»Ach was, Gemüthsleiden. Davon hat er Dich wohl unterhalten? Er hat nichts zu thun, da steckt die Wurzel des Uebels. Wenn er wie andere junge Aerzte des Morgens in seiner Sprechstunde sitzen und auf Patienten warten müßte, um seinen Lebensunterhalt zu gewinnen, so würde er wohl frei bleiben von seinen interessanten Ahnungen. An ihm siehst Du, daß es unter Umständen sogar ein Unglück sein kann, wenn Eltern ihrem Sohne ein Vermögen hinterlassen.«
Die kleine Lotte wurde unruhig, als sie sah, daß Fräulein Wagner mit dem größeren etwa vierjährigen Bruder fortgehen wollte, ohne sie mitzunehmen.
»Bitte, Fräulein, nehmen Sie Lottchen mit,« sagte Lydia.
Die kräftigen warmen Hände des jungen Mädchens hoben die Kleine hoch empor, jauchzend legte das Kind sein Gesichtchen an ihre weiche volle Wange, dann entfernten sich die Kinder mit ihrer Bonne.
»Eine allerliebste, frische Person,« bemerkte der Geheimrath, »ich glaube, wir haben da einen glücklichen Griff gethan.«
»Auch Turnau fand sie reizend,« sagte Lydia lachend. »Was für ein Geschmack – dieses Vollmondsgesicht!«
»So! – Turnau auch? Solch einen unverdorbenen Geschmack hätte ich diesem Wüstling nicht zugetraut,« meinte Bremer nachdenklich. »Nun, er wird keine Gelegenheit haben, ihr etwas in den Kopf zu setzen; sonst wäre das Mädchen am Ende dumm genug, ihr Herz an diesen abgelebten Egoisten zu verlieren.«
»Was für eine Idee!«
Lydia fand den Gedankengang ihres Mannes unbegreiflich trivial. Warum sollte es denn nicht möglich sein, daß ein junges Mädchen einem Manne gefiel, ohne daß das Herz dabei gleich in Frage kam.
Sie schwieg und trank ihr ganzes Glas Limonade leer, denn die Nachwirkung des Morphiums ist Durst.