Endlich kam auch Graf Christian; eine edle Erscheinung. Er ging ein wenig vorn übergebogen aus übler Angewöhnung; richtete er in irgend einer Geistes- oder Gemüthsanregung sich auf, so gewann seine Gestalt etwas Ritterliches, das an Majestät grenzte. Seine Züge hatten eine formelle Strenge angenommen, die nicht mit physischer Kraft gepaart, fast unnatürlich erschien; die schmale kleine Hand und die dünnen Knöchel derselben verriethen sogar eine körperliche Schwäche, die jedoch nicht ohne Anmuth hervortrat. Ohne unbeholfen sich zu zeigen, war der Graf leicht, selbst im engsten Familienkreise verlegen, seine etwas ungelenke Vornehmigkeit und der seinen Tagen anhangende Mangel einer vollendeten Erziehung, welche überall Sicherheit gewährt, trugen Schuld daran. Unendlich schön waren seine dunkelgrauen Augen; sie hatten einen wunderbaren Reiz, den man sich nicht zu erklären vermochte, denn sie belebten sich selten; eine Art schwermüthiger Düsterheit war in ihm allmälig zu der stillen Beschaulichkeit geworden, die ihn fast zum Gelehrten stempelte. Fünfzehn Jahre hindurch hatte er in einem jütländischen Dorfe gelebt, und war auch dort ein Träumer geblieben, den nur momentane Noth zum Handeln zwang, den selbst die Beschränkung der Armuth nicht zum praktischen Menschen auszubilden vermochte. Er war zeitgemäß elegant gekleidet, hatte feine Wäsche und ungepudertes Haar, überhaupt aber eine gewisse Zierlichkeit, welche gegen die Derbheit seiner Gutsnachbarn abstach.
Im Eintreten fiel sein Blick auf den Maler, seine Stirn umwölkte sich.
Thorald unterhielt die Damen voller Laune und Gewandtheit, kaum unterbrach des Hausherrn Ankunft das Gespräch, denn die Mädchen dürsteten in ihrer Abgeschiedenheit nach überseeischen Neuigkeiten; Besuche waren bei der Unfahrbarkeit der Wege selten.
Als Thorald endlich neben Helenen einen unbemerkten Augenblick gewann, flüsterte er ihr die Bitte zu, wo möglich sein nun aufgestelltes morgen zu vollendendes Bild vor dem Sonntagsgottesdienste in der Kirche zu sehen. Glühend vor innerer Lust und in gegenseitig sie überwältigender Leidenschaft ganz versunken standen Beide vor einander, ihn steigerte ein stolzes Selbstgefühl, sie berauschte der Gedanke an seinen künftigen Ruhm; denn selten nur kamen Künstler auf die stille Insel. Der nur von Ackerbau lebende Laaländer vermag sie nicht herzulocken! Seit Menschengedenken hatte man keinen Maler in Nysted gesehen, und die beiden schönen Gemälde der alten Kirche dankten ihr Entstehen katholischen Donatoren, und gehörten weit früheren Jahrhunderten an.
»Graf Brahe Trollenburg« meldete ein vierschrötiger Diener, welcher trotz seiner Livrée einem deutschen Großknecht nicht unähnlich sah – Fräulein Annette erröthete zur Rose! – Der reiche Gutsbesitzer aus Seeland war ihr nicht fremd! Während ihres Winteraufenthaltes in der Residenz, so kurz er gewesen, hatte sich in dem jungen Manne eine dauerndere Empfänglichkeit für des Laaländer Fräuleins Reize erzeugt, als den Copenhager Damen billig schien. Der Graf war reich und eine vortreffliche Partie. Er war nach Aalholm gekommen, um das Herzensterrain seiner Schönen zu sondiren und im Ehestandshafen zu ankern.
An der Art, mit welcher Graf Christian ihn bewillkommnete, erst seiner Gemahlin vorstellte und ihn dann seinen Schwestern zuführte, errieth Thorald sogleich den künftigen Schwager, – eine unaussprechliche Beklommenheit bemächtigte sich seiner, die eben noch so fließenden Erzählungen aus Italien stockten, des Hofmanns Gegenwart drückte ihn zurück in den Schatten. Es war bei dem sehr abgeglätteten Tone des Trollenburg nicht leicht zu durchschauen, welcher der drei Damen die Bewerbung des vor kurzem Majoratsherr Gewordnen gelte – es drückte dem Maler fast das Herz ab; in verzweifelnder Stimmung verließ er die Gesellschaft, man machte keinen Versuch ihn zurück zu halten; trostlos kehrte er zu dem Städtchen zurück.
Unweit des Thores begegnete ihm Johanna, sie hatte den Leuten auf dem Felde ihr Vesperbrot gebracht, und trug eine Menge Geräthschaften und einen großen schweren Wasserkrug heim. Sie näherte sich Thorald, um ihn zu fragen, ob er in die Kirche verlange, der Vater sei auf der Feldarbeit mit dem Knecht; sie hätten's eilig, denn morgen sei an ihnen die Frohnfuhre, der Acker aber erst halb bestellt.
»Frohndienst? Ihr als Bürger? unmöglich!«
»Doch, lieber Herr, wir haben von Alters her Land in Pacht vom Herrn Grafen; obschon wir eines Theils losgekaufte Bauern sind, stehen wir ihm noch in Frohn und Zehnten. Der Herr aber ist glimpflich, allein der Vogt! Erbarme sich Gott! Ehmals, da wir Leibeigne waren, mag es noch schlimmer hergegangen sein; Großvater hat uns oft geklagt, wie die Verwalter zu seiner Zeit den Bauern geschunden! Wie er in der Kornschatzung nicht nur gehäuftes Maß, sondern noch eine Zugabe für's Schwinden oder Senken habe liefern müssen – wie nicht nur bloß die armen Gäule ihm zur Ackerfrohne eingespannt wurden, o nein, wie sie zum eignen Dienste jedes Knechtes, jeder Magd des Herrnhofes bereit sein mußten; konnte doch damals nicht einmal der Hundejunge zu Fuße durch das Moor, stand gleich der Bauer bis zum Knöchel d'rin, und watete selbst schwerbelastet neben seinem Vieh, um das Getreide zur Mühle zu fahren, den Sand vom Strande zu holen für den Vogt – o lieber Herr! es war eine harte, schwere Zeit! Selbst unsre liebe Gräfin weiß ein Lied von ihr zu singen; helf' ihr Gott! und sie ist doch uns Allen eine so gnädige Herrschaft!«
So unbequem Thorald die Anrede der Dirne empfunden, so ganz verloren ihr frischer Reiz dem Jüngling gegenüber blieb, so blitzstrahlartig traf ihn dieses Wort. »Was meinst Du, Mädchen?« fragte er harsch ihren Arm ergreifend, »was soll das heißen?«