Graf Thugge vollendete seinen Bericht; ach, es blieb unmöglich, dem Alten die Trauerkunde von Ulrikens Geisteszustande zu bergen! Demüthig mit vor den zitternden Lippen gefaltenen Händen nahm er schweigend sie hin; es lag etwas Unantastbares in der höchsten Freude, die ihm geworden, nichts vermochte sie ganz zu zerstören; in frommer Ergebung hörte er dem Grafen zu. – »Sie sind Thugge! mein einstiger Schüler,« sagte er endlich, »der hoffnungsvolle und doch so traurige Knabe, den ich nur kurze Zeit unterrichtete und dann verlor! – wie dachten wir Beide so oft auch Ihrer! Auch diese Freude, Sie wiederzusehen, hat mir der Herr geschenkt, o was sind alle Leiden, die uns Menschenhand auferlegt, gegen seine allerbarmende Gnade! –«
Er stand auf und näherte sich den mit Papier verklebten Fenstern, um in hellerem Licht den Grafen besser zu sehen; es war als tränke er Ausdruck und Form seiner Züge, als zöge er sie mit aller Seelenkraft in sein Gemüth, um nur ja nie sie zu vergessen! – Endlich richtete er gefaßter den klaren Blick auf ihn: »Sagen Sie ihr,« sprach er mit fester, sonorer Stimme, »daß auch ich keine Andre geliebt – ja nicht einmal ein andres Weib bemerkt auf der ganzen Welt! Daß auch ich täglich immer und immer ihrer gedacht: daß Schmerz und Seligkeit meiner Liebe zu ihr niemals geendet! meine Pfarre hat mich gerettet!« – Unfähig weiter zu reden, drückte er dem Grafen die Hand, wandte sich ab und trat in eine kleine Kammer, in welcher er schlief; die Thüre zog er leise hinter sich zu. –
Uns aber winkte der Graf und wir gingen ernst, wortlos, wie aus der Kirche, hinaus, schwangen uns auf unsere vor der Thüre angebundenen Pferde und ritten schweigend dem Hecla zu. Draußen schien es Frühling geworden, eine warme belebende Sonne vergoldete den fernen Gebirgsschnee, und ließ die Gletscherspalten im reinsten Saphirblau erscheinen, die Schneeammer sang, und die Kinder liefen uns mit Alpenblüthen entgegen, die sie während unseres Aufenthaltes in der Pfarre gesucht.
Der Graf kehrte nicht nach Rangavallesyssel zurück; allein er weilte noch mehrere Tage in der Sundlendinga Fiordung, und sprach den Stiftsamtmann zu Reikiawik, bei welchem er eine große Geldsumme niederlegte für die Gemeine von Skalholt, um jedem Wunsch des würdigen Pfarrers für dieselbe, welcher bisher durch Unzulänglichkeit der Mittel unerfüllt geblieben, zu willfahren.
Johannes errichtete im nächsten Jahr sein kleines Hospital und verband mit demselben, wie er Jahre lang gewünscht, eine Apotheke. – Wenn Ihr einmal nach Island kommt, lieb Fröken, will ich Euch das Granit- und Krystall-Denkmal zeigen, das die Gemeine dem guten dänischen Grafen erbauet; – die Leute wissen seinen Namen nicht, auch der Stiftsamtmann weiß ihn nicht, allein wenn der Johannistag kommt und die Schneeammer singt, eilen alle Einwohner von Skalholt, dasselbe zu bekränzen, und finden es oft schon von tausend blühenden Rankenrosen dicht umwoben.«
Am späten Abende versuchte Alslev noch einmal in einer langen Unterredung seiner jungen Freundin tief erregtes Gemüth zu beschwichtigen. Er fand sie sehr schmerzlich bewegt: – das Bild eines zu lebenslanger Einsamkeit verdammten Herzens stand unaufhörlich ihrem inneren Blicke gegenüber; ein unsägliches Grauen vor dem Scheiden aus Thoralds unmittelbarer Nähe, und vor der durch eigenes Leid nie zu erweichenden Hartnäckigkeit des Stammes, dem sie angehörte, hatte sich ihrer bemächtigt; ach, nur zu deutlich empfand sie im eigenen Busen dessen unbeugsamen Eigensinn!
Alslev bewies ihr, daß jeder Versuch vergeblich sein würde, die von ihrer Großtante testamentarisch dem jüngsten Fräulein des älteren Familienzweiges hinterlassene Dot, anders, als im Augenblick ihrer öffentlichen Verlobung in Anspruch zu nehmen, und daß diese nie zuzugeben Graf Christian jetzt fest entschlossen. Auf dem Rechtswege einer gerichtlichen Klage aber könne nur dann etwas erreicht werden, wenn Thorald eine Frau zu ernähren im Stande, der Unannehmlichkeit des öffentlichen Verfahrens und des Verstoßes gegen altes Herkommen und gewohnte Sitte gar nicht zu gedenken! – Er vertröstete sie auf den Zeitpunkt, in welchem Thorald durch die zu hoffende Professor-Stelle an der neu errichteten Akademie, um ihre Hand beim Bruder anzuhalten befähigt sein werde, weil irgend ein unberechenbarer äußerer Umstand sich ihr günstig gestalten, oder auf Christians störrischen Sinn Einfluß gewinnen könne! Kjöbenhavn, meinte er, sei groß genug, ihr, welche kaum ein paar Wochen alljährlich in seinen höheren Kreisen zugebracht, den Unterschied zwischen diesen und der erwählten bürgerlichen Lebensstellung nicht allzu schmerzlich fühlbar zu machen, wenn es ihr nur glücke, die Zustimmung des nach Landesweise Vaterstelle an ihr Vertretenden zu gewinnen.
»Und,« fragte erbebend das Mädchen, »wie lange Zeit, theurer Alslev, kann es erfordern, bis Thorald jenen Punkt erreicht?«
»Wenn ihm jetzt gelingt, die Portraits der Königin Juliane Maria und des Prinzen Friedrich zu deren Zufriedenheit zu vollenden und diesem Auftrag noch einige andre bedeutende Bestellungen folgen, so zweifle ich kaum, daß er die offne Professur nicht bald erhalte, doch können allerdings noch zwei, drei Jahre vergehen, ehe er ein kleines Vermögen erworben.«