»Ist vor Allem ein Weib, und hier ein leidenschaftlich liebendes –«

»Sie haben Recht. Man muß ihr jede Möglichkeit zur Flucht abschneiden, sie bewachen, ihr Gesellschaft leisten, wollte ich sagen –«

Und unterdessen schwamm Helene in Thränen, weil Thorald unerbittlich blieb!

Es giebt eine Menge weiblicher Wesen, welche von der Natur zu Vertrauten-Rollen im großen Lebens-Drama bezeichnet scheinen, sie kommen niemals dahin, eigene reelle Verhältnisse, reinpersönliche Erfahrungen zu haben, ihr Leben wird von Andern gelebt, sie verfließen ganz in Anderer Individualität, in Anderer Leid und Lust. Zu diesen Naturen gehörte die Nordermule, sie ging auf in der drei Gräfinnen Persönlichkeit. Seitdem die zwei Aelteren vermählt und von Copenhagen fortgezogen, hatte eine unbeschreiblich tiefe Melancholie das gute alte Mädchen erfaßt, alle ihre Stunden waren ihr übrig geblieben! – Daß Helene ihrer nicht bedürfe, war ihr längst deutlich geworden, nun fürchtete sie, daß ein rascher Schritt derselben sie sogar um den Anblick des letzten ihr gebliebenen Zöglings bringen und dann ihr armes Leben zu einer ganz zwecklosen Leere sich ausdehnen werde. Schon die alljährig sich erneuende Rückkehr in's Stift war ihr qualvoll, sie gehörte auf keine Weise zu demselben; von Alters her war ihr das ehemalige Stübchen ihrer Mutter geblieben, welche, wie schon erwähnt, in der verstorbenen Fürstin Abatissin Diensten gestanden. Wie ein Stück Möbel oder sonstiges Geräth, hatte man sie dem Haushalt der wahnsinnigen Ulrike zugestellt, bei welcher sie lange Jahre geblieben – später hatte Graf Thugge sie zur Pflege und Erziehung seiner drei Töchter nach Aalholm berufen.

Starr vor sich hinblickend, überdachte die kleine Buckliche ihre lange ereignißlose Existenz; ein Lichtpunkt derselben blieb Ulrikens erster Anblick; Emerenzia hatte sie zum ersten Mal in einer künstlichen Dämmerung, bei zugezogenen rothen Vorhängen gesehen und zwar jener unbewußt; denn nur nach und nach hatte man die Leidende an die Nähe der Fremden gewöhnen können. Wie heiß und jugendfrisch hatte sie von jenem Moment an für die schöne Trauergestalt gefühlt und geschwärmt, die kaum halberschaut ein Ideal aller Schönheit und weiblichen Vollkommenheit ihr geblieben. Ach, die stets nur mit dem Bilde des ihr entrissenen Liebsten sich beschäftigte, in dem einzigen Gedanken absorbirte Ulrike, hatte die leidenschaftliche Hingebung des armen Mädchens nicht einmal bemerkt. Dennoch hatte diese den schönsten Theil ihrer Jugendjahre ihrer Pflege geopfert, und aus den Erinnerungen an jene Zeit den Nimbus all ihrer Träume gewoben – für noch blüthenlosere Tage, voll noch herberer Realität. Der verschwiegenen Treue der allmälig mit dem Hause Gejer so eng Verwachsenden, deren Gegenwart man bedurfte ohne sie zu beachten, deren Lebenskraft man verbrauchte ohne je darüber nachzudenken, war die ganze Qual des Mitgefühls der unseligen Ehe des Grafen Thugge aufgebürdet worden.

Alle Phasen des überhand nehmenden riesigen Elends, das verschmähte Liebe, Haß, Argwohn und Flatterhaftigkeit einem Ehebande zu bereiten vermögen, hatte sie mit durchlebt; die ganze dem kleinsten Samenkorn des Unrechts entwachsende Wucht gegenseitiger Versündigung mitgetragen, all den Seelenverrath sich täglich erneuender Verzweiflung an allem Guten, an Gott, Menschen und dem eigenen unbarmherzigen Selbst hatte die arme Nordermule mit durchfühlt in endloser Gewissenspein. Es hatte Niemand je daran gedacht es ihr anzurechnen, oder gar es ihr zu danken.

Später hatte Emerenzia dem Leben der Kinder eben so rücksichtslos Körper und Seele geweiht. Jene schwersten Ereignisse waren vorübergezogen, Graf und Gräfin ruhten endlich im Grabe. Nun nahmen Glück und Leid der Uebriggebliebenen ihre von dem Dasein Emerenzia's weit abführende Richtung. Neue Fäden knüpften sich zum Gewebe besserer Tage – die Nordermule blieb verlassen allein zurück; die sie mit ihrem Herzblut genährt, zogen fort; weder Licht noch Schatten der ihr nun entfremdeten Existenzen der Geliebten fiel mehr auf sie zurück. – Sie hatte die Erlaubniß nach Belieben im Schlosse oder auf dem Stifte zu weilen. –

Große schwere Thränen rollten über die bleichen gefurchten Wangen der Alten; es sah es ja Niemand, sie durfte schon weinen. Da öffnete sich leise die Thüre ihres Stübchens – es war Graf Christian, der eintrat.

»Liebe Emerenzia,« sagte er kurz aufathmend, eilig, in gepreßtem Tone, »Sie wissen, wie ich voraussetzen muß, Alles was hier im Hause, was in Helenens Seele sich zuträgt – ich brauche mich nicht deutlicher zu erklären. Es soll eine große Unbesonnenheit, ein Unrecht begangen werden – Sie müssen das hindern, oder vielmehr mir helfen es zu hintertreiben. Meines seligen Vaters Zimmer grenzt an das meiner Schwester; – ich bitte Sie dort insgeheim diese Nacht zuzubringen – die Fenster gehen nach dem Garten wie Sie wissen – auch diesen Abend ersuche ich Sie, sich dort oder bei der Comtesse aufzuhalten. Sie verstehen mich doch genau? Helene darf nicht sich selbst überlassen bleiben, nicht unbeachtet – und man kann sie doch nicht bewachen lassen.«

Der Graf trocknete sich heftig mit dem Schnupftuch die Stirn, sie war mit Schweiß überdeckt, trotz der Kälte im Zimmer.