Fräulein Hedwig Wagner hatte von ihrer Herrschaft die Erlaubniß erhalten, eine durchreisende Freundin am Bahnhofe begrüßen zu dürfen. In freudiger Erwartung verließ sie die Villa und ging eilig in der herrlichen feuchtwarmen Luft des Sommerabends dahin. Selbst die belebtesten Verkehrsstraßen waren ohne Staub und frei von Hitze. Nur in der großen grell erleuchteten Bahnhofshalle war nichts von der wundervollen Temperatur zu bemerken, die draußen herrschte; es war dumpf und heiß unter den von Kohlenstaub erfüllten gewaltigen Bogen dieses Gebäudes.

Erwartungsvoll stand das junge Mädchen inmitten der sich drängenden Menschenmasse, um sie her brauste und lärmte das Leben des großen Verkehrs. Ein Vorortzug fuhr ein, hielt, pfiff und dampfte weiter. Da gellte ein gräßlicher Schrei durch die Luft, tausendstimmig wurde er von der Menge zurückgegeben und brach sich wiederhallend an der Wölbung der Decke.

Ein Mann war beim Einsteigen ausgeglitten und war unter die Räder des Zuges gekommen. Man zog den Verstümmelten hervor und der Zug fuhr ab. Zuerst wurde ein allgemeines Unglück befürchtet; als man aber sah, daß keine Gefahr vorhanden sei, beruhigte sich die Menschenmenge bald, die Panik verflog rasch wie sie gekommen war, das lebensgefährliche Gedränge, das auf den furchtbaren Schrei gefolgt war, hörte sofort wieder auf. – Ein eigentliches Eisenbahnunglück war ja nicht geschehen. Es hatte nur noch jemand einsteigen wollen, als sich der Zug schon in Bewegung gesetzt hatte. Das alte Unglück, es kommt so oft vor, wer sollte sich wohl besonders darüber aufregen! Kaum eine Minute hatte das gräßliche Ende eines Einzelnen den fluthenden Strom des großstädtischen Lebens ins Stocken gebracht.

»Es wird ein Kranker aus der Irrenanstalt des Professor Schrödter vermißt, hier ist das Signalement, das seine Abreise verhindern soll,« sagte ein Schutzmann, auf den Bahnhofsvorsteher zutretend.

Der Beamte überflog das Signalement. »Lassen Sie uns den Verunglückten recognosciren, die Sache wird stimmen.«

Rasch bahnten sich die beiden Männer einen Weg durch die Menge. Der Tragkorb, in dem der Ueberfahrene lag, wurde niedergesetzt, es wurde festgestellt, daß man den vermißten Patienten der Nervenheilanstalt vor sich hatte, die Träger erhielten deshalb die Weisung, den Sterbenden dorthin zu bringen.

Fräulein Wagner begrüßte ihre Freundin, aber die Freude war ihr doch durch das Unglück verleidet, das sie mit angesehen hatte. –

An der Thür der Klinik empfing der Professor selbst den Kranken-Transport. Er war im Begriffe, in einen wissenschaftlichen Verein zu gehen, wo er einen Vortrag über medicinische Fragen zu halten hatte. In dem Verunglückten erkannte er sofort einen Apotheker, der ihm von seinen Angehörigen als Morphinist überwiesen war. Schon hatte er gehofft, den Kranken bald als geheilt entlassen zu können; nun sah er ihn sterbend vor sich, mit abgefahrenen Beinen und blutendem Kopfe. Der Professor hatte einen Vortrag zugesagt, er mußte fort.

Eilig ordnete er an, daß der Verwundete, der zu Turnau's Station gehörte, dem Assistentsarzte sofort zu übergeben sei, in zwei Stunden werde er selbst nachsehen; damit stieg er in die auf ihn wartende Droschke.

Der Oberwärter leitete den Transport nach dem, in diesem Hause selten benutzten Operationszimmer; die diensthabende Schwester erhielt den Auftrag, den Stationsarzt zu benachrichtigen.