Als Ulrikens Zustand den nächsten und mehrere ihm folgende Tage unverändert der nämliche blieb, fiel dennoch dem Grafen kein einziges Mal bei, daß sie, die hochgeborne Comtesse, um einen elenden kleinen Landpfarrer sich ernstlich gräme; er glaubte die ganze Sache durch dessen Entfernung im Keime erstickt, und betrachtete die von ihm gemachten Bemerkungen als Beweise der thörichten Zudringlichkeit und Anmaßung des jungen Mannes. –
Am zweiten Juni lichtete in Copenhagen das Schiff, welches den Prediger in seine neue Heimath führte, die Anker, – am zweiten Juni legte sich Ulrike an einer bedeutenden hitzigen Fieberkrankheit, von welcher sie erst nach vielen Monden genas. – Genas? ja, sie stand auf, sie ging im Zimmer umher, antwortete freundlich auf jede Frage, allein sie blieb wie ein schlaftrunkenes todtmüdes Kind, meist unbeschäftigt, mit niedergeschlagenem Blick, still auf den Boden starrend, in ihren Zimmern sitzen, – von einer Präsentation am Hofe, von gesellschaftlichem Auftreten konnte gar keine Rede sein.
Die Fürstin Abatissin zu Wallöe erbat von der Königin den nie in ihrer Stellung geforderten Urlaub, scheute die Winterreise nicht, kam mit Lebensgefahr über den Belt und nach Laaland auf unsere Insel.
Die Kranke schauete sie mit verwundertem glasigen Blicke an – und erkannte sie nicht! Jetzt stieg der Schatten seiner unbedachten That wie ein drohendes Gespenst vor dem erschreckten Vater auf, – ihn durchzuckte eine entsetzliche Ahnung, aber er schwieg! Niemand wußte um den Zusammenhang des Geschehenen, Niemand verstand den Zustand des unglückseligen Herzens, das die Sehnsucht geistzerstörend, langsam überwuchs!«
»Um Gottes willen,« schrie Helene auf, mit gewaltiger Kraft den Arm der begeisterten Erzählerin erfassend, »sie war, – sie wurde –«
»Wahnsinnig!« erwiederte Emerenzia. »Tiefsinnig nannten die Aerzte ihren Zustand, er ward allmälig zu einem stillen, tiefen Wahn, der ihr bald die Wirklichkeit überdeckte! Nach einigen auf dem Schloß verlebten Wochen nahm die Fürstin das arme himmelschöne Kind, mit dem stets gesenkten Haupt, mit sich in das Stift. Nachdem sie abgereis't, trafen die früher zu ihrer Ausstattung mit großer Freigebigkeit von der Abatissin in Paris, Stockholm, Hamburg und Copenhagen bestellten Gaben hier ein; Stoffe, Edelsteine, Putz und Spitzen; – ihr nicht mit in das Stift angenommenes kleines Privatvermögen hatte Ulrikens Pflegerin großentheils zu diesen Ankäufen verwandt.
Die mütterliche Freundin errieth den stummen Schmerz ihres Lieblings; in Wallöe versuchte sie die geistige Zerrüttung ihrer theuren Pflegetochter, wenn auch nicht zu heilen, doch deren Fortschritt zu hemmen und ihren Zustand zu lindern. Sie schuf Ulriken einen künstlichen Zusammenhang mit dem Leben des Geliebten, sie brachte ihr Bücher über das Land, das ihn umfing, andere, welche die Sprache desselben behandelten, sie umgab sie mit Bildern und Nachrichten von dort, erzählte ihr von den Natur-Wundern desselben, von den Landseen, Gletschern, Nordlichtern und Leuchtkugeln; unermüdlich suchte sie nur einen Wechsel der Gedanken hervorzulocken in ihr – ach, nur selten gelang es. Es war die Vergangenheit, welche das kranke Hirn, das wunde Herz in ihren Banden hielt. Seit sie den Vater nicht mehr um sich sah, war allerdings Ulrike ruhiger; wenn sie allein zu sein glaubte, sang sie die Lieder, die sie von Johannes gelernt, spielte auf dem Spinett die Tänze, die sie mit ihm getanzt – oder bewegte sich im Rhythmus derselben anmuthig hin und her, wie vor dem Tanzmeister – andere Male hielt sie allein Stunde mit sich selber – es lag eine so seelenvolle Milde in Allem was sie that, daß man sie nicht für wahnsinnig halten konnte, wenn man sie länger sah, sondern ihren Zustand der stillen Versunkenheit in einen sie stets absorbirenden Gedanken zuschreiben mußte. – Qualvoll waren ihr die »langen Tage;« an solchen mußten die Fenster verhangen werden, sie weinte dann unablässig. Meine Mutter war bei ihr, auch ich trat mit in ihren Dienst, wenn ich schon keinen bestimmten Posten im Hause bekleidete. – Ach, nur zu bald gestattete ihr die Hoffnungslosigkeit ihres Uebels den längeren Aufenthalt im Stifte nicht mehr. Nach dem plötzlichen Tode ihrer Pflegemutter brachte man sie in das nahe gelegene Wohnhaus des Gutes Steinburg; dort sah sie plötzlich von allen äußern Erinnerungszeichen ihrer früheren Jahre sich abgeschnitten, sie ward stummer, scheuer denn je und sprach gar nicht mehr.«
»Und der Großvater?« fragte Helene.
»Das mit den Jahren zunehmende Gefühl seines Elendes machte ihn nicht weicher. Aetzender nur grub sich ihm das Gift der Vergangenheit in die Gedanken; es ward sehr schwer mit ihm auszukommen, besonders nachdem die Comtesse von den Aerzten als unheilbar erklärt. Er ging zurück nach Copenhagen; man sagt, er habe am Spieltisch Zerstreuung und Vergessenheit gesucht. Seine Tochter nannte er nie, man glaubte dort, sie sei frühe gestorben. Er widersprach nicht. Graf Thugge war nun erwachsen, hatte eine Carrière gemacht, und verlobte sich mit unserer seligen Gräfin; Graf Owen übergab ihm das Majorats-Gut und kehrte nie dahin zurück. Ein paar Jahre später stand sein Catafalk hier im Schloß-Saal. Niemand wagte Ulriken herzubringen, sie blieb von uns umgeben in ihrer Abgeschiedenheit, trug immer die nämliche Kleidung, wie sie in Aalholm in ihrer Jugendzeit sie getragen, sang immer noch mit leiser Stimme die alten Lieder, blätterte in den Büchern und Schreibheften, dachte immer, immer nur an Ihn! Wenn sie vor den großen Schloßspiegeln mit ihm zu tanzen wähnte, hat mich oft gegraus't, – daß sie älter ward, schien sie nicht zu bemerken, auch blieb sie lange Jahre hindurch schön –«