Außerdem näherte sich ihr jetzt auch ein Herr, der geradeswegs auf sie zukam.
»Was für ein entzückendes kleines refuge Sie hier besitzen, Sie sind zu beneiden, gnädige Frau,« begann er, sie begrüßend.
Sie sah lächelnd zu dem großen blonden Manne empor. »Es sind die Gräber meiner Eltern, Herr Doctor Turnau,« antwortete sie mit einer einladenden Bewegung auf die freie Hälfte der Bank deutend.
Er nahm sofort augenscheinlich erfreut Platz. »Ist das Stück Rasen, auf dem diese Bank steht für Sie reserviert, gnädige Frau?«
»Nein, die Eltern kauften es für meine unverheirathete Schwester. Elise wird voraussichtlich einsam bleiben, bis sie den Rollstuhl mit dem Sarge vertauscht. Für meinen Mann und mich ist noch Platz im Bremerschen Erbbegräbnisse.«
»Ich finde, es hat einen ganz eigenen Reiz, genau die Stätte zu kennen, die uns einmal bestimmt ist,« bemerkte er, indem er den leichten Sommerhut abnahm und das blonde Haar aus der hübschen weißen Stirn strich. Sie lachte: »Das ist wieder eine von Ihren paradoxen Ansichten, mit denen Sie sich manchen Menschen vielleicht interessant machen, andrerseits aber sich nicht nur Widerspruch zuziehen, sondern auch viele ungünstige Urtheile über sich hervorrufen.«
»Ah – ein offenes Wort, ich danke Ihnen dafür, gnädige Frau. Die ungünstigen Urtheile muß ich zu tragen wissen, aber ich strebe weder darnach Widerspruch zu erregen, noch mich interessant zu machen. Nur aus einer nervösen Beunruhigung heraus empfinde ich zuweilen das Bedürfniß, irgend einen Gedanken, selbst einen sonderbaren Gedanken auszusprechen, wenn er mir grade durch den Kopf geht.«
»Dieses Bedürfniß ist natürlich,« antwortete sie, »viel natürlicher für einen gut situirten Mann Ihres Alters, als der Wunsch, die Stätte zu kennen, an der Ihr, jetzt so jugendkräftiger Körper einst zu Staub werden wird.«
Ein trübes Lächeln glitt über die Züge des jungen Mannes. »Dieser jugendkräftige Körper ist der Auflösung und Verwesung näher, als es den Anschein hat. Wenn wir morgen übers Jahr Mariä Himmelfahrt feiern, brennen vielleicht auch für mich schon die Kerzen auf dem Altar.« –
Sie sah ihn ruhig und forschend an. »Warum spielen Sie mit dem Gedanken an das Ende des Lebens?« fragte sie ernst. »Glauben Sie nicht, daß auch für Sie noch Stunden der Befriedigung und des Genusses möglich sind, die mit dem Tode aufhören müssen?«