Wie ein Gebet ging der Hauch des Windes durch Blumen und Blätter. Die scheidende Sonne verklärte den Garten des Herrn. Alle Inschriften flammten und leuchteten auf, auch die auf dem Grabe des alten Stadtrathes: »Das Andenken der Gerechten bleibt im Segen.«

Mit nervöser Hast sah die junge Frau um sich her. Sie war allein, ganz allein mit den Toten. Ein befriedigtes Lächeln zeigte sich einen Augenblick auf ihrem Gesicht. Das gab ihren traurigen müden Zügen eine eigenartige Schönheit.

Sie hatte aus der Tasche ihres Kleides ein kleines schwarzes Etui und ein fest verkorktes Fläschchen genommen. Mit stiller, tief innerlicher Befriedigung sah sie auf den Inhalt des Fläschchens, der wasserhell und ganz unschuldig aussah. Nur einige kleine weiße Crystalle, die nicht ganz aufgelöst darin schwammen, zeigten, daß es eine starke Morphiumlösung war. Dieser kleine, so schwer zu erlangende Vorrath bildete einen überaus kostbaren Besitz für die junge Frau, an dessen Anblick sie sich erfreute und berauschte, ehe sie sich entschloß, das Fläschchen zu öffnen.

Langsam füllte sie die kleine Spritze – fünf Strich, – sechs Strich – nein, es war nicht möglich zu widerstehen, sie zog, bis die Glasröhre voll war. Dann verkorkte sie erst sehr sorgfältig das Fläschchen und überzeugte sich, daß der Verschluß wasserdicht war. Ein verlorner Tropfen war ja unersetzlich.

Vorsichtig schob sie das Kleinod in die Tasche des Kleides zurück. Erst als es da in Sicherheit war, steckte sie mit energischem Druck die Nadel auf das kleine Instrument. Ihre Hände zitterten dabei, theils in der Vorfreude des zu erwartenden Genusses, theils in der Schwäche, in der das Bedürfniß nach diesem Genusse beruht.

Sie schob den Aermel ihres Kleides vom Handgelenk zurück. Ein Leinwandstreifen wurde sichtbar. Sie riß ihn rasch los. Der kleine Verband bedeckte eine breite, wenn auch nicht tiefe Wunde, die durch den Morphiumgebrauch entstanden war. Seit Jahren bedurften die kranken Nerven des anregenden Mittels, und um die Schönheit ihrer Arme nicht zu opfern, hatte sie diese eine Stelle ganz preisgegeben. Der mißhandelte Körpertheil wehrte sich zwar durch Schmerzen und anhaltende Eiterung gegen das ihm aufgezwungene Gift, aber schließlich wurde die Stelle doch ziemlich unempfindlich.

Sie senkte auch jetzt, wie immer die Nadel hier ein. Ein leichter Schmerz zog für einen Augenblick ihre Brauen zusammen, aber das dauerte nicht lange. Der Inhalt der Morphiumspritze verschwand unter der Wunde, der Leinwandstreifen bedeckte rasch wieder die Stelle. Sorgfältig reinigte sie mit einem kleinen Stück Draht das gebrauchte Instrument, dann klappte sie das Etui zu, steckte es ein und lehnte sich gegen den Rücken der Bank, um die Wirkung zu erwarten.

Mit wonnigem Behagen fühlte sie, wie ein berauschendes Empfinden ihr Gehirn, ihre Glieder erfüllte und zugleich lähmte. Alle Wünsche, alle Bedürfnisse des Körpers und Geistes lösten sich in Befriedigung und süße Mattigkeit. Der kranke stumpfe Ausdruck der Augen schwand und machte einem lebhaften, sprühenden Blicke Platz. Die Nerven wußten nichts mehr von Abspannung und Schwäche.

Sie hätte jetzt auf jedem Feste glänzen, jede Arbeitsleistung übernehmen können. Dabei waren ihre Glieder aber doch schwer, so daß sie es entschieden als Annehmlichkeit empfand, zu keiner Bewegung genöthigt zu sein. Nur der Kopf war leicht und frei – so frei, so klar, als ob ein vorher auf dem Gehirn lastender Druck plötzlich entfernt wäre. Sie hatte Durst empfunden, das war jetzt vorbei, sie fühlte sich wohl, namenlos wohl und zufrieden. Ihr vorher gelblich blasses Gesicht nahm etwas Farbe und Wärme an, sie drückte die kühlen, weißen Finger gegen ihre Wangen. Dann zog sie langsam, gedankenlos lächelnd die Handschuhe wieder an, die auf der Bank lagen.

Sie hatte den Augenblick für ihren Genuß gut gewählt, denn mit der, vorher herrschenden Ruhe war es nun vorbei. Ein Leichenwagen fuhr durch das große Portal, hielt vor der Kapelle, und ein Sarg wurde zu einer offenstehenden Gruft getragen. Viele Menschen folgten; der Geistliche begann eine Rede, und wenn die einsame Frau auch davon nichts hören konnte, so war sie in ihrem Alleinsein dennoch gestört.