Der junge Apotheker schob fünf von den Goldstücken mit verlegener Miene zurück. »Ich habe nur zwei Gramm. – –«
»Aber Herr Rast!« Lydia wurde todtenbleich und sah den jungen Mann so entsetzt an, daß er einiges Mitleid empfand.
»Ich habe wahrhaftig nicht die Absicht, Ihnen Schwierigkeiten zu machen, Frau Geheimräthin, aber heute war es nicht möglich. Es fehlt eine Menge von hundert bis hundertundfünfzig Gramm in der Apotheke. Der Chef hat gerast und getobt und uns Alle Morphiomanen genannt. Einer von uns muß es ja am Ende auch sein, denn ich habe noch nie mehr als zehn Gramm auf einmal genommen. Es giebt gewiß unter uns Apothekern ebenso viele Morphiumsüchtige wie unter den Aerzten. Vielleicht aber bin ich auch nicht der Einzige, der das Mittel heimlich verkauft, – die Versuchung ist ja so groß.«
Ein Zug, wie von körperlicher Qual trat auf Lydias Gesicht. »Herr Rast, denken Sie noch an den Abend, wo Sie auf der Brücke hinter dem Theater standen?« fragte sie mühsam.
»Ja, ich denke daran, so oft sich mein Gewissen regt über das, was ich für Sie thue, gnädige Frau. Meine Schulden betrugen damals nur etwa hundert Mark, aber ich habe acht Geschwister, ich hätte doch diese Schulden nicht machen dürfen. Das kleine Kolonialwaarengeschäft meines Vaters ernährt kaum die Familie. Anstatt von meinem ersten Gehalt nach Hause abzugeben, was ich dank Ihrer Güte jetzt kann, mußte ich von meinem armen Vater hundert Mark fordern, die er mir natürlich nicht geben konnte. Es war hart – eine furchtbare Strafe für meinen Leichtsinn.« – –
»Ich habe Sie damals vor einem Schritte der Verzweiflung bewahrt, wollen Sie mich dafür jetzt verzweifeln lassen, Herr Rast?«
»Aber Frau Geheimräthin, verzweifeln Sie denn, wenn Ihre Morphiumquelle einmal versagt?«
»Ja,« antwortete sie dumpf. »Ohne Morphium muß ich verzweifeln. O, mein Gott, man giebt doch den Ärmsten Almosen, warum versagt man dem Kranken das, was ihm Lebensbedürfniß, was ihm nöthiger ist als das tägliche Brot!«
»Es liegt eine große Härte in dem Verbot des Verkaufes,« sagte der junge Mann mitleidig. »Es ist auch eine ganz unnütze Härte, denn sie dient nur dazu, die Verkäufer in Versuchung zu führen und die Kranken zu Lug und Trug zu veranlassen. Ist es nicht eine Schmach, daß eine Dame wie Sie, gnädige Frau, in dieses Haus kommen muß, um so einen armen Teufel wie mich für eine Handlung zu bezahlen, die meine Existenz kosten kann?«
»Ja es ist eine Erniedrigung, eine Schande für uns Beide, für Hunderte außer uns, aber wir können die Ungerechtigkeit nicht aus der Welt schaffen, die dem Einen ruhig das anvertraut, wonach sich die Sehnsucht des Anderen vergeblich verzehrt. Wenn nur der Morphiumhunger nicht immer stärker und stärker wiederkehrte bei dem, der einmal an das Reizmittel gewöhnt ist. Ich kann nicht leben wenn ich kein Morphium habe, sagen Sie mir, wie machen es Andere, die dasselbe Bedürfniß empfinden?«