Mit sanfter Aufmerksamkeit hatte Kund der Nordermule unerwarteten Eingriff in seine Erzählung hingenommen, mit wachsender Theilnahme, und immer gespannter war er ihren Worten gefolgt.
»Ja! so war es!« sagte er endlich, »gerade so erfuhren wir nach und nach aus des Grafen Munde alle Einzelnheiten, die wir gar nicht ahneten. Kaum hatte er unter unserer Leitung dem Rangavallesyssel sich genähert, so fiel ihm auf, wie alle Pfade und Stege auf dem Gebirge rein gehalten, und mit Wahrzeichen versehen, daß der Bergsteigende die Richtung nicht verliere und nicht versinke in um das Frühjahr von der Felswand sich lösenden weichen Schnee, oder begraben werde in den leicht überdeckten Eisspalten. Die Bewohner des Syssels wären reinlicher und besser gekleidet, meinte er, und ihn freute, wie die Kinder, denen wir begegneten, alle gern Bericht gaben von der Bergesrose, und sich erboten, sie zu suchen, falls sie schon erblüht, sonst aber den Strauch mit den Wurzeln dem fremden Herrn zu bringen.
Unter uns dachte Keiner an diesen großen Unterschied, welchen die Gemeine der seltnen Sanftmuth und Geisteskraft ihres Predigers zu danken hatte, welcher seit fast einem Menschenalter, ohne Weib und eignes Kind, nur seinem Kirchspiel und dem Wohl seiner Pfarrkinder lebte. Nun es der dänische Herr bemerkte, fiel es plötzlich uns Allen auf.
Des guten Johannes Wohnung war ganz aus grau und rother Lava erbaut; um dieselbe her lagen, da sie sehr klein war, noch mehrere ebenfalls einstöckige Wirthschaftsgebäude zur Stallung des Viehs, zu Schlafkammern des Gesindes und zu Aufbewahrung der Wintervorräthe bestimmt; alle waren, wie das Sitte bei uns, roth angestrichen und mit grünendem Rasen belegt. Dem Grafen schauderte vor der anscheinenden Aermlichkeit und Oede dieses Aufenthalts, doch war alles, was er sah, auffallend gut gehalten und glänzend rein: kein Fensterladen gebrochen, kein Mist oder Unrath in Winkeln aufgehäuft, kein vernachlässigtes, umherliegendes Ackergeräth zu sehen, Alles war sauber und geordnet.
Als wir nun einsprachen, herrschte drinnen in der kleinen Stube die nämliche stille Reinlichkeit; es war, als sei es immer Sonntag drinnen: das Zimmerchen war weiß getüncht, auf saubern Regalen standen lange Reihen dänischer Bücher, unter Glas und Rahmen hingen an der Wand sorgfältig getrocknete Blumensträuße aus Dänemark, wie hier die Wiese sie beut. Neben dem wohleingerichteten Schreibtisch, dem Feuer zunächst, stand ein Körbchen, drinnen lag ein krankes Lamm, das der Alte pflegte. Der Pfarrherr war nicht im Augenblicke daheim, die Magd brachte uns einen Morgenimbiß, trockne Fische, gekochte Eier, Käse und Blanda – und die Burschen, die aus Reikiawik uns hergeleitet, erzählten, wie der Pfarrer sie alle gelehrt, die Kartoffeln besser zu bauen, wie er eigenhändig ihre Gärtchen angelegt habe, ihre Arbeiter geleitet, ihre Häuser gerichtet unter dem Felsendach; immer war es der Pfarrer, von welchem alles Gute kam, was sie thaten oder hatten, – mit thränendem Blick gedachten die alte Magd und der Knecht seines hohen Alters, und der wenigen Ruhe, die er sich gönne! Was sollte wohl aus ihnen werden, wenn sie ihn nun verlören? Und er war beinahe an die Achtzig! Auch dem Grafen wurden die Augen feucht; da hörte man Schritte und Jubelgrüße der Kinder draußen; es war der gute Prediger Johannes, der heimkam aus dem Gebirg, wo er Kranke besucht.
Ein durch die Jahre, wie Janfru Emerenzia von dem Fröken Ulrike es bemerkte, tiefgekrümmter und durch die Grabesnähe schmächtig gewordener Greis erschien an der Schwelle, mit einem Haupt voll schneeweißer Locken, die zu beiden Seiten des ganz schmalen Gesichtchens auf die Schultern herabfielen; sein Auge war noch hell und scharf, und der Schnitt der Züge, wenn man sie nur erst recht angesehen, und über alle Narben und Zeichen, welche Wetter-Unbill, Alter und Gram ihnen aufgeprägt, hinaus war, immer noch auffallend edel und schön. Wie eine Glocke tief und fromm klang seine milde Stimme; es war, als läge schon im Ton derselben eine Beschwichtigung für den Leidenden, ihm seine Noth Klagenden. Ueber dem geistlichen Gewande trug er einen schwarzen Mantel, der um den Leib mit einem Strick von Ziegenhaar gegürtet war, daß der Orcan ihn nicht an demselben zu erfassen und vom Felsrand hinab in die Tiefe zu schleudern vermöge; auf dem Kopf hatte er eine Pelzkappe, die er beim Eintritt nebst seinem Alpenstock der alten Magd übergab.
Freundlich und würdig begrüßte er den Fremden, als er ihn genauer in's Auge faßte, überflog ein leichtes Zittern die ganze Erscheinung; er fuhr mit der bebenden Hand über die Stirn – als müßte er einen Gedanken verscheuchen, doch setzte er sich schnell gefaßt zu uns und entschuldigte, ihn herzlich bewillkommnend, bei seinem Gast sein spätes Erscheinen. Graf Thugge erzählte dagegen ihm nun von seinem botanischen Reisezweck und seiner Absicht, die Geiser und das Hochgebirg aufzusuchen, und der Alte gab mit umsichtiger Ortskenntniß ihm Bescheid. Wir anderen ihn Geleitenden hatten uns in einen entfernten Winkel des Gemachs zurückgezogen, die Unterredung der beiden Männer nicht zu stören; von dem, was sie betreffen werde, hatten wir keine Ahnung; der Graf aber schien unsrer Gegenwart ganz zu vergessen. Nachdem er dem Pfarrer für die ihm gegebene Auskunft gedankt, sagte er ihm, daß er noch einen Auftrag, einen Gruß ihm zu überbringen versprochen, und nannte des Frökens Namen. Als der Schall dieses Wortes sein Ohr traf, schrak der Pfarrer zusammen, als habe ein elektrischer Schlag ihn berührt – dann aber vergeistigte sich die ganze zitternde Greisesgestalt, einen Augenblick ward sie strahlend schön, durch einen fast überirdischen Ausdruck; Johannes stand mit himmelaufwärts gerichtetem Antlitz wie ein Prophet vor uns, der zu seinem Gotte spricht, aller Erdengram war von ihm abgefallen; es war der heiße Dank der Seele, der im preisenden Gebet zum Ewigen sich erhob für den ihm endlich gewordenen, ein Leben lang ersehnten Augenblick.