Eva, so hieß die Neuhinzugetretene, grüßte freundlich ihre Schwägerinnen und setzte sich zu ihnen; sie athmete beklommen. In Laaland geboren, hatten ihr dennoch der feuchte Moorboden und dessen ungesunde Ausdünstungen geschadet; ihre Gesundheit war zerstört. Sie hatte mit ihrem Gemahl, dem Grafen Christian, fünfzehn Jahre in Jütland zugebracht, bis das ihm nach seines Vaters Tode zufallende Majorat sie veranlaßte, nach Aalholm zu ziehen. Jütland aber ist der romantische Theil Dänemarks; es hat weder Fühnens überreiche Vegetation, noch Seelands städtischen Reiz, aber es vereinigt den Wechsel wilder, rauher und fruchtbarer Gegenden; es hat die höchsten Berge, Waldungen und Seen, anmuthige Buchten und Flüsse – und sein kaltes Klima ist nicht schädlich wie das des kaum sich über den Meeresspiegel erhebenden Laaland.

Eva legte leise ihre schmale abgemagerte Hand auf Helenens Schulter, um sie aus ihren wachen Träumen zu erwecken; »es ist schön heute Abend,« sagte sie, »seit dem Mittag hat sich der Horizont entwölkt, wolltest Du nicht ausgehen oder ausfahren?« »Meinst Du, daß es schön bleiben wird, bis Sonntag und wir Alle nach Nysted in die Kirche gehen können?« fragte, gleich in ihre Gedanken ganz zurücksinkend, das Mädchen. Sie schüttelte die lichtbraunen Locken aus dem Gesicht und hob das von Johannen beschriebene Antlitz zu der vor ihr Stehenden empor; man fühlte die Wärme und Innigkeit des strahlenden Blickes, die vertrauende Liebe, die sie der Schwägerin verband. »Ich glaube,« fuhr sie leicht erröthend fort, »das Altarblatt wird fertig sein, es könnte wohl zur Feier des Johannistages aufgestellt werden.« –

»Freilich haben wir lange genug darauf gehofft, aber Du vergißt, liebes Kind, daß unsere Herren nach Copenhagen wollten.« –

»Bewahre! Christian schickt nur seine Pferde hin und Joachim und Friedrich gehen von ihren Gütern aus direct, ohne mit uns zusammen zu treffen; sie gedenken zum Erntefest hier auf Aalholm uns zu besuchen,« sagte Annette. Die arme Gräfin wurde noch ein wenig bleicher als sie gewesen, Christian hatte ihr von all diesen Veränderungen seiner Pläne nichts gesagt!


Helene sah sie sorglich an, »Christian,« sagte sie, »hat erst gestern Abend die Briefe erhalten, er ist mit dem Inspector nach Engholm; Du weißt, heute Morgen hat er eine Kiste Bücher bekommen, und vermuthlich über die Geistesverwandten die Brüder vergessen!« – Schmeichelnd streichelte sie die zitternde Hand, welche von der Schulter herabgeglitten jetzt in der ihren lag. »Oder mich!« – seufzte Eva, unhörbar leise.

Ein Männertritt erklang über den Kies der Gartenwege; während des kurzen Gesprächs war nun, doch von Helene nicht unbemerkt, Thorald am Pavillon vorbei und durch die kleine Gartenpforte hereingekommen; er trat, sich entschuldigend, daß er nicht angemeldet, zu den Damen. –

Er mochte Helenen früher auf diese Weise allein angetroffen haben, denn Beide waren sichtlich verlegen, und die andern Schwestern flüsterten sich etwas zu: Annette zuckte lächelnd die Achseln. Die Gräfin blieb verstimmt und wurde mit jedem Augenblicke trauriger. Das Gespräch drehte sich um die Politik des Auslandes und die damals noch wie elektrisch auf die Gemüther rückwirkenden Nachrichten aus Frankreich. Thoralds Aufenthalt als Künstler in Italien, auf dem so vielfach erschütterten Boden, in der von tausend Freiheitsträumen und Kriegsereignissen bewegten Zeit, hatte für die Frauen etwas Fabelhaftes, das ihn wie mit einer Aureola umwob.