Wie sie ihn so ansah, leuchtete der rothe Strahl der Sonne in ihre erweiterten Pupillen hinein, er sah aufmerksam darauf hin, dann lächelte er: »Ich danke Ihnen, gnädige Frau, daß Sie mich mit einer moralischen Bemerkung verschont haben. Ich war eigentlich schon darauf gefaßt gewesen. Sie haben übrigens recht, ja – auch ich glaube noch an Stunden des Genusses, an Momente höchster, auf Erden möglicher Befriedigung. – Was ich damit meine, verstehen Sie sicherlich, denn ich sehe, Sie gebrauchen Atropin. Bitte, versuchen Sie nicht, den Mediciner darüber zu täuschen, Sie gebrauchen Atropin, um die Einbuße an Schönheit, die das Auge des Morphinisten erleidet, damit auszugleichen.«

Sie senkte betroffen den Blick. »Ja, ich gebrauche Atropin,« entgegnete sie zögernd, »aber nicht aus Eitelkeit, wie Sie vielleicht annehmen. Wenn Sie selbst Morphinist sind, so wissen Sie auch, daß die Koketterie des Weibes ebenso wie der Ehrgeiz des Mannes in der Seele des Morphinisten erlischt.«

Er nickte verständnißvoll. »Gewiß gnädige Frau,« entgegnete er, »ich billige den an sich gefährlichen Atropingebrauch, weil er Ihnen den Dienst leistet, Ihre Umgebung über Ihren Morphinismus zu täuschen. In Ihrem Falle ist gewiß keine Koketterie im Spiele. Sie riskiren Ihr Augenlicht, aber Sie müssen es ja. Wer gönnte Ihnen den Genuß, der Ihnen unentbehrlich ist, und wer verdiente wohl in Ihr Geheimniß eingeweiht zu werden? Sie sind, wie alle Morphinisten gezwungen, eine Umgebung zu täuschen, die getäuscht sein will.«

Erleichtert athmete Lydia auf. Es that ihr unsagbar wohl, verstanden zu werden. Nur Verurtheilung ihrer Leidenschaft, im günstigsten Falle Mitleid mit einem krankhaften Zustande hatte sie überall angetroffen, wo sie es je gewagt hatte, leise Andeutungen über die Erbitterung zu machen, die sie oft empfand, wenn es ihr fast unmöglich erschien, sich Morphium zu verschaffen. Die Aufregung dieser Erbitterung brachte sie dann zuweilen zum Sprechen.

»Sie finden also meine Schwäche nicht unbedingt unmoralisch, Herr Doctor?« fragte die junge Frau.

»Im Gegentheil,« antwortete er lebhaft. »Alle Religionsstifter der Welt empfehlen den Menschen, ihre Leidenschaften zu bekämpfen. Die natürliche Beschaffenheit unserer Nerven setzt diesen Bestrebungen unüberwindliche Hindernisse entgegen. Das Morphium allein besiegt die Leidenschaften in jeder Brust. Wenn ein neuer Prophet seinen Anhängern zur Bekämpfung ihrer natürlichen, menschlichen Triebe Morphium zur freien Verfügung stellte, so würde er bald eine Gemeinde um sich sehen, der jedes Laster fremd wäre.«

»Ich habe augenblicklich nicht genug Morphium genossen, um dem kühnen Fluge einer prophetischen Phantasie bis zu dieser Höhe folgen zu können,« bemerkte Lydia lächelnd, erstaunt den leidenschaftlich erregten Mann ansehend.

»Soll ich Ihnen geben, was etwa noch fehlt?« fragte er eifrig.

Sie nickte glückselig und sah erwartungsvoll zu ihm auf.

»Wie viel Procent gebrauchen Sie, gnädige Frau?«