Einen Augenblick maß des Mädchens glühender Blick Beide – »ich bin wohl hier in meinen Zimmern bewacht?« fragte sie sehr ernst, dann setzte sie scherzend hinzu: »Du kannst ruhig zu Bette gehen Emerenzia, wenn Du es nicht vorziehst unseres lieben Pfarrers Erzählung mit anzuhören, ich entfliehe Euch nicht! denn – Thorald hat nicht gewollt! das kannst Du denen sagen, welche Dich hierher postirt,« setzte sie mit leicht bebender Lippe hinzu, indem sie fortgesetzt schärfer und richtender der armen Nordermule in das erbleichende Antlitz schaute; »aber nun, lieb Väterchen, fahrt fort in Eurer seltsamen Geschichte der Wunderrose, die nur auf Schnee und Eis erblüht!«
»Ach,« sagte die Nordermule, »Alles, was der hochwürdige Herr erzählt hat, so fabel- oder mährchenhaft es klingt, ist buchstäblich wahr! Ja, Graf Thugge's Herz war zum Brechen voll und schwer, als er fortzog in die nordischen Lande. Lange Jahre schon hatte er in der Botanik und im Besitz irgend einer seltnen Pflanze, von welcher in ganz Dänemark kein zweites Exemplar sich fand, die einzige Erheiterung seiner trüben Tage gesucht. Die Frau Gräfin brachte immer längere Zeit, ja drei Viertel des Jahrs bei ihren Freunden in Copenhagen zu, der arme Herr blieb ganz allein mit uns auf dem Schlosse; Graf Christian war in Bauerntracht entflohen und lebte in Jütland, die beiden anderen Junker in entfernten Schulen; ich war abwechselnd hier bei den Kindern, oder bei der Comtesse Ulrike. Wenn er nun die übergroße Einsamkeit seines Lebens, (denn allen Umgang mit den Gutsnachbarn mied er), nicht länger zu tragen vermochte, machte der Graf Reisen, nach Versailles, nach England, und öfterer noch nach Holland, um seltne Gewächse zu sehen und für sein Herbarium zu kaufen. In der Pflanzenwelt, sagte er, ist Stille und Frieden, sie verblühen und verwelken sanft! So schritt er leisen Schrittes zwischen den Wiesen-Blumen und unter den Riesenbäumen des Parks hin, er liebte sie und betrachtete sie wie Verwandte; keinen Stamm durfte man fällen, keinen Zweig knicken, keine Blüthe stören durch Berührung! Mit den Sträuchern und Bäumen sprach er auch immer, weit seltner mit uns! Im Winter trug er sich die Scherben voll Blüthen in's Zimmer, war auch viel im Gewächshaus und spielte oft halbe Nächte hindurch auf der Geige; dann mochten ihn wohl frohe Erinnerungen umschweben, man sah ihn zuweilen mit der Violine in der Hand vor den großen Saalspiegeln sich rhythmisch bewegen, fast wie auf Schloß Steinburg die Comtesse, aber nur mit fest geschlossenen Augen. –
Weil das Alles Jahre lang immer sich erneuete, waren wir an sein stilles Walten gewöhnt und suchten in solchen Augenblicken nur die kleinen Kinder ihm fern zu halten, daß keines ihn störe. – Immer größer aber wurden seine Reisen, und führten ihn immer weiter hinweg. Nun war es um die Zeit, daß wir zuerst an einen Versuch dachten, die Comtesse hierher zu bringen, um dem Arzt näher zu sein, als der Graf gerade einen Theil seiner Fels-Flora ordnete, deren Herbarium in Steinburg lag. Da fehlte denn in der Reihe der wildwachsenden Rosen eine hochnordische Alpenpflanze, welche alle Kälte überdauert und auf das Gletschermeer ihre Blüthen wirft; Tag und Nacht dachte unser Graf nur an sie, und beschloß endlich mit einem der Frühlingsschiffe nach Island zu gehen, um sie zu holen.
