»Zwei, – drei Jahre! Alslev!«
»Helene! Sie sagen mir ja, Ihre Liebe sei ewig, werde das Leben überdauern!«
»Aber wir werden nicht immer jung bleiben, Alslev, und die Zeit ist eine so furchtbare Macht, sie kann eben so gut Tod und Verzweiflung uns bringen,« – wieder flog ihrem Geiste das Geschick der wahnsinnig gewordenen Tante vorüber! Alslev schüttelte das ernste Haupt; ihm erschien Alles gering neben der Kraft des eignen unbeugsamen Willens. »Wer etwas erreichen will, muß warten können,« sagte er stolz.
Bitterlich weinte Helene. Ach, noch vor wenig Stunden hatte ihr das Loos der Liebenden so sanfte, süße Thränen entlockt! damals hatte nur die Poesie eines alle Qual und Lust, Jugend, Alter, jeden Wechsel des Lebens überdauernden Gefühls sie erfaßt; jetzt sah sie nicht mehr die im Geist einander begegnenden bejahrten Liebenden, denen die eigne Treue zum Bürgen einer die schwere Erdenlast durchwachsenden Hoffnung geworden, sie sah nur die furchtbare, nackte Realität des Leids! Das einsame Todtenbett der gewaltsam Getrennten, zwischen denen sich das weite Meer des ganzen wogenden Daseins ausgedehnt, und welche nicht einmal die letzte Stunde desselben wiedervereinte! –
Thoralds schriftliche Versicherung, daß er ihr nach Kiögge folgen und ganz gewiß von dort Mittel finden werde, sie im Stift zu sehen, vermochte nicht die tiefe, fast krankhafte Niedergeschlagenheit ihres Gemüthes zu heben. – Trostlos warf sie sich in den Wagen, trostlos empfing sie im Vorüberrollen ihres harrenden Freundes Abschiedsgruß. – Trostlos erreichte sie bei einbrechendem Abend das Ziel ihrer Reise.
Eine Meile abwärts von der ehemaligen kleinen Festung Kiögge, welche längst im Lauf der Zeiten ihre mittelalterlichen Ringmauern, ihre Gräben und Wälle eingebüßt, liegt in lieblichster Umgebung, von den herrlichsten Buchenhainen umgürtet, das große adlige Schloß und Damenstift Wallöe. Weiter zurück, nach der Seeseite zu, zieht sich das Dörfchen hin mit seiner schönen Kirche; ungemein fruchtbar und anmuthig ist die Gegend.
Das Schloß selbst, im Geschmack der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts erbauet, scheint eine Art deutsch-gothische Uebertragung zum Zopfstyl, vielleicht ist es ein wenig zu überladen im architektonischen Schmuck; die zwei breiten Wassergräben mit Zugbrücken, die beiden hohen Thürme an seinen Flanken, der eine rund, der andre viereckig, deren Kupferdächer in der Sonne glitzern und glänzen, geben der schönen Façade ein ehrenfestes, burgartiges Ansehen. Die sehr solide Unterlage des Baues besteht aus großen grauen Sandsteinquadern; der obere Theil prangte in den Tagen, von welchen wir erzählen, noch in seiner ursprünglichen rothen Backsteinfarbe; unter jeder Fensterflucht ziehen sich breite, ebenfalls graue, Sandsteingurten hin, vom selben Material ist die reiche Steinmetzenarbeit der Fenstergiebel; zwischen diesen und wo es irgend sonst noch ausführbar, sind graue rosettenartige Verzierungen angebracht; höchst charakteristische Hautreliefsköpfe, die sonderbar dämonisch auf den Eintretenden herabschauen! Ueber dem Haupteingange prangt das ebenfalls in Stein gehauene riesige Wappen der Gründerin des Stiftes; es steht unter unmittelbarem Schutze der Königin.
Das Ganze macht, trotz des zwischen dem Ehrwürdigen und Barocken schwankenden Styls, einen ernsten Eindruck, durch Größe und Uebereinstimmung edler Proportionen.
Als der Wagen über die Brücke fuhr, schreckte Helene auf aus ihren Träumen; aber der Ausdruck stiller Abgeschlossenheit der Umgebung, die etwas feierliche Ehrbarkeit des alten Stiftsbedienten, der sie am Thor empfing, wie die in ihren Zimmern herrschende peinliche Ordnung berührte sie schmerzlich. Alles erinnerte sie an Begräbniß und Gefängniß, und die draußen in buntem Herbstschmuck wogende Waldnatur, mit all ihrem Drossel- und Finkenschlag, mit dem unsäglich lieblichen, allmäligen Stillwerden der eintretenden Dämmerung, reizten sie durch den Widerspruch mit ihrem Innern zu immer verzweifelnderer Stimmung.
Sie bewohnte das letzte Zimmer zur linken Hand eines ziemlich langen Ganges; um es zu erreichen, mußte sie an den jetzt noch leer stehenden Stuben ihrer Schwestern vorüber, das Vorzimmer, das ihnen gemeinschaftlich war, schloß eine Glasthüre; ließ Helene die ihres eigenen Gemachs offen, so blickte sie durch dieselbe auf den matt erhellten Corridor.