Als nun um die Weihnachtszeit der Graf nach Copenhagen gegangen, blieb Ulrike, fast sich selbst überlassen, daheim allein mit ihrem Lehrer zurück; eine ergraute und halb blinde Anverwandte, welche zum Stift Wallöe gehörte, dessen Abatissin die Fürstin Sophie geworden, war kaum zurechnungsfähig, und befand sich gern in Johannes' Gesellschaft, der sie mit gütiger Aufmerksamkeit behandelte, weil sie alt und gebrechlich. –

Nach einiger Zeit sandte Graf Owen einen Tanzmeister aus Copenhagen; Ulrike sollte auf dem Gute tanzen lernen, um bei einem spätern Feste am Hofe auftreten zu können. Der alte Franzose wurde leicht im Schloß untergebracht, der neue Unterricht begann. – Um die üblichen Tänze einüben zu können, mußten mehrere Theilnehmer an demselben gefunden werden; man zog ein paar Fräulein aus der Nachbarschaft hinzu, auch deren Brüder und Johannes mußten figuriren. Die Liebenden tanzten zusammen, die Jugend schlug rosig aus beider Herzen und Wangen; sie waren unsäglich glücklich. Dennoch blieben Beide unbefangen, sie gaben ihrem Glück keinen Namen.

So ging der Winter vorüber, der Graf kehrte zurück. Der Vater ließ das Töchterchen ihm vortanzen und war zufrieden; er hielt ein kleines Examen mit der an allen Gliedern Zitternden; auch hier schien er mit überraschter Freude ihre wissenschaftlichen Fortschritte zu gewahren. Abends war die letzte große Tanzstunde, er sah den Hofmeister Ulriken gegenüber die Touren einer Anglaise tanzen – er runzelte die Stirn und schwieg.


Die Unterrichtsstunden mit Johannes nahmen ungehindert ihren Fortgang, – zuweilen erschien der alte Herr unvermuthet während derselben im Zimmer seiner Tochter; er sagte kein Wort. – Einmal begegnete er Ulriken in der Allee, sie war von einem Diener begleitet, der ihr einen großen Korb mit Lebensmitteln und Arzeneien zu einer Kranken trug – Graf Owen fragte nach keinen Details, er schwieg, allein er ward noch finsterer und redete stets streng und in fast barschem Ton, sowohl mit dem Candidaten als mit seiner Tochter. Die Schloßbewohner überkam ein geheimes Grauen.

Eines Morgens ließ er Ulrike zu sich rufen. Es waren eine Menge Kisten und Schachteln aus der Residenz angekommen, mit Kleiderstoffen, Stickereien, feiner Wäsche und Mustern dazu; er befahl ihr für ihre Ausstattung nach Copenhagen zu sorgen, wohin sie ihn zum Johannisfeste auf eine Woche begleiten solle, um der königlichen Familie vorgestellt zu werden; er hoffe, setzte er hinzu, sie als Braut wieder heimzuführen.

Ulrike stand regungslos vor ihm wie ein Marmorbild, alle Farbe war von dem schneeweißen Gesicht gewichen, sie verstand nicht mehr, was er diesen letzten Worten noch hinzufügte, mechanisch verneigte sie sich, nach damaliger streng respectvoller Sitte, als er geendet, und ging in ihr Zimmer. Erst dort besann sie sich, erst dort wurde ihr der ungeheure Schmerz einer möglichen Trennung deutlich.

Ulrike fiel nicht in Ohnmacht, streckte sich nicht tödlich ermattet auf ein Canapee oder in eine Chaise longue, – sie saß ganz still und ehrbar auf ihrem gewöhnlichen Platz und strickte Filet, als Johannes eintrat um ihr eine Unterrichtsstunde zu geben. Er kam noch heiter herein, wie ein sonnenheller Morgen, allein ein einziger Blick auf sie gab ihm das Gefühl eines unermeßlichen Unglücks, das ihn und sie betroffen. Neben ihr, etwas mehr zurück, saß die alte Cousine halb im Schlummer; er vermochte nicht es zu beachten, sein Herz kannte keine Nebenwege zum ihren, er fragte kurz und gerade heraus – sie antwortete eben so und sagte in dieser Antwort Alles. – Die Cousine war fest eingeschlafen.

Die nächste Viertelstunde fand zwei selige Menschen, die mitten in dem sie dicht umwachsenden Elend desselben vergaßen, über dem unbegrenzbaren Glück ihrer gegenseitigen Liebe. Zum ersten Mal hatten sie sich ausgesprochen über ihr Gefühl; die Alte hatte schlafend dabei gesessen; es ist wunderschön, daß man der Jugend das Glück nie ganz verkümmern kann!

Der folgende und noch gar mancher Tag nach ihm vergingen, und es hatte sich nichts geändert im Lauf derselben; nur flogen der Liebenden Pulse in heftigeren Schlägen, nur wechselten die Stunden der hoffnungslosen Verzweiflung und der seligsten Zuversicht in Beiden – und seltsam, und doch nur menschlich-natürlich: die letztern überwogten, ja vernichteten allmälig die Verzweiflung, mit welcher sie anfangs der Zukunft gedacht; es konnte ja noch lange, lange so bleiben wie jetzt! Ulrike war fest entschlossen, keinem Andern ihre Hand zu reichen, den ihr vorzuschlagenden Bräutigam nicht anzunehmen, was auch daraus entstehe. Immer wollte sie so fort leben, nie sich vermählen, Johannes aber sollte einst eine Pfarre auf einem der benachbarten Güter oder in Nysted, oder auf Falstern erhalten; so schwatzte sie in liebenswerther Kindlichkeit ihm leise flüsternd den Kummer fort aus der Seele, – wenn er ihr zuhörte, beseligte ihn der Klang ihrer Stimme; konnte er ihren Glauben an die günstige Gestaltung ihres Geschicks nicht unbedingt theilen, so endete doch momentan alles Leiden in ihm, denn er dachte nicht weiter. –