»Also Janfru Nordermule sah den langen Tag und die lange Nacht immer wieder vorüberziehen, ohne daß irgend Eines ihrer bedurft hätte – da wurde sie trauriger mit jeder Stunde! Sie kam sich mit einem Male vor, wie ein abgelaufenes Uhrwerk, zu welchem der Schlüssel verloren gegangen; und als der Kummer allmälig mehr und mehr all ihre Gedanken überschattete, konnte sie zuletzt der Sehnsucht nach dem stillen Weiher nicht länger widerstehen, in dem sie Schlaf und Ruhe zu finden meinte,« – »und nun? und nun?« fragte in ängstlicher Spannung das junge Paar, »wo ist sie jetzt?«
»Nun steht sie draußen vor der Thüre und hat mich beauftragt, das Alles My Frau Eynerssen zu erzählen; sie will Abschied nehmen – denn sie geht mit mir nach Island!«
Die jungen Leute waren schon draußen bei ihr, als er die letzten Worte vollendete.
Ja, so war's! Die kleine graue Nordermule stand, tief in Pelze verhüllt, im nordischen Reiseanzuge auf der Flur; mit tausend Liebkosungen ward sie in die lieblich phantastischen Räume eingeführt, gehätschelt, gescholten – das ganze Herz ward ihr bewegt; aber ganz unerschütterlich entschlossen reichte sie ihrem alten greisen Führer die Hand – »er hat mich überzeugt, daß ich dort noch nützen kann,« – versicherte sie freundlich.
»Ob sie das kann!« sagte der alte Kund, »für's erste muß sie gleich den Sommer hindurch uns beistehen, Thorsons mit Ihres Herrn Vaters Gelde gestiftetes Hospital aufrecht zu erhalten, dann mag sie meiner Mathilde helfen, die Kranken meines eigenen Sprengels zu pflegen; ach und Abends, wenn der Winter draußen um unsre Hütten ras't, dann wird Emerenzia uns Allen erzählen! Unsre Weiber wird sie lehren, bessere, feinere Handarbeit machen, unsre Kinder mit unterrichten helfen und vor Allem meine Kirche mit den fleißigen, geschickten Händen schmücken, o wir werden Alle so dankbar und glücklich sein, Janfru Emerenzia um uns zu haben, – so glücklich!« er drückte ihre Hand.
»Aber Jürgenssen, es kann ja nicht Ihr Ernst sein – sie wird mit ihrer geschwächten Kraft die Reise nicht überstehen – sie bringen sie nicht lebend hinüber!« sagte leise Thorald –
»Sie irren,« erwiederte ernst und mild der alte Pfarrer, »sie ist eine Nordländerin und wird die Fahrt überdauern – und gönnen Sie ihr denn nicht, umringt von den poetischen Erinnerungen ihrer Jugend, als Pflegerin der Pfarrkinder unsres Johannes und der Rosen des ihr so theuern Grafen Thugge zu sterben? Dort sind all die ihr hier abgewelkten Interessen noch frisch erhalten – hier verdrängt sie eine laut und lauter sich erhebende Gegenwart!«
»Er hat Recht!« sagte wehmüthig Helene, und am andern Morgen zogen sie von dannen! Das Ehepaar sah vom Kiögger Hafen aus lange dem buntbewimpelten Schiffe nach und kehrte in seine Künstler-Einsamkeit zurück. Wie ein Thautropfen hing die Abschiedsthräne an der vollen Rose ihres Glücks, und der nächste Sonnenstrahl küßte sie auf!