»O weh! also hatte mein banges Herz richtig geahnt, was uns bedroht!« sagte die Nordermule zu sich selbst. Sie war schon aufgestanden, um dem erhaltenen Befehl augenblicklich Folge zu leisten; »aber,« bemerkte sie zaghaft zögernd, »wird der Comtesse mein ungewohnter Aufenthalt in den Gemächern des seligen Herrn Grafen nicht sehr auffallend sein? oder wird sie vielleicht auf meine Gegenwart gar keine Rücksicht nehmen? ich wäre ja nicht einmal im Stande sie zurückzuhalten.« – Glühendroth wurde Christian, er biß sich in die Lippen, »im Nothfall rufen – schreien Sie! ich – begreifen Sie denn nicht? – ich werde angezogen in meinem Zimmer wachen. Muß man,« setzte er ungeduldig mit dem Fuß stampfend hinzu, »einer Person, welche ein Viertel Säculum im Hause, mit schlagender Derbheit auch das Zarteste breit treten, damit sie es erfasse und ihr wie einem Neuling, wie einem unserer ausländischen Diener befehlen? – Sie werden das sich im Augenblick als passend und nothwendig Herausstellende thun, Jungfrau Nordermule,« setzte er stolz den Kopf zurückwerfend, mit dunkel aufblitzendem Auge sie durchbohrend hinzu, »oder – hätte ich mich geirrt? wüßte Die, welcher wir, mein Vater und ich, ehemals die Ehre unseres Hauses unbedingt anvertrauen durften, jetzt keinen Rath mehr zu finden, das Rechte zu thun? Hat Helenens Wahnsinn auch Sie so verblendet, daß Sie wie ein kleines Pensionsmädchen ihr beizustehen wähnen, indem Sie die bereits Taumelnde dem Abgrunde zustoßen, an dessen Rande sie steht? – Ist es möglich!« rief er plötzlich, auf's Leidenschaftlichste erregt zum Himmel aufblickend und die gefaltenen Hände schmerzhaft gegen die auffliegende Brust gedrückt, »auch hier habe ich geirrt!«

»O nein, nein, niemals!« rief in die Knie sinkend und seinen Rock ergreifend die Nordermule, »um Gotteswillen kein Mißtrauen! es würde mir das Leben kosten! Alles, Alles, was Sie wünschen, soll geschehen, wüßte ich nur genau, wie das Rechte erreichen; ach, Graf Christian, ich bin nicht mehr stark und jung wie in jenen Tagen, der Körper altert, bleibt auch das Herz jung!«

Lebhaft riß Christian die Bebende auf, alle Muskeln seines edlen Gesichtes vibrirten, tief beschämt führte er sie sorgsam zu einem Sessel; er sprach kein Wort. Sie sah zu ihm auf, wie ein sterbender Katholik zu seinem Schutzpatron, der sie vertreten soll vor dem ewigen Richter. Endlich, als sie nicht mehr so convulsivisch schluchzte, nahm er, in den gewohnten etwas unsichern Ton zurückfallend, ihre Hand, »vergeben Sie,« sagte er, »ich habe Sie durch meine Heftigkeit sehr erschreckt! Ich war nicht darauf vorbereitet einer unserer Familie so ergebene Person« – das Wort Freundin brachte er nicht über die Lippen – »Erörterungen so schmerzhafter Art geben zu müssen.« Leise drückte er die ergriffene Hand, und Emerenzia blieb allein. Eine wunderbare Verklärung überzog die unschönen Züge des armen alten Mädchens; also hatte er doch wirklich einmal gewußt, was sie mit seiner Mutter ertragen, um seinetwillen! Seine Jugendgestalt schwebte ihrem innern Blicke vorüber. Dann sah sie die Stelle noch einmal an, wo er vor ihr gestanden, und die Stuhllehne, auf welcher seine Hand geruht, während sie da saß und weinte – und begab sich, fest entschlossen, Alles zu Erhaltung der Ehre und Wohlfahrt der Familie zu thun, in das Zimmer des verstorbenen Grafen Thugge.

