»Und dann?« Träumerisch wiederholte er die bange Frage, die sie leise aussprach. »Ja dann, gnädige Frau – zu Ende führen werde ich den Kampf nicht. Ich kann nur noch so lange leben, wie ich zu genießen vermag. Nennen Sie es Egoismus, Krankheit, Schwäche, wie Sie wollen, aber wenn einmal die Stunde kommt, in der meine Nerven aufhören zu reagiren, die Stunde, in der auch die letzte Steigerung und Komplication nicht mehr zum Genusse führt, dann lege ich die Feder aus der Hand. Mit dem Leben hört auch die Verpflichtung auf, weiter zu kämpfen.«

»Mit dem Leben?«

»Natürlich, liegt denn nicht das Ende des Lebens ebenso in unserer Hand, wie der Genuß, dem wir uns ergeben?«

Sie schauderte doch bei dieser letzten Consequenz, zu der er so leicht und ruhig gelangte. Sie befand sich ja auf demselben Wege wie er. »Das Andenken der Gerechten bleibt im Segen«. – Wie Feuer tanzten die Buchstaben der Inschrift vor ihren Augen. Genuß, Genuß des Lebens, und dann das Ende. Das Leben fortwerfen, das nichts mehr bietet, tönte es neben ihr. Sie glaubte, alles drehe sich im Kreise um sie her, nur der schwarze Grabstein vor ihr stand fest in dem Wirbel, aber er glühte und flammte von der untergehenden Sonne beleuchtet, es that ihr weh, darauf niederzusehen.

Vorher hatte sie sich so leicht, so frei gefühlt, und nun dieser Schwindel und dieser Druck um die Stirn, wie von einem eisernen Bande. Das war also die Steigerung ihrer Genüsse.

»Ist das ein Lebenszweck, Genuß, nur Genuß, der sich steigert, bis er aufhört, weil der Körper versagt?« fragte sie leise.

»Gewiß, Frau Bremer, der Genuß ist ebenso gut ein Lebenszweck, wie die Arbeit,« sagte er, »es kommt nur darauf an, daß man seine moralischen Grundsätze damit in Einklang zu bringen versteht. Indirect dient so mancher ausschließlich dem Genusse des Lebens. Der Künstler schafft seinen Nebenmenschen und sich selbst geistige Genüsse, Andere wieder begnügen sich damit, sich in den Dienst des materiellen Behagens zu stellen. Es giebt aber noch ein Drittes im Menschen, das außer den groben Organen des Körpers, außer dem Geiste, fähig ist zu genießen, das sind die Nerven. Warum soll ich nicht meinen Lebenszweck darin suchen, Anderen zugänglich zu machen, was mir eine so große Befriedigung der Nerven bringt? Es haben schon Leute sich mit geringeren Aufgaben für ihr Dasein begnügt, und ich habe nicht umsonst gelebt, wenn ich auch nur einen Stoß führe, der das Gesetz in's Schwanken bringt, das ich bekämpfe.«

»Ich wollte, ich könnte an Ihren praktischen Erfolg glauben, Sie kämpfen ja gegen eine empörende Ungerechtigkeit.«

»Der Droguist, der Arzt, selbst Krankenwärterinnen vermögen sich stets Morphium zu verschaffen. So lange es unter einigen dieser Leute Armuth und Bestechlichkeit giebt, wird das süße Gift auch käuflich bleiben, indirect käuflich, – allerdings nur um sehr hohen Preis.«

»Ich glaube auch, daß es dem Unbemittelten sehr häufig positiv unmöglich gemacht wird, die Hindernisse zu besiegen, die das Geld überwindet. Ist das nicht auch eine soziale Seite unserer Frage?« meinte Turnau.