»Der Arme hat den Alkohol,« wandte sie ein.

»Den Alkohol? Ja,« er wurde bitter, fast leidenschaftlich in seinem Ton. »Die Genußsucht des Volkes ist eben eine brutale Macht, der man nicht mit einem einfachen Verbot des Verkaufs begegnen kann. Feinere Nerven brauchen raffinirtere Genüsse. Der Alkohol verhält sich zum Morphium wie ein bluttriefender Schauerroman zu einer geistvollen psychologischen Studie. Das Leben ist so öde und traurig; die Mittel, die es erträglich machen können, sollte man nicht beschränken.«

Sie sah müde zu ihm auf. »Oede und traurig,« wiederholte sie sinnend. »Nein, ich kann das eigentlich von meinem Leben nicht behaupten; mein Mann ist sehr rücksichtsvoll und die Kinder – aber Sie, wieso finden Sie Ihr Dasein nicht nach Ihren Wünschen?«

Er antwortete nicht, und sie empfand es unbehaglich, daß sie den jungen Mann beinah zu einem persönlichen Vertrauen aufgefordert hatte, das er ihr nicht in der freundschaftlichen Weise entgegenbrachte, in welcher er sich bisher gegen sie ausgesprochen hatte.

»Befinden Sie sich jetzt wohler, gnädige Frau?« fragte er nach einigen Minuten des Schweigens.

»O vollkommen wohl,« versicherte sie rasch aufstehend.

Er bot ihr den Arm, und sie nahm ihn unbefangen an. Er bemerkte in diesem Augenblicke, daß sie elegant gekleidet war. Ihre Anmuth und Grazie berührten ihn sympathisch, aber es lag ihm fern, sich in das schöne Weib eines Anderen zu verlieben. Nicht sein sittliches Bewußtsein schützte ihn davor; es hatte Zeiten gegeben, wo er den Vortheil seiner Lage erkannt und benutzt haben würde, aber diese Zeiten waren vorüber. Wie eine Lähmung lag der gewaltige Einfluß des Morphiums und des Aethers auf seinen Nerven und Sinnen.

Auch Lydia, die Gattin eines älteren, pedantischen, trockenen Mannes, dachte nicht daran, daß in ihrem vertraulichen Verkehr mit dem jungen Arzte irgend etwas Unerlaubtes sein könne. Aber auch sie handelte nicht in vollem Bewußtsein tugendhafter Ehrbarkeit, sondern ebenfalls unter dem Einflusse einer krankhaften Abstumpfung ihrer natürlichen Gefühle und Triebe.

»Das Andenken der Gerechten bleibt im Segen,« sagte sie leise mit einem Abschiedsblicke nach ihres Vaters Grab.

»Wenn ich mein Vermögen der Stadt hinterlasse, bekomme ich am Ende auch einmal eine so schöne Grabschrift,« scherzte Turnau. Es war wieder das, was Lydia kokettiren mit Weltschmerz und Todesahnungen nannte. Andere urtheilten noch härter über diesen eigenthümlichen Characterzug des jungen, wohlhabenden Mannes. Man hielt ihn im allgemeinen auch nicht für so krank wie er war, und sah in dem aus seinem Wesen sprechenden Lebensüberdrusse nur die Folgen einer übermäßigen Blasirtheit, der nichts mehr genügte, was sich an Genüssen des täglichen Lebens ihm bot.