Auch die arme Nordermule hatte geschrieben. Helene las das Blatt wohl zwanzigmal, ohne daß ihr dessen Inhalt verständlich geworden wäre. Es war ein wild-schmerzlicher Abschied, einem Schmerzensschrei vergleichbar, der in der jungen Frau Seele einschnitt – unklar und verworren. »Sie traut sich wegen Christian nicht zu mir,« sagte sie sich, »die arme Gute! sie mag wohl recht haben, er würde es ihr kaum verzeihen, und besser ist ihr das sichere Dach meines Bruders, als die Decke unsres Wanderzelts! – Wer weiß, wo wir einst es aufschlagen. Christians Haus beut ihr eine stets gleiche Zuflucht, während wir vielleicht nur einer des andern Brust behalten, unser müdes Haupt darauf zu legen.« Aber so vernünftig das Alles war, streifte es nur leicht ihre Gedanken; das Glück war zu übermächtig in ihr.

Der Winter flog auf seinen Silberfittigen dahin, er war mild und schön; schon nahte der Lenz; die Liebenden waren glücklich und fleißig. Helene hatte Zeichnen gelernt und begann zu malen.

Sie rechneten nicht, ihr Capital nahm ab! ihre Wirthschaftskasse war eine offene Schieblade – aber die Seeländer sind ehrlich; weder sie noch das sorglose Paar dachten an Diebstahl.

Die Schifffahrt war eröffnet, als unvermuthet spät Abends ein Gast erschien; Helene hatte zum ersten Mal den Versuch gemacht, nach Gyps zu zeichnen, und die Lection hatte wie gewöhnlich mit einem Kußhonorar geschlossen, als Kund Jürgenssen eintrat. »Dieser Anblick ihres Wohlergehens erleichtere ihm das Abschiednehmen,« meinte er, »und er hoffe, daß ihn die Kunde ihres ferneren Glücks noch oft erreichen werde.« Dem Alten war Alles zu reich und köstlich in ihrer Umgebung – er konnte sich aus all der Seide und den Spiegeln und dem Mahagoni gar nicht herausfinden; Helene sperrte ihn lachend mit dem Tisch in einen Saffian-Fauteuil, damit er nicht gar vor lauter Achtsamkeit, ihre Schätze nicht zu beschmutzen oder zu zerbrechen, ganz verstumme; und nun begann er zu erzählen, »wie er auch einmal beim Grafen zu Aalholm gewesen,« – ein leichtes Wölkchen überflorte Helenens glänzende Stirn, sie reichte rasch Thorald die Hand. – Es wären schon ein paar Monate her, fuhr er fort, und wiederum sei ihm dort eine besondere Gnade des Herrn geworden! »Es war Abend,« erzählte er weiter, »eine silbergraue, noch klare Dämmerung lag auf Aalholm, und ich ging durch die schönen buntgefärbten Buchengänge, die ich nun bald wieder entbehren sollte; auf den Wiesen wogte eine bläuliche Feuchte, und am Teich kräuselte und webte es so neblig hin, und ballte und rollte sich auf – das Schilf schwankte träumerisch mit seinen schweren Dolden, die Vögel hörte man nur fliegend und flatternd im Laube ihr Nachtlager suchen, sie sangen schon längst nicht mehr – auch die Insectenwelt war abgestorben. Den dunkelnden Wald durchleuchteten die fernen Schloßfenster mit röthlich schimmerndem Lichtschein; zwischen den Mauern dort mochte es wohl schon finster sein.

Ich gedachte der immer trauriger werdenden Jahreszeit in meinem Vaterlande, und der hübschen Mährchen und Balladen, mit welchen wir sie Abends daheim zu erheitern suchen, da sah ich plötzlich mir gegenüber am jenseitigen Ufer des Weihers eine fliegende Gestalt, um sie her flatterten weiße Gewänder, kaum berührte, so schien mir's, dann und wann ihr Fuß den Boden. Sie eilte auf den mir nicht allzu fern im Schilf liegenden und ganz von Weiden und Wasserpflanzen umgebenen Kahn – ich war schon wieder besonnen und wußte gar wohl, daß die Erscheinung nur eine menschliche sein könne! Sie kniete nieder in den Nachen und begann eine Menge Steine in ein Tuch zu binden, welche vermuthlich dort schon bereit lagen; endlich wand sie dasselbe um ihre Füße, indem sie zugleich damit ihre Kleider festschnürte; – als sie damit fertig, richtete sie nochmals das Antlitz betend gen Himmel auf – jetzt kniete sie schon am Schnabelende des Boots, und so rutschte sie mit den gebundenen Füßen vorwärts dem Rande näher –«

»Um Gotteswillen, Emerenzia!« schrie Helene auf.

»Ja,« sagte der Pfarrer, »ja sie war's! aber Gott leitete meine Schritte und meine Hand, daß ich im rechten Augenblicke sie erfaßte und gewaltsam sie zurückhielt! ich nahm sie wortlos in meine Arme und trug sie zurück; ihr selbst schwanden die Sinne, und sie kam erst dem prasselnden Feuer gegenüber in ihrem Stübchen, wohin ich sie getragen, zu völligem Bewußtsein.« »Unglückselige!« sagte Thorald, »was hatte zu solchem Schritte sie vermocht?«

»Ach, lieber Herr,« erwiederte Jürgenssen, »sie verstand es nicht, so allein zu leben! Die drei nun zu Frauen gewordenen Fröken waren so glücklich ohne sie, es hatte, so meinte sie in böswilligem Trotz –«

»Ach, Trotz! meine arme Nordermule, das demüthige Herz!«

»Frau Eynerssen wissen nicht, daß sich Demuth und Trotz im Leben manchmal gar nicht unterscheiden lassen?«