In der Nacht, wenn er allein auf seinem Zimmer war, fiel ihm die große Sünde auf's Herz, die er an ihr begehe! – trostlos warf er sich auf die Knie und flehte Gott um Erbarmen an, – etwas Bestimmtes zu erbitten vermochte er nicht, denn er konnte nicht anders, als sie lieben! Manchmal dachte er, in Copenhagen werde sie ihn vergessen, er rief sich all die schönen reichen und edlen Männer in's Gedächtniß, die er dem Namen nach kannte, denen sie aber wirklich begegnen werde; er zwang wohl auch seine Lippen zum Gebet: daß ihr der Allmächtige dort Vergessenheit gewähre und höchstes Glück in den Armen eines Würdigern als er selbst – und – in heiße Thränen brach er aus, denn klar wie die Wahrheit des heiligen Evangeliums stand es ihm fest und licht in der Seele: Ulrike werde doch nie einen Andern lieben als ihn, und nie einem Andern angehören! –

Der Mai neigte dem Ende sich zu. Als Johannes eines Tages von Ulriken ging, der er ihre gewöhnliche Unterrichtsstunde gegeben, berief ihn der Leibdiener des Grafen in dessen Cabinet. Owen hatte einen, wie es schien, eben erhaltenen Brief in der Hand, welchen er ihm überreichte. »Herr Candidat,« redete er ihn ganz freundlich an, »Sie sind wie Sie aus beikommendem Schreiben ersehen, zum Pfarrer ordinirt; hier ist Ihre Bestallung und ein Handschreiben des Probstes. Sie gehen nach Island; Ihr Kirchspiel liegt in Rangewallsyssel. Ich wünsche Ihnen Glück! Sie werden aber in vierundzwanzig Stunden Laaland verlassen müssen, um erst in Copenhagen einige nöthige Instructionen sich zu holen, vielleicht werden Sie auch wünschen, die Ihrigen noch in Roeskilde zu sehen und Abschied von Ihrer Mutter zu nehmen. Das Schiff, mit welchem Sie reisen, lichtet den zweiten Juni die Anker, geniren Sie sich ja nicht wegen uns!« Graf Owen stand auf, verbeugte sich und verließ das Zimmer. –

Island! vielleicht hat die Natur keinem Lande der Welt ein abschreckenderes Aeußeres gegeben, als dieser vulkanischen Felseninsel, deren Inneres ein Geheimniß des Schöpfers geblieben ist bis zum heutigen Tage; in phantastisch-wilder Erscheinung hat er sie als Räthsel dem hohen Norden hingestellt; Niemand hat es zu lösen gewagt! – Unermessen, unbetreten dehnen sich Islands innere Eisklüfte, heben sich seine Hochgebirge, kein Wandrer wagt sie zu durchdringen, keine Gewinnsucht lockt je den Jägersmann in ihre gänzlich unbewohnte Bergesöde, nicht einmal ein Vogel durchschneidet sie im vorübereilenden Flug! Eismassen, Rauch- und Feuersäulen drängen sich dort aus dem geologisch reichen Grunde, treiben von Innen heraus unaufhörlich Lava, Asche und rollende Steine herab auf die karge Vegetation des bewohnten Strandes, der, ein schmaler Landstrich, die Felsmassen umgürtet, welche hinter ihm sich erheben. Acht lange Monate ist auch dies Ufergestade mit seiner spitz ausgezackten Granitkrone, welche von zahllos eindringenden Fiörden durchschnitten wird, von Eisschollen überdeckt, – den kurzen Sommer hindurch umbraus't es ein immer wild aufschäumendes Meer, das nur des Winters Strenge mit den starken Eisesbanden zur Ruhe zwingt. Wildströme reißen sich aufgischtend vom Hochgebirge los und stürmen jauchzend diesem Meere zu, dessen heftige Brandung ihren tollen Schaumgruß erwiedernd ihnen entgegen sich drängt; im Osten sprudelt der Torfa in bacchantischem Uebermuth seine glühenden Quellen mitten aus dem Eismeer hervor, während im Gaukakal-Thale die Geiser aus weitem, tiefen Becken ihre geisterartigen Strahlen fast unabsehbar hoch miteinander wetteifernd in die Lüfte senden, – vielleicht ist ihre wunderbare Schönheit eine Botschaft aus der Tiefe in die Himmelsferne, die das Farbenspiel ihrer Regenbogen weiter trägt! –