Ich weiß nicht wie es zuging, daß wir gerade über diese Reise so ungewöhnlich viel redeten, die weite Entfernung, das rauhe Clima machten uns besorgt – es hat wohl so kommen sollen, nach des Allmächtigen Willen! – Kurz, wir vergaßen uns so weit, sogar in der stets tief in ihren eigenen Gedanken versunkenen Ulrike Gegenwart von des Grafen Absicht zu sprechen – plötzlich horcht sie auf! ihr Auge wird blau und strahlend, die Sehkraft desselben concentrirt sich in der Pupille, jeder Bewegung mächtig, wendet sich ihr Antlitz uns zu. »Nach Island?« fragt sie, »wer will nach Island?« – Wir erzählen ihr, glauben aber, daß sie nicht auf unsere Rede achten wird – aufmerksam, ohne einen Laut zu verlieren, lauscht sie unserer Antwort, dann richtet sie plötzlich sich auf und steht vor uns. »Meinen Bruder! ich will meinen Bruder sprechen,« sagt sie, fest und vollkommen ihrer selbst bewußt. Welch ein Anblick! Diese tief verhüllte Herzensjugend, die so plötzlich ihre Decke durchbrach, und vergeistigend die längst verschrumpften Züge der Greisin durchleuchtete! Ihre gekrümmte, vom Alter schon klein gewordene Gestalt streckte sich, uns Alle ergriff eine unsägliche Ehrfurcht, denn es war, als ob Gott zu uns spräche aus dieser mit einem Mal sich erfrischenden Vergänglichkeit – sie wurde beinahe schön wie in ihrer Jugend, durch das Erwachen eines himmlischen Ausdruckes ihres Gesichts – »Ich will meinen Bruder sprechen, meinen Bruder!« wiederholte sie immer von neuem.
Ein Reitknecht warf sich auf's Pferd und eilte zum Herrn Grafen, dem er unterwegs schon begegnete, (des Herbariums halber hatte dieser nach Steinburg gewollt), und Hans gab ihm die Nachricht, daß die Comtesse ganz zusammenhängend gesprochen, und dringend nach ihm verlangt habe.
»Das ist der nahende Tod!« rief der Erschrockene, »sie stirbt!« Rasch sprang er aus dem Wagen, warf sich auf des Reitknechts Pferd, und sprengte in rasendem Galopp zu uns herüber.
Allein es war nicht die Hand des Todes, nur die der Liebe, welche das Herz der Kranken berührt! – Sie erkannte ihn sogleich; »Bruder,« sagte sie, »die Frauen sagen mir, daß Du nach Island reisen willst« – »ja,« erwiederte der Staunende, sie wie ein Wunder anstarrend – »ja Ulrike, ich habe dort ein Geschäft, und will morgen schon hin.«
»In der Sundlendinga Fiordung,« fuhr sie mit immer gleicher Besonnenheit fort, »mußt Du nach dem Rangavallesyssel fragen, zwischen den Apa- und Huitaae-Seen geht der Weg – da liegt Skalholt, und etwas höher hinauf das Pfarrhaus; drinnen wohnt ein sehr alter Mann, der Prediger einer weit an den Bergen hin zerstreuten Gemeine, sie zieht sich bis zu dem Markarfiorden hin, da mußt Du nach Johannes Thorson fragen, und in seine Wohnung gehen. Frage nur recht genau, sie werden Dich gern berichten; da findest Du einen alten Mann, alt und grau wie ich, mit hellen blauen Augen, ach, du wirst ihn gleich erkennen, wenn du ihn von Ulrike Gejer gegrüßt! Sage ihm, sie habe nie seiner Liebe vergessen, und nie einem Andern die Hand gereicht, nie sei sie wieder fröhlich geworden, nie habe sie wieder gelacht; Tag und Nacht, Wochen, Monate, Jahre um Jahre, das ganze lange Leben hindurch habe sie nur seiner gedacht – immer – nie weiter gedacht – immer nur sein, sein bis zum Tode!«
Als sie diese Worte gesagt, vermochte sie nichts mehr hinzuzufügen, ihre Kraft war gebrochen; sie sank zusammen und wir trugen sie hinaus auf ihr Lager. Sie blieb still wie schlafend liegen, noch viele folgende Tage hindurch; dann stand sie auf, fiel aber bald wieder in ihre alte träumerische Geistesabwesenheit zurück, und sprach nicht mehr. – Der Graf reis'te am nächsten Morgen ab nach Island.«