»Die Saison ist schon halb zu Ende, Lydia, bist Du etwa mit Deiner Toilette noch nicht ganz reisefertig?«
Sie schien zu überlegen. »Für die Kinder wäre noch einiges anzuschaffen, für mich weniger, ich möchte auch dem Fräulein etwas Garderobengeld für die Reise geben.« –
»Brauchst Du vielleicht Geld?«
»Nicht viel, fünfhundert Mark werden für den Augenblick genügen.«
Er gab ihr das Geld und sie sagte, daß sie gleich nach der Kirche noch einige Besorgungen machen wolle.
»Aber überanstrenge Dich nicht, ziehe Fräulein zu Deiner Hülfe heran,« bat er.
Während des Gottesdienstes ruhten die Blicke des fürsorglich liebenden Mannes oft auf dem zarten Gesichte der jungen Frau. Er wußte, daß ihr der Hausarzt wegen häufiger Migräne-Anfälle ab und zu den Gebrauch der Morphiumspritze gewährt hatte. Dabei war er aber fest überzeugt, daß dieses Mittel nur durch die Hand des Arztes und mit dessen Einverständniß gebraucht würde. Daran, daß seine Frau das Morphium selbst und heimlich gebrauchen könne, dachte er nicht.
Der alte Medicinalrath, der seinem Hause ein lieber Freund war hatte ihm gesagt, daß eng zusammengezogene Pupillen und breite glanzlose Iris der Augen ein untrügliches Zeichen des Morphinismus seien. An die Complication mit Atropin hatte der gute alte Herr selbst nicht gedacht und so wurde auch er durch die dunkel leuchtenden Augen der Kranken getäuscht.
Bremer war fest überzeugt, daß seine Frau krank sei. Das schlaffe, gleichgültige Sich gehen lassen, welches er seit einiger Zeit an ihr bemerkte, widersprach ihrem sonstigen Wesen durchaus. Ehe er aber einen Specialarzt für Nervenleiden zu Rathe zog, beschloß er noch einmal eingehend mit dem Medicinalrath zu sprechen.
Nach der Kirche trennte sich der Geheimrath von seiner Frau. Er hatte einige Besuche zu machen, und Lydia ging, um Einkäufe zu besorgen nach der belebtesten Straße, wo sich die größten Läden befanden.