Ganz oben aber, hinter allen diesen beschneieten Gipfeln, im weiten Kreise der vulkanischen Riesen, die sechs bis sieben Tausend Fuß hoch hinausragen über die Meeresfläche, liegen ganz oben, wie ein schauerliches Gnomenmährchen, die unermeßlichen weiß und blauen Eisfelder in ewigem Verstummen; sie bilden den Zauberring, der, in strengem Gegensatz zu ihrer unstörbaren Todtenstille, einen in ihrer innersten Tiefe kochenden Feuerheerd umfaßt, in dessen Abgründen und Kratern die Elemente unaufhörlich gegeneinander kämpfen.

Und dennoch waren es alle diese Schrecknisse nicht, welche den wie von plötzlicher Todesbotschaft Betroffenen im Cabinet des Grafen gefesselt auf den schwankenden Füßen an dieselbe Stelle bannten, an welcher er die ihn vernichtende Nachricht empfangen; der eine Gedanke, den seine Seele anstarrte, wie die verglas'ten Augen das Blatt in seiner Hand, war nur der einer unabsehbar trennenden Weite, in welcher er von der Geliebten leben sollte, – abgeschieden, losgerissen von ihr, ohne Gruß, ohne erreichbare Nachricht, ohne einen einzigen Ton ihrer Lippen, ihres Gemüths! Eine lange Reihe von Jahren, vielleicht das ganze Dasein lang – immer, immer so fort, bis in's Grab! –

Was kümmerte ihn, ob Islands rauhes Clima keine Frucht am Baum, keinen Halm auf dem Felde reifen läßt, kein grüner Laubast dem müden Wandrer sein Dach beut, und kaum die Birke mit ihrem Schattentraum ihn umspielt, was kümmerte ihn die Kargheit aller Existenz auf der Insel, die künftig ihn umfangen sollte; ach ihre Moose, ihre Beeren, ihre Zwerggewächse hätten ja zum Paradiese sich umgestaltet, wäre er nur einmal am Ende der langen Winternacht dem Frühlingsbilde Ulrikens dort begegnet! hätte nur eine Hoffnung ihm folgen dürfen in die Verbannung!

Und doch kam dem frommen Manne, der Gott immer willig zu gehorsamen gewohnt war, auch jetzt in die so tief zerrissene Seele keinen Moment der Gedanke, sich diesem ihm aufgebürdeten Geschick zu widersetzen, dem, was in seinem Berufe lag, gewaltsam sich zu entziehen; er bot die todeswunde Brust zuckend, mit thränendem Blick, aber entschlossen dem Schmerz und der Erfüllung seiner Pflicht! Wie der Missionair aus dem Kreise seiner Lieben, wie der Märtyrer zum Tode, schritt auch er gläubig-ergeben in Unabwendbares, für sein und Ihr Herz um Kraft flehend, dem Ziele zu; ihm fiel nicht ein, an seinem Schicksale zu mäkeln!« – »Aber sie, aber Ulrike?« rief mit Thränen überströmtem Blick Helene, »wie überlebte die Unglückselige den Schlag?«


»Ich kann Dir nichts vom Scheiden der Liebenden sagen, – denn kein Auge hat es gesehen, keine Lippe je ein Laut übertreten, der jenen heiligen Schmerz berührt hätte! – Als er fort war, erschien Ulrike wie gewöhnlich am Mittagstisch ihres Herrn Vaters; sie war sehr blaß und fast bewegungslos; mit erloschenen Augen saß sie da, legte ihm die Speisen vor, vermochte aber selbst nicht zu essen, – er hielt sie für krank und nannte das Uebel eine Erkältung.

Wie dem Jüngling, den er hinweggesandt in das Schneegrab seiner Erdenhoffnungen, war auch dem Alten an Island bloß die möglichst weite Entfernung von Ulriken wichtig gewesen; an eine Steigerung der Jenem auferlegten Qual durch kleinere oder größere Entsagungen hatte er dabei so wenig als Johannes selbst gedacht; gänzliche, unabsehbare Trennung war das Ziel seiner Bestrebungen, als er seinen ganzen Einfluß in Copenhagen aufbot, dem jungen Candidaten eine Predigerstelle zu verschaffen, die ihn von Seeland in eine Pönitenzpfarre trieb.