Ohne einen Blick auf die Auslagen in den Fenstern zu werfen eilte sie vorwärts. Bald bog sie in einen weniger belebten Seitenweg ein, durchschritt eine öffentliche Promenade und betrat einen Stadttheil, in dem ihre elegante Erscheinung überall auffiel. Sie befand sich zwischen langen Reihen hoher unschöner Häuser, die alle viele Fenstern hatten und von vielen Menschen bewohnt wurden. Zuletzt trat sie in den Thorweg einer Bierbrauerei, ging durch das Vorderhaus über den Hof, zwischen Fässern und Rollwagen hindurch nach dem Quergebäude.

Sie drückte den Elfenbeingriff ihres weißen Spitzenschirmes fest an die Brust, schob den Schleier vom Gesichte zurück und stieg mit fliegendem Athem und zitternden Knieen in nervöser Hast die schmale halbdunkle steile Treppe hinauf.

Bei jedem Stockwerk wurden die Entreethüren niedriger, beengter, schmutziger. Nach drei Treppen hörten die abgeschlossenen Wohnungen überhaupt auf. Eine Menge Thüren mündeten in einen engen, langen Gang. Es war unerträglich schwül in diesem Treppenhause, aus jeder der zahlreichen Wohnungen drangen Küchendämpfe und Lärm heraus. Es roch nach Kaffee, nach angebranntem Fett, nach trocknender Wäsche, nach Seife – vor allen Dingen aber nach Menschen, nach zusammengedrängten, armen, schmutzigen Menschen. An vielen Thüren befanden sich Visitenkarten mit dem Namen des Zimmerbewohners.

»Friedrich Rast,« stand auf einer dieser Karten zu lesen. Lydia klopfte mit ihrem Schirm an die Thür. Ein junger Mann öffnete ihr und ließ sie ein.

Das Zimmer war ganz nett und freundlich möblirt: Ein Sopha mit braunem Ripsüberzuge, zwei Schränke von hellem Holz, ein Spiegel zwischen den Fenstern, ein kleiner Teppich, auf einer Kommode eine Uhr und zwei Leuchter. Das Stübchen schien für den Empfang eines Besuches aufgeräumt worden zu sein, denn es lag nichts von den Sachen des Bewohners umher. Eine halb offene Thür ließ ein ebenfalls gut eingerichtetes Schlafzimmer sehen. An den Fenstern waren saubere Gardinen und einige blühende Pflanzen. Die Aussicht über ein freies Feld und eine Reihe Bäume entschädigte für die Häßlichkeit, die der Eingang der Wohnung bot. Der Inhaber dieser Stuben, ein junger Mensch von etwa zwanzig Jahren, war sorgfältig, wenn auch nicht elegant gekleidet.

»Gott sei Dank, daß Sie da sind, Herr Rast,« sagte Lydia und sank erschöpft auf das kleine weiche Sopha nieder.

»Der Dienstmann hat alles richtig an mich telephonirt, gnädige Frau,« antwortete Friedrich Rast lächelnd. »Mein durchreisender Vater wünscht mich zu sprechen, der Provisor hat mich daraufhin beurlaubt, hier bin ich, und auf meinem bescheidenen Sopha sitzt ja nun auch mein ehrwürdiger Alter.«

»Lassen Sie die Scherze, Herr Rast, ich bin sehr aufgeregt und habe es eilig. Mein Mann hat unsere Abreise früher angesetzt, und mein Vorrath reicht höchstens noch drei oder vier Tage. Ich brauche mindestens zwölf Gramm für die Saison in Heringsdorf. Rechnen Sie doch – sechs Gramm geben ein Fläschchen für hundert Einspritzungen, eigentlich bekommt man aber nur etwa achtzig heraus, durchschnittlich brauche ich vier am Tage, also in drei Wochen ein Fläschchen, das macht zwölf Gramm in sechs Wochen.«

»Zwei Gramm jede Woche, das ist zu viel, gnädige Frau.«

»Was geht Sie denn das an? Hier sind Einhundertundzwanzig Mark, das Gramm zu zehn Mark gerechnet; bei unserer Medicinaltaxe von sechzig Pfennigen für das Gramm können Sie doch mit dem Geschäfte zufrieden sein.«