Nach einer etwas späteren Präsentation bei der alten sehr kränklichen Abatissin, entschuldigte sich Helene mit Kopfschmerz, entzog sich dem gemeinschaftlichen Abendmahl und eilte zurück in ihre Wohnung. Die neugierigen Fragen nach allen gesellschaftlichen Verhältnissen und den Hochzeitsfeierlichkeiten reizten ihre Nerven bis zum Unerträglichen.

Als sie den langen Gang durchschritt, gewahrte sie durch die Glasthüre im matten, nicht eigentlich klaren Mondenlicht in ihrem Vorzimmer eine Art Bewegung, – wie ein wehender Vorhang wogte etwas durchsichtig Weißes in demselben. Des Mädchens Charakter neigte weder zur Furcht noch eigentlicher Exaltation, – die momentane Ueberspannung all ihrer Kräfte war ihr selbst fühlbar; so blieb sie besonnen auf dem Gange stehen, ungefähr in der Mitte desselben, und schloß beide Augen mit der vorgelegten Hand. – Erst als sie ihr Herz ruhiger schlagen fühlte, öffnete sie dieselben, es war Alles still. – Wunderliche Einbildung! sagte sich Helene und setzte ihren Weg fort, – in demselben Augenblick erhob sich's wieder, die Bewegung mehrte sich, allein das nebelartige Wesen hatte zur Gestalt sich verdichtet, welche mit langem weißen Arm rückwärts zu deuten, ja zu drohen schien! Jetzt stürzte Helene in fliegendem Lauf auf dieselbe zu, »es hat sich Jemand eingeschlichen,« war ihr einziger Gedanke, Thoralds Briefe auf dem Schreibtisch ihre einzige Sorge. – – Die Figur wurde compact, – sie stand mit gläsernem, wasserblauen Blick und todtenbleichem Antlitz dicht hinter der Glasscheibe, – es war eine steinalte Frau in wunderlichem jugendlichen Aufputz, in weißem Kleid, eine blaßrosa Schleife in dem schneeweißen Haar, und die dünne weiße Hand winkte zurück! zurück! mit immer steigender, ängstlicher Hast: zurück!

Jesus! es sind der Tante Zimmer, die ich bewohne! durchblitzte es Helenens Gehirn, aufschreiend sank sie bewußtlos zu Boden.

Als sie zu sich kam, standen der alte Diener und die Kammerfrau, welche im Stift sie bediente, vor ihr, man hatte sie ohnmächtig im Corridor gefunden, aufgenommen, in ihre Stube getragen und in einen Fauteuil gesetzt, man sprach von lauter Hausmitteln, vom Arzt, der Apotheke und einem heftigen Blutandrang, – nach wenigen Secunden war ihr die volle Geisteskraft zurückgekehrt.

Sie bat Niemand weiter zu rufen, die Damen nicht an der Tafel zu stören, nahm geduldig den ihr gebotenen Thee, ließ gelassen sich zu Bette bringen. Die dienstgewohnte alte Margareth bestand darauf, im Vorzimmer zu wachen; auch das ließ die Comtesse ruhig geschehen.

Ein tiefes Besinnen hatte ihre ganze Seele erfaßt, »es war die Tante!« sagte sie sich selbst, »sie warnte; ich soll nicht elend sein wie sie. Abwärts, zurück winkte der lange schneeweiße Arm, der Finger deutete den Gang entlang. – Wohin? hinaus? der Treppe zu?« – Alles Grausen war dem Mädchen untergegangen im seltsam angestrengten Bemühen, die Absicht der ihr wohlwollenden Erscheinung zu verstehen, – die grübelnden Gedanken begannen einander zu drängen, sie wurden zu Bildern, die sich mischten und theilten, – zusammen- und wieder auseinander flossen, – wie eine anschlagende Glocke tönte es ihr im Ohr, leiser, endlos dazwischen fort, die Töne wurden Musik, – Gesang, – Schlaf.

– In das weit offene Schloßthor wallte ein Festzug in fremder, altmodiger Kleidung in den Saal, in welchem alle großen Feierlichkeiten des Hauses Statt zu finden pflegten, Helene kannte Niemanden von all den Versammelten; unter dem rothsammetnen Baldachin stand eine schöne Frau, vor ihr, den Rücken Helenen zugekehrt, kniete eine Dame in der Galatracht der Priorinnen des Stifts, – die Königin nahm die Insignien des Ordens und eine Pergamentrolle von einem Sammetkissen, das ein Cavalier hielt, – auf dem Kissen, auf den Sammetbehängen immer das Wappen der fürstlichen Gründerin und Beschirmerin des Stifts zahllos wiederholt; – »überall das Wappen der Königin!« dachte Helene, – »ja, an den Wänden, – über der Thüre des Refectoriums, die nach dem Gange führt, überall das Wappen,« – sie erwachte? – Hell und klar drang die Sonne durch den halbgeschlossenen Vorhang, – sie warf ihn zurück und sog mit langem genesenen Blick die Pracht der herbstlichen, rings ihr entgegen quellenden, bunten Fülle ein! »Der Mensch kann glücklich sein,« sagte sie, »auch ich will glücklich sein.«

Den ganzen Morgen blieb Helene in ihrem Zimmer eingeschlossen und schrieb. Die Nacht, der wirre, nur den unmittelbaren Schutz der Königin andeutende Traum, mochte er dem Zufall oder der ungeheuren geistigen Arbeit des gewaltsamen Nachsinnens sein Entstehen danken, hatte einen klaren, festen Entschluß in ihr gereift. Eine Ordensdame des königlichen Stifts Wallöe hatte den Rang einer hochadligen Erbtochter; – zu einer Vermählung nach freier Willkür bedurfte sie nur der Zustimmung ihrer Majestät! Helene war die erste Dame des Stifts Wallöe, welche in diesem Augenblick von jenem höchsten Anrecht Gebrauch zu machen beschloß und sie führte den Entschluß durch!


In der verwitweten Königin Juliane Marie Privatgemache, stand ihres Eintritts gewärtig und ihrer harrend ein junger, schöner Mann; die hochgerötheten Wangen und die fliegende Brust, deren convulsivisch-heftigen Herzschlag das Spitzen-Jabeau verrieth, bezeugten, daß die ehrfurchtsvoll-ruhige, fast hofmännische Haltung desselben, eine mühsam erzwungene! Er hielt ein paar Chagrinleder-Etuis in der Hand, welche kleine Wiederholungen zweier, auf der Staffelei am Fenster bereit gestellter Portraits der Königin und ihres erhabenen Sohnes Friedrich umschlossen. In einzelnen Pausen der sein Haupt durchjagenden Gedanken, blickte er mit Wohlgefallen auf die in herrlichen Goldrahmen prangenden Staffeleibilder, besonders auf das der Königin, – es war wirklich ein sehr gelungenes Portrait; französische Erinnerungen der damaligen Behandlungsweise schienen des Künstlers Hand geleitet zu haben, und gerade diesen Zügen war sie ungemein günstig; der Hang zur Intrigue, der in denselben fast kleinlich hervorstechend sich zeigte, war in anmuthige Schlauheit und feine Ironie übersetzt, der fast hinterlistig-scharfe Blick gewandt mit einer königlichen, stolzen Haltung gepaart, so daß er ohne hochmüthig zu erscheinen, durchdringende Klugheit aussprach, die sich der eigenen Kraft bewußt ist.