»Ich bitte Dich um Gotteswillen höre auf, Emerenzia, mich schaudert vor diesem endlosen Elend, das Du einer Parze gleich vor mir abwindest, ohne zum Abschluß zu kommen,« unterbrach sie Helene. Die kleine Nordermule schien ihr im Feuerflackerschein ganz groß geworden und anders, ihre Züge hatten einen ungewohnten Ernst, ihr Auge brannte und ihre Rede floß in vorher ihr nie eigenem Wohlklang und Rhythmus. – Die Begeisterte flößte dem Mädchen eine fast unbezwingliche Furcht ein. Es schlug drei Uhr an der Thurmglocke und der erste Hahnschrei tönte über die Haide. »Gehen wir zu Bett, Emerenzia,« sagte leise mit abgewandtem Haupt Helene, »die Geister meiner Familie umdrängen mir die Brust, ich kann nicht mehr – – Gott helfe uns Allen zur Ruhe!« – Die Nordermule hatte den Kopf wieder in die Hand gestützt, mit welcher sie die Augen sich verhüllte; sie blieb bei ihren Erinnerungen am Feuer sitzen, bis der graue Herbsttag sie mit fahlem Lichte umfloß und ihre müden Augen schmerzlich berührte!

Nicht wenig überrascht war Graf Christian, als am nächsten Morgen sein bestimmt ausgesprochener Wunsch, in wenig Tagen schon mit der ganzen Familie nach Seeland zu übersiedeln, um dort möglichst bald die projectirten Vermählungen zu vollziehen, von keiner Seite Widerspruch fand. Die Bräute brannten darauf, die in den Truhen der Tante enthaltenen Schätze würdigen Kleiderkünstlern, Modistinnen, Nähterinnen und Juwelieren zu gehöriger Verwendung zu übergeben, und durch sie ihren Ausstattungen einen ganz ungewöhnlichen Glanz zu verleihen; Eva wünschte durch Entfernung von Aalholm Wiederholungen einer Scene wie die gestrige zu meiden; und Helene? Sie hatte den nächtlichen Graus zwar verschlafen, allein seine Nachwirkung blieb immer noch unbesiegt in ihrer Seele zurück. Sie fühlte sich wie aus anderm Geschlechte entsprossen mitten unter den Ihrigen, ihr schauderte vor der heimtückischen dunklen Gewalt, welche Owen Ulriken gegenüber angewandt; denn sie war sich's sehr wohl bewußt, daß auf die eine oder andere Art Christian etwas Aehnliches an ihr versuchen könne, oder wenn auch nicht direct an ihr, doch um so leichter an Thorald, den er schon auf so unbegreifliche Weise von ihr getrennt und auf die uninteressante Insel Falstern zu gehen gezwungen! Sein Einfluß kam ihr wahrhaft dämonisch vor; »es läßt sich nicht absehen,« sagte sie sich selbst, »auf welchen Abweg der Imagination er ihn drängen, welche bösen Geister er in Thoralds einfachem, reinen Sinne zu erwecken vermag, auf welche Weise er durch die Macht der Idee ihn zu leiten verstehen wird, um vielleicht mit teuflischer Spitzfindigkeit meinen armen arglosen Freund nach Frankreich zurückzudrängen und ihn von mir zu entfernen!«

Scheu wich sie Christians sie durchbohrendem Blicke aus, als sie statt aller Antwort auf seine Anfrage: ob ihr die beschleunigte Reise genehm? ihrer Kammerfrau befahl, sogleich zum Einpacken die nöthigen Anstalten zu beginnen.

Sie machte ihn nicht irre! In der Leichtigkeit ihres Nachgebens hörte er das Zusammenklingen der Waffen, mit welchen sie wahrscheinlich in Copenhagen ihm entgegen zu treten beschlossen. Die Geschwister maßen einander mit heimlich drohenden Blicken, aber kein Wort, kein Hauch verrieth den Schmerz der inneren Wunden, die sie sich schlugen.

Die Liebe ist erfinderisch; Thorald und Helene fanden, allen Bestrebungen des Grafen zum Trotz, Mittel, sich gegenseitig von der Abreise und der Möglichkeit, einander in Copenhagen zu treffen, zu benachrichtigen. Christian sah bloß an des Mädchens ruhigerer Fassung, daß sie dieselbe erhalten.


Copenhagens oder, wie eigentlich der Däne sagt, Kjöbenhavns großstädtischem Reiz ist trotz aller ihm aufgedrungenen Sittenverderbniß der eleganten Welt, eine Art nordischer Häuslichkeit, fast sagte ich »eine nordische Sentimentalität und Bürgerlichkeit« eigen, welche andern Residenzen gleichen Ranges fehlt. Diesen vorherrschenden Charakterzug, welchen ihm die Sinnesart eines sehr großen Theils seiner Einwohner giebt, theilt es weder mit London, Paris oder Neapel, noch mit Berlin und Wien! Sei es wirkliche, ursprüngliche Sittenreinheit, sei es angenommene Form, ein stiller Geist spricht noch aus allen Schilderungen, welche uns Skandinaviens neuere Literatur bietet; alle Beschreibungen der dortigen Zustände zeugen von einem hohen Grade eigentlichen bequemen Familienlebens, wie von einer neben dem blasirten Sinn des hochadligen Cavaliers erhaltenen Sitten-Einfachheit der höhern Stände.

Vielleicht sind die Dänen trotz der bei ihnen vorherrschenden literarischen Bildung ein wenig altmodisch, allein sie wagen ein freieres Wort, sie zeigen in der Gesellschaft mehr Herz, sogar mehr Gemüths-Eigenthümlichkeit als wir, und während oft Modenübertreibung und carikirte Annahme ausländischer Manier beim Einzelnen nicht abzuleugnen, tritt dagegen auch eben so häufig bei andern eine rein bewahrte, edle Individualität zu Tage; besonders bei den Frauen.

In den neunziger Jahren, in denen die Begebenheiten sich zutrugen, welche diese Blätter uns bewahrt haben, waren nun diese Sitten noch bei weitem einfacher als heut zu Tage; die Strenge religiöser Moralität war vorherrschender, und das bürgerliche Behaben bei den vornehmen Familien allgemein. Grell stach die mit den Emigrirten aus Frankreich überkommene voltairisirende Bildung gegen die streng lutherische Orthodoxie ab, welche großentheils vom Königshause ausgehend auch auf das Hofleben einwirkte.