»Der Professor sagte neulich, Sie wollten Universitätslehrer werden?« O wie mühsam brachte sie die Worte über die Lippen!
»Ich will gar nichts werden,« antwortete er dumpf. »Mein Buch,« – er lachte in sich hinein, es war ein so eigenes Lachen, daß Lydia selbst in dem Taumel ihrer Sinne davon erschreckt den Kopf hob.
»Nun was ist denn mit Ihrem Buche, weshalb lachen Sie?«
»Ach, Verzeihung, es kann ja niemand wissen, wie komisch ich mir das denke, wenn einmal, natürlich nach meinem Tode, der kluge Professor, der den Morphinismus mit allen Waffen der Wissenschaft bekämpft, das Werk seines ehemaligen Assistenten lesen wird.«
»Aber weshalb schreiben Sie denn das Buch, wenn Sie den Standpunkt der anderen Nervenärzte nicht zu theilen vermögen?« fragte Lydia, sichtlich unangenehm berührt von dem sonderbaren Benehmen ihres Gefährten.
»Mein Buch wird ein wissenschaftlicher Protest gegen das Verbot des freien Verkaufes der narkotischen Mittel,« sagte er nun beinahe feierlich. »Persönlich leide ich nicht unter diesem Verbote, denn ich bin Arzt, aber ich kenne die Verzweiflung und den Jammer des Morphinisten, der sich der Unmöglichkeit gegenüber sieht, sich Morphium zu verschaffen. Anständige, hochachtbare Leute greifen in ihrer Verzweiflung zu den ehrlosesten Mitteln, und von diesem Jammer will ich sie zu erlösen versuchen. Ich habe ein Material gesammelt, welches entsetzliche Schlaglichter auf diese Zustände wirft. Gegen das Versprechen ihnen zu helfen, für ein einziges Rezept haben zahlreiche Unglückliche mir gebeichtet. Ach – ich weiß, wie tief sich einige, sonst reine, unnahbare Naturen gedemüthigt haben, um durch Bestechung, durch Betrug, einerlei wie, zu dem zu gelangen, was sie bedürfen, wie der Hungrige Brod bedarf, um sich zu erhalten.«
Sie erhob sich halb und sah mit gefalteten Händen zu ihm herab. »Sie wollen helfen, Sie könnten helfen – o Gott Herr Doctor, nein, nein, Sie können auch den Wall von Härte und Verständnißlosigkeit nicht niederreißen, an dem Tausende rütteln und an dem Alle, Alle ohnmächtig abprallen.«
»Ob ich es kann, weiß ich allerdings nicht, aber ich will es wenigstens versuchen,« sagte er, etwas zur Seite rückend, so daß sie wieder Platz nehmen konnte.
»Ich will wenigstens vor der Welt die dunklen Wege erhellen, auf die man mit erbarmungsloser Härte eine Menge kranker Menschen gedrängt hat. Ich will es zeigen, wohin ein Gesetz führt, das nur dazu da ist, umgangen zu werden, weil es nicht befolgt werden kann. Die ganze Kraft meiner geistigen Fähigkeiten stelle ich in den Dienst dieser Aufgabe, dieses Strebens, das mir edel und würdig erscheint, weil es dem willkürlich Unterdrückten, der nichts verbrach, zu Hülfe kommen will. Die Menschheit soll darüber aufgeklärt werden, wie weit die Bevormundung der Polizei geht, und auch Nicht-Morphinisten hoffe ich für die Frage zu interessiren, die ihnen jetzt gleichgültig ist.«
»Und dann?«