»Andere fälschen Recepte.«
»Und das geht?«
»Ja, es geht oft. Die meisten Kranken greifen zu diesem Mittel, denn Wartepersonal oder Droguisten sind doch schließlich nur selten bestechlich. Noch seltener aber sind gefällige Aerzte, die das Mittel aus der Hand geben. Außerdem erhält man es auf ein gefälschtes Recept hin auch zum landesüblichen Preise, was ebenfalls die meisten Menschen berücksichtigen müssen. Natürlich werden aber in allen Apotheken die Recepte über Chloroform, Aether, Cocain, Chloral, Morphium und ähnliche Mittel genauer angesehen als andere Vorschriften.«
»Und wenn man eine Fälschung entdeckt?«
»Dann schickt in der Regel der Provisor das Recept demjenigen Arzte zu, auf dessen Namen es gefälscht wurde.«
Lydia schlug die Hände in furchtbarer Aufregung vor das Gesicht und schluchzte krampfhaft. »Ich vermöchte eine solche Schmach nicht zu überleben.«
»O, das passirt aber so oft,« meinte er gleichmüthig.
Sie starrte fassungslos vor sich hin. »Herr Rast, wie ist das, wie wird es gemacht – – Recepte zu fälschen?«
Er legte zwei abgestempelte Recepte vor sie hin. »Da sehen Sie, das sind zwei echte Recepte von zweien unserer ersten Chirurgen. Das eine lautet auf eine fünf- das andere auf eine vierprocentige Lösung. Stärkere Vorschriften sind gewöhnlich unecht. Hier haben Sie Papier und Feder, gehen Sie an die Fensterscheibe und pausen Sie die beiden Recepte durch, zur Vorsicht machen Sie sich zwei Exemplare von jeder Vorschrift. Dann können Sie durch Dienstmänner oder Kinder, die Sie dafür bezahlen, die Recepte beide machen lassen. Ich kann Ihnen leicht durch Abdampfen in einem Filtrirapparat die dünnen Lösungen etwas verstärken. Aber entschließen Sie sich rasch, damit ich die Recepte in das Buch zurücklegen kann, ehe sie vermißt werden.«
Widerstrebend griff Lydia nach dem Schreibmaterial, das ihr der junge Mann anbot. Sie kam sich maßlos erniedrigt vor durch die gesetzwidrige Handlung, die sie vor diesem Zeugen zu begehen im Begriff stand.