Der Luxus, welchen der Reichthum des Adels in der Hauptstadt hervorrief, war ebenfalls tüchtiger und reeller als in unserer Zeit, und die Ausstattung der beiden Bräute ein ganz bedeutendes Stück Arbeit, bei welcher Amalie und Annette die Hülfe ihrer Freunde ernstlich in Anspruch zu nehmen gedachten. Hierbei kam ihnen nun ein besonderer Umstand zu statten.

Die Familie des Grafen Gejer besaß seit Jahrhunderten schon gemeinschaftlich ein Haus, welches bald dieser bald jener Bruder bei seiner zufälligen Anwesenheit in Copenhagen bezog; nur Graf Friedrich machte seit seiner Vermählung eine Ausnahme; da er mit seiner Gemahlin die Winterzeit regelmäßig in der Residenz zubrachte, hatten sie sich in der Breitengasse angekauft. Bedeutende Familien wohnten weder in den Hanse-Städten noch in Dänemark zur Miethe. – Während der häufig drei Viertel des Jahres dauernden Abwesenheit der Grafen Gejern blieb die Wohnung derselben bis auf einen Theil des Erdgeschosses leer stehen; diesen hatte einer der älteren Freunde Helenens, den sie, wie schon erwähnt, vom Vater ererbt, seit mehr denn dreißig Jahren inne und bewohnte ihn mit Frau und Kindern. Die ganze gräfliche Familie war dem Obergerichts-Advokaten Alslev eng befreundet; alle ihre Angelegenheiten waren demselben bekannt und gingen, wenn sie mit dem Gericht in Beziehung standen, durch seine Hände; die gütige Frau Obergerichts-Advokatin aber pflegte die Aufsicht und die Schlüssel des Hauses zu übernehmen, wenn die Damen in das Stift Wallöe oder in Christians Schloß zurückkehrten, und war das Factotum des weiblichen Personals.

Der Obergerichts-Advokat war ein etwas untersetzter, immer noch sehr kräftiger Siebenziger, dessen breite Stirn einen hohen Grad Intelligenz zeigte. Die mit seiner Stellung stets Hand in Hand gehende Menschenkenntniß hatte der Güte seines Herzens keinen Eintrag gethan, und mit den Jahren war nur eine gewisse breite Redseligkeit in ihm entwickelt worden, welche den Zweck zu haben schien, den Nächsten von seinem Durchblick aller ihn umgebenden Verhältnisse zu überzeugen. Griffen diese in das Staatsleben ein, so ward freilich eine Art Resignation des Zuhörers nothwendig, welchen er freundlich durch ein »Geben Sie wohl Acht!« in gleich regem Interesse zu erhalten suchte.

Es wagte auch nicht leicht Einer sich seinen stets sachkundigen und sehr genauen Erörterungen zu entziehen, denn der wackere Herr verstand durchaus keinen Spaß, wenn es Gemeinwohl galt! Er pflegte sogar, wenn man nicht achtsam blieb, seine Rede durch ein plötzliches »na! sehen Sie, Männchen, daß Sie keine wahre Theilnahme für die Sache haben!« abzubrechen und dem jungen Bewerber um Amt und Anstellung selten die Zerstreutheit und Fahrlässigkeit zu vergessen! Ueberhaupt war ein unermüdlich edler Ernst in all seinem Thun vorherrschend, der sehr wohl in den Drang der Gegenwart Dänemarks paßte und ihm einen bedeutenden Einfluß in den Gestaltungen des öffentlichen Lebens erworben hatte. Dasselbe warme Herz aber, das für's Allgemeine so theilnehmend sich aussprach, schlug auch dem Wohl und Wehe des Einzelnen eben so unveränderlich treu entgegen, und die seltne Geduld, mit welcher er des Kleinbürgers und Bauern Klage anhörte, hatte ihm eine ungewöhnliche Popularität in Seeland erworben.


Die Aussicht, dem eben beschriebenen Ehrenmanne und seiner trefflichen, in ihrem Fach gleich tüchtigen Gattin sich zu nähern und auf langgewohnte Weise die Interessen, Leiden und Freuden des Augenblicks mit ihnen zu besprechen, belebte die Brust jedes Mitgliedes der Gejerschen Familie, als die schweren Wagen derselben durch das Osterthor der Stadt fuhren. Christian und Helene hofften jedes am Obergerichts-Advokaten einen Verbündeten gegen des Andern Starrsinn zu gewinnen, die zwei Bräute aber waren im Voraus der thätigsten Hülfe der Frau Alslev gewiß, die seit den Kinderjahren wie eine Mutter ihnen zur Seite gestanden.

Beim Aussteigen sprang Helene dem sie am Wagenschlage bewillkommnenden Freund in den Arm, und flüsterte ihm zu, sie bedürfe seiner Hülfe und einer baldigen Unterredung; leider nahm Christian denselben sogleich mit lauten einfachen Worten in Beschlag, indem er ihn um ein Detail der Staatsschuld fragte, das den guten arglosen Mann in eine ziemlich breite Auseinandersetzung und durch diese bis in des Grafen Arbeitszimmer zog; – auch Graf Friedrich war unterdessen angelangt, also an eine Privatunterredung mit Helenen für den Augenblick nicht zu denken!

Helene sah ihren Bruder scharf an, blieb aber heiter – »sie muß einen wunderlichen Rückhalt haben,« dachte er.

Als die drei Männer allein waren, (der jüngere Graf war noch nicht in Copenhagen angelangt,) legte Christian dem alten Freunde die ganze Sachlage vor, indem er ihm zugleich die Scene mittheilte, welche ihrer Aller Ankunft beschleunigt hatte.