigungen gar bald auch die ihren wurden war nur natürlich, sie begann mit ihm die Geschichte ihres Vaterlandes zu studiren; der lange stets mit der Hierarchie sich erneuende Reformationskampf, an welchem die Herrscher Dänemarks so ernsten Antheil genommen, der Bürgerkrieg, der sich um Christian II. willen bis auf diese schon damals von ihren Vorfahren bewohnten Inseln, ja sogar in seinen Einzelheiten bis in das Schloß Aalholm gezogen, in welchem sie jetzt lebte, alles dies wurde dem lebhaften Sinn des schönen Mädchens zum Element einer stillen, innern Welt, in der sie arglos weiter lebte – ohne Vorblick in die Zukunft. Zuweilen fand sie Johannes' Bild in irgend einem edlen geschichtlichen Charakter, in einer schönen Selbstaufopferung, weit seltner sich selbst! Als sie einmal mit ihm die schöne Mähr von Gioès, Tochter Brigitta, las, die einem Bischof verlobt gewesen, ehe er selbst sich ausschließlich der Kirche weihte, wurde sie wehmüthig, ohne zu errathen, was an deren Geschick sie rühre.
Von Allen ungeahnt wuchs ihre Seele, entfaltete sich ihr Geist – dennoch fand sie Niemand verändert; theils weil alles in ihr harmonisch und sanft geblieben, theils weil unter diesen stillen, meist niedergeschlagenen Blicken, die nur zu erwachen schienen wenn der Geliebte sie weckte, dann aber eine Welt der Poesie und Intelligenz ausströmten, Keiner eine Bedeutung suchte. Die Tage spannen sich in äußerlich ziemlich farbloser Einförmigkeit ab, die Liebenden wußten es nicht einmal. Aber Johannes wollte nach seiner einfachen Weise bald diese bald jene Erleichterung den Armen, den Geknechteten gewähren, welche er, der sich selbst mit einem Male so glücklich fühlte, um sich sah – ich habe Dir angedeutet, wie er auch hier auf Ulriken einwirkte! Der alte Graf ahnete von dem Allen nichts, wohl hätten die ergrimmten Vögte oft das Fröken verklagt, daß es ihnen die Bauern zu Faullenzern mache, aber die entsetzliche Angst vor der mit dem höhern Alter unzähmbar gewordnen Wuth des Alten, dessen Zorn oft unerwartete Richtungen annahm, fesselte die Gemeinheit und Bestialität, daß sie still lagen zu den Füßen der Jungfrau, wie die alten Legenden von Raubthieren und Schlangen uns erzählen.