Vor Helenen stand in der nämlichen Stunde der gute isländische Pfarrherr, hielt begütigend, wie ein mildrichtender Vater, ihre kleine Hand in seinen beiden großen und endete eine lange tröstende Rede mit diesen Worten:

»Glauben Sie mir, theure Comtesse, jede willkürliche Abweichung von den uns vorgezeichneten Lebenswegen, obschon sie in der Zulassung des Höchsten liegt, denn sonst könnte sie ja nicht geschehen, bringt neues Leid, statt des gehofften Erdenglücks. Der gewaltsam Handelnde erzeugt neue Gewaltsamkeit. Ist es Ihnen möglich, so greifen Sie nicht jetzt, nicht in einem Augenblicke in Ihr Geschick, in welchem alle Tiefen Ihrer Seele vom Schmerz aufgewühlt sind!«

»Ach, würdiger Herr,« erwiederte Helene, »Sie sind über all diesen täglich sich erneuenden Quälereien hinaus, Sie leben Ihr einfaches, gottergebenes Dasein so still für sich hin, wie können Sie die Pein all der civilisirten Nadelstiche mir nachempfinden, wie ich unter den Meinen, wie in der Gesellschaft ich sie erdulde.«

»Und doch lehrt mich nicht nur die Religion, welche für alles Menschenweh dem aufrichtig das Gute Wollenden die Gefühlsfäden verleiht, das fremde Leid zu erkennen; auch die Geschichte meiner Väter mahnt mich zum Verständniß des meiner Stütze Bedürfenden. – Zwar haben wir Geistlichen auf Island keine blutige Fehden mehr, wie im 16. Jahrhundert, aber wie um die Mitte desselben Bischof Arensen mit seinen beiden Söhnen den Tod auf dem Schaffot dem Versprechen vorzog, das man ihm abverlangte: sich nicht an seinen Feinden zu rächen, wie er in starrer Unbeugsamkeit, ohne ein Wort der Selbstvertheidigung lieber als Majestäts-Verbrecher das Todesurtheil über sich aussprechen ließ, um nur das stolze Herz nicht demüthigen zu müssen, im Zugeständniß seiner Unbill, so denkt noch jeder einzelne Bewohner unserer Insel. Je rauher das Clima, je schneidend schärfer der Wille, je karger die Gaben des erkaltenden Bodens, je eigensinniger der Mensch in jedem ihn und die Seinen betreffenden Entschluß! Wäre ich sonst wohl hier? – Ach der Isländer härtet seine Seele im Frost, wie das Eisen im Feuer. So kenne ich denn gar wohl die Tiefen der übermüthigen Menschenbrust, die weder in Haß noch in Liebe das richtige Maß zu halten im Stande. Mein Heiland und Herr! Seit mehr denn zweihundert Jahren schon liest der isländische Bauer die Bibel in seiner eigenen Muttersprache, und immer noch erweicht ihm Gottes mildes Wort nicht das verstockte Herz, – sehen Sie, lieb Fröken, so weiß ich denn auch um die Gewalt der Leidenschaft, hab' auch ich selber sie nie empfunden – sie spiegelt sich auf gleiche Art in der Nation, wie im Individuum: von Leidenschaft seid Ihr Alle bewegt! –«

»So soll ich den Mann, der mir unbedingt vertraut, einer Grille meiner Brüder wegen verlassen? – Ihn aufgeben in einem Augenblick, wo der Adel überall wie ein veraltetes, menschliches Institut in sich zusammenbricht, und zurücksinkt in die eigene Unbedeutenheit – wo er allmälig nur zum Hofgewand sich gestaltet, das man ab- und anlegt nach Belieben, eben da soll ich Thorald aufgeben? Ihn den Liebenden? Ihn der mich beglückt? Habe ich denn zur Aufrechthaltung des alten adeligen Stammes, wenn sie denn wirklich als etwas Wünschenswerthes gelten soll, nicht Brüder und Schwestern –«

»Aufgeben? nein! aber warten! die Gestaltung dieser gährenden Volksmassen in ihren immer schnelleren Bewegungen abwarten, die Zeit arbeitet an einer Krisis, –«

»Abwarten! – Jürgenssen! Sie haben wohl niemals von dem Geschick gehört, das die Liebe den Unglückseligen unseres Hauses zu bereiten pflegt. O es ist grauenhaft, mit welcher vornehmlächelnden Heiterkeit wir ganz unmerklich Herzen zu brechen, keimende Hoffnungen zu knicken verstehen! Sie haben wohl niemals von meiner verstorbenen Tante Ulrike gehört?«