»O wohl und oft!«

»Und – auch von meinem Vater?«

»Fast mehr als Sie, liebe Comtesse, von ihm wissen mögen!«

»Und Sie muthen dennoch mir zu, einem Ausspruch mich zu unterwerfen, der solche Opfer seinem lächerlichen Götzen bringt, oder eine äußere Hülfe zu hoffen?« –

»O, liebes Fröken,« sagte der schon bei den ersten Worten, welche das Leben ihrer Vorgänger im Leide berührten, in sich und seine Erinnerungen versunkene Kind, »welch ein edles Herz hatte Ihr Vater! Als er auf unsere Insel kam, war ich eben erst von Norwegen herüber gekommen, wo ich zu Drontheim auf der Schule gewesen. Ich war fast noch ein Knabe. Aber immer wieder und wieder erzählten sich die Männer auf der Insel von dem traurigen und liebreichen Manne, der einer Rose wegen nach Island gereis't und –«

»Mein Vater auf Island? Sie träumen lieber Kund!« – Der gute Pfarrer schüttelte sanft das Haupt: »sollte man Sie, theures Fröken, um das Erkennen der Trefflichkeit Ihres Herrn Vaters gebracht haben? Das ist ja kaum möglich! es ist ja so herrlich dieses Bild seines dortigen Aufenthaltes, es ist ja so recht wie ein von der Gnade des Herrn uns hingestelltes leuchtendes Sternbild, das den Erdenweg uns erleichtert, indem es an den Himmel uns erinnert!«

Helene sah ihn mit bittenden Blicken an.

Der gute Alte setzte sich, wie immer etwas ängstlich ungeschickt »in den prächtigen Zimmern« mit dem Rücken gegen die Thür, welche Helenens Stube mit der des verstorbenen Grafen verband.

»Es war im Frühling des Jahrs 1763« – ein leiser Seufzer drang aus dem Nebenzimmer an Helenens Ohr – ein Schauer überflog ihre Glieder, sie wickelte sich fester in ihrem Shawl, »als ein ältlicher Herr,« fuhr der Pfarrer fort, »der sich insbesondere mit Naturwissenschaften befaßte, zu uns herüber kam – hier im Lande mag es wohl schon Sommer gewesen sein, denn er war kurze Zeit vor dem Johannisfeste; – über die Eilande Engey und Vidöe, wo sonst das große Mönchskloster lag – das jetzt ein königlicher Hof geworden, des Eiderdaunenverkaufs wegen – war der fremde Herr nach Reikiawik gekommen, das damals nur ein elendes Dorf von wenig Häusern war. Nach dem Kloster auf Vidöe war er gegangen, um eine Blume zu suchen, eine Rankenrose, sagte man, welche in anderen Ländern eine große Seltenheit sein soll, bei uns aber dem Hochgebirge wild entsprießt, wie den Gletschern in der Schweiz die Alpenrose. Ehemals hatte die Rose im Mönchskloster fast das ganze dem Brüderhause anhangende Kirchlein umwoben, nun seitdem ihre Pfleger vertrieben und ausgestorben, war sie verkommen, wie das ganze Gärtlein; keine Spur war dort mehr von ihr zu finden. An der so eifrig gesuchten Rose aber hing des Wandrers ganzes Herz, ihretwegen, sagte er, habe er die Heimath verlassen, er bedürfe sie, um sie in ein großes Buch zu legen, und die Beschreibung derselben einem botanischen Werke einzuverleiben, an welchem er arbeitete. Es müßten, meinten die isländer Häuerlinge, dem guten blassen Herrn, der immer so ernst und trübe vor sich hinsähe, daheim viel traurige Prüfungen auferlegt worden sein, die ihn so recht gerade zu in das Herz getroffen, daß er an so kleinen Dingen Trost zu suchen in die Fremde ziehe! Er wollte von uns aus nach Rangavallesyssel, wo er im Hochlande die Rose zu finden sicher war« – der Seufzer in der Nebenstube wiederholte sich, ein beklommenes, schweres Athmen ward in der Stille, welche nur Kunds milde Stimme belebte, deutlich hörbar. Rasch sprang Helene auf und öffnete die Thüre hinter dem durchaus arglosen Kund: die Nordermule saß in des Grafen Zimmer an der Wand in der nächsten Nähe desselben, jedes seiner Worte mußte dort ihr vernehmlich gewesen sein.