Neugierig näherten sich die beiden alten Arbeiterinnen dem Gnadenbilde. »Was mag denn die Frau Geheimräthin für Kummer haben, daß sie eine Kerze opfert,« begann die Eine.

»Wer weiß denn, ob es wegen einer Fürbitte ist; so reiche Leute haben der Allerheiligsten nur zu danken und können nicht genug danken, wenn sie auch alle Tage zehn Kerzen opfern wollten,« meinte die Andere.

»Es ist wohl nur eine Festgabe zu morgen, die Geheimräthin Bremer ist eine liebe, gläubige Seele,« sagte die ältere der beiden Schwestern.

»Nicht einmal Kränze hat sie mitgebracht für die Gräber ihrer Eltern,« bemerkte wieder die Alte, der die freundliche Äußerung der frommen Schwester durchaus nicht zu gefallen schien.

»Ja, die reichen Leute haben so ihre besonderen Moden,« stimmte die andere Alte ihr bei, »fromm nennt man sie doch, wenn sie auch viel weniger thun als Andere, denen es sauer genug wird.«

»Die Fürsprache der Heiligen ist mehr werth als Gaben und Opfer,« verwies die jüngere der beiden Nonnen in strengem Tone. Darauf verließ sie mit ihrer Gefährtin den Kirchhof.

Die alten Weiber rafften mit ihren Mistgabeln eine zweite Karre voller Kränze zusammen; die Geheimräthin Bremer ging an ihnen vorbei und ließ sich müde und langsam auf einer kleinen Bank nieder, die zur Seite von zwei, mit schwarzen Granitplatten gedeckten Gräbern aufgestellt war.

»Das Andenken der Gerechten bleibt im Segen.« – Mit Goldbuchstaben war dieser Spruch in die glänzend schwarze Steinplatte eingemeißelt. Als unbesoldeter Stadtrath hatte der Mann, dessen Leib hier ruht, gewirkt. In uneigennütziger Weise hatte der umsichtige Leiter eines großen industriellen Unternehmens seine Arbeitskraft in die Dienste seiner Mitbürger gestellt, nachdem er die eigenen Geschäfte in die Hände seines Sohnes gelegt hatte. Als er dann heimging, um an der Seite seiner vorangegangenen Gattin von den Werken des Lebens auszuruhen, erfuhr man, daß er in seinem Testamente fast alle wohlthätigen Anstalten seiner Vaterstadt mit Legaten bedacht hatte. Nun hatten ihm die dankbaren Mitbürger den Denkstein gesetzt, auf dessen flimmernder Schrift die Blicke der einzigen Tochter sinnend ruhten. Die untergehende Sonne warf einen röthlichen Schein über ihr durchsichtig blasses Gesicht. Langsam hob sie die breiten dunklen Lider, die Augen entschleierten sich nur zum Theil, halb blieben die Lider über den unnatürlich weiten Pupillen liegen, was dem ganzen Gesichte etwas unbeschreiblich müdes, krankes gab. Sie richtete dann ihre Blicke gerade auf den untergehenden glutrothen Sonnenball, aber trotz des scharf einfallenden Lichtes zogen sich die Iris nicht zusammen, sondern blieben weit und dunkel geöffnet, wie bei manchen Blinden.

Langsam stellte sie die Füße auf den Rand von ihres Vaters Grab, lehnte sich zurück in der bequem geschweiften Bank und athmete mit Genuß die von Blüthenduft durchtränkte Luft des Sommerabends.

Eine himmlische Ruhe war um sie her. Duft, Wärme, Licht und Frieden. Wohin das Auge sah, waren herrlich gepflegte Blumen, freundlich schimmernde Steine mit Goldschrift und Kränzen bedeckt. Die Vögel zwitscherten in den Kronen der alten Bäume, es war so schön und so still an der Stätte des Todes, wie es selten da ist, wo das Leben mit all seinen Rechten noch herrscht.