Und Graf Christian, und Eva? und wie wurde es denn weiter? dauerte denn das Glück im Cavalierhause bei dieser tollen, wunderlichen Wirthschaftsweise?

Soll ich meinen Lesern weitläuftig von der Ebbe und Fluth alles menschlichen Erfahrens berichten? Das Gold ward alle – manchmal klopften böse Verlegenheit und Noth an die Thüren und Fenster, manchmal schlich die Sorge ein und zog ihre grauen Schleier über das fröhliche Auge Helenens, und zuweilen faßte auch wohl eine fast wilde Sehnsucht ihr Innres nach ihren beiden Schwestern und nach Christian, ihrem nun ganz vereinsamten Bruder, der seine arme Eva mit dem fallenden Laube zu Grabe getragen, und nun, wie einst ihr Vater Thugge, allein das große Aalholm bewohnte; aber der Gejersche Trotz wollte dennoch sich nicht bändigen lassen in dem stolz aufschlagenden Herzen und der freundlichere Gedanke wurde noch lange Jahre hindurch in Beiden nicht zum einander verzeihenden Wort.


Da starb auch Joachim. Seine Ehe war kinderlos geblieben. Der Trauerfall und die ihm entstehenden Angelegenheiten zogen alle Geschwister in die Residenz. Die Schwestern sahen sich, und das gute Vernehmen zwischen ihnen stellte sich her. Christian und Helene aber blieben sich fern; auch Thorald, der zum tüchtigen, vielfach beschäftigten, vom Hofe vergötterten Künstler sich herangebildet, mied seine Schwäger. Der gute Alslev und seine würdige Gattin hörten mit unveränderter Theilnahme jedes Einzelnen Klage an, aber beide scheuten den ihnen wohlbekannten finstern Geist des Geschlechts, den alten Starrsinn der Gejers zu sehr, um eine Aussöhnung auch nur zu versuchen.


Da öffnete eines Tages Christian unvermuthet die Thüre des Studirstübchens seines alten Freundes; Alslev saß schlummernd in seinem hochrückigen Großvaterstuhl, er war über einer langen Actenrevision eingenickt, auf der Lehne des Sessels aber hing oder ritt ein wunderbar schöner Knabe von etwa sechs Jahren; er hatte dem Alten ein buntseidenes Band über den Kopf geworfen, daß er ihm durch die vom Schlaf halb erschlossenen Lippen zu ziehen eifrig bemüht war, indem er sich zugleich auf dessen Schulter zu schwingen suchte, um ihn zum Roß zu machen und einen kühnen Ritt in's Fabelland seiner Phantasie zu thun. »Willst Du mitspielen,« fragte das kecke Bübchen, »mußt aber jetzt auch Pferd sein und Dich von mir führen lassen, nachher darfst Du aber auch reiten!«

Helenens Sohn! durchblitzte es Christians Starrsinn, und die Wunderkraft der Kindheit trat plötzlich in ihr volles Licht. Denn der Graf vermochte kein Auge von dem kleinen Tyrannen zu wenden, der ihm mit schmeichelnder Gewalt den Zügel bot – als Alslev von dem Jubel-Geschrei erwachte, war die Bekanntschaft schon weit vorgeschritten.

Wer in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren in Wallöe war, wird wohl den neuen herrlichen Aufbau des ehemaligen Cavalier-Hauses und seine prächtige Umgebung und Einrichtung bemerkt haben; sie ist solider aber noch kostbarer als sie vor etwa fünfzig Jahren es war. Ein neues, kräftiges Geschlecht der Gejer bringt dort die schönen Sommertage zu; die bösen Geister des erloschenen Stammes beunruhigen es nicht, sie sind dem heitern Glück gewichen!

Der jetzige Graf ist ein schöner, alternder Mann und unermeßlich reich, weil ihm das Vermögen aller Nebenzweige der großen Familie zugefallen; seine Mutter war eine geborene Comtesse Gejer und hieß Helene; er hat schon als Knabe den Namen derselben auf seiner Oheime Wunsch angenommen, weil ihnen selbst kein Stamm-Erbe erblüht